Außenaufnahme des Deutschen Theaters in Berlin (Quelle: dpa)

Kurz-Check: "Leerlauf" - Verwundet und besiegt

Ein Kriegsheimkehrer und der Vater seines gefallenen Kameraden treffen in dieser Uraufführung aufeinander. "Leerlauf" von Rick van den Bos ist ein ungemein hartes und unbedingt sehenswertes Stück über zwei seelisch Verwundete, das in der Box des Deutschen Theaters von zwei herausragenden Darstellern getragen wird. Von Fabian Wallmeier

Das Thema

Zwei Männer stehen sich gegenüber in dieser Uraufführung des Niederländers Rik van den Bos: Birke und Bouwman. Birke, eigentlich Thomas, ist zurück von einem NATO-Einsatz irgendwo in der Wüste. Seine Freundin hat ihn verlassen, seine Eltern verstehen ihn nicht. Er hat den Anschluss an den Alltag verloren und vegetiert nun vor sich hin, mit sich und der Welt hadernd. Auf einem Ohr ist Birke taub von einer Bombenexplosion. Sein Freund Patrick hat diese Explosion nicht überlebt. Dessen Vater Bouwman steht auf einmal bei Birke vor der Tür. Auch er ist nach Patricks Tod von seinem bisherigen Leben losgekoppelt. Seine Gedanken kreisen immer wieder um die Frage, wie und wo genau sein Sohn gestorben ist. Nun will er, dass Birke ihn dorthin bringt.

Die Inszenierung

Der knapp eineinviertelstündige Abend, der gänzlich frei ist von einfachen Er- oder gar Verklärungen, beginnt mit den langen, harten und intensiven Monologen zweier Zerstörter. Birke läuft schon während das Publikum die Box des Deutschen Theaters betritt, wie ein Tiger im Käfig auf der Bühne herum, klatschnass geschwitzt. "Vulneratus" (verwundet) ist in seinem Ausschnitt zu lesen, "victus" (besiegt) auf seinem Rücken. Birke beginnt, seine Geschichte zu erzählen. Nicht zielgerichtet, sondern assoziativ und in rasendem Tempo sprudelt es aus ihm heraus. Immer wieder schreit er und schlägt auf die Bühnenbretter ein. Dann übernimmt Bouwman, der sich aus einem Fallschirm herausschält. Er verheddert sich immer wieder im Geschnür des Schirms, wickelt ihn sich wie eine Stola um die Schulter. Bouwman trägt Tarnuniform und eine Waffe. Er hat sich befasst mit den Details dieses Kriegs, den er so dringend verstehen will, und mit allen großen Kriegen zuvor. Stockend erzählt er vom Moment, in dem er vom Tod des Sohnes erfuhr, aber auch von Fetzen der Erinnerung aus Patricks Kindheit. Dann treffen beide aufeinander: Birke, der endlich vergessen will, und Bouwman, der von ihm verlangt, das Durchlittene noch einmal zu erleben.

Die Darsteller

Zwei ganz starke Auftritte gibt es in "Leerlauf" zu erleben: Thorsten Hierse hat sich Birkes seelische Verletzungen mit beängstigender Intensität einverleibt. Wenn er seine Wut herausschreit und jede Faser seines Körpers vor Aggression angespannt ist, ist das hart an der Grenze des Erträglichen. Jörg Pose hat mit dem älteren Bouwman die etwas leisere Rolle erwischt - und spielt sie mit ähnlicher Eindringlichkeit.

Das Bühnenbild

Karger geht es kaum, treffender auch nicht. Das Bühnenbild passt perfekt zur Unerbittlichkeit des Stücks. Birkes Behausung ist nicht mehr als ein Verschlag. Knarrende lose Planken bilden den Bühnenboden. Irgendwann reißt er sie heraus - und darunter kommt der Wüstensand der Erinnerung zum Vorschein.

Die Publikumsreaktionen

Das grenzt schon fast an Begeisterung: Man klatscht, man johlt, man trampelt - für die Darsteller, für den Regisseur und den Autor.

Das Fazit

Ein hartes Thema, eindringlich und frei von Kitsch in Worte gegossen und in Szene gesetzt.

Fabian Wallmeier

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