Szenenbild aus "Yellow Line" am Deutschen Theater in Berlin (Quelle: dpa)

Kurz-Check: "Yellow Line" - Zwischen Pauschalurlaub und Arabischem Frühling

Eine vom Himmel fallende Kuh dient in der Box des Deutschen Theaters als Bindeglied zwischen der Revolution in Libyen und dem überregulierten Europa. Klingt bescheuert, ist auch bescheuert - und gerade deshalb ist die Komödie von Charlotte Roos und Juli Zeh ein ziemlich großer Spaß. Von Fabian Wallmeier

Das Thema

Ein Fischer wird von einem EU-Grenzbeamten verhört. Eine Kuh ist vom Himmel gefallen und hat sein Boot zum Kentern gebracht. In die EU einreisen will er nicht - doch das passt nicht ins Weltbild des Grenzbeamten.

Der Künstler Paul versteigert sich selbst in einer Performance zugunsten der Revolution in Libyen. Seine Freundin Helene schaut zu und lässt zynische Kommentare ab. Später machen die beiden einen All-Inclusive-Urlaub - und Helene verzweifelt zunehmend an der grenzgebenden gelben Linie, die dem Stück seinen Titel gibt, und ganz allgemein den Beschränkungen, in denen sie die spätkapitalistische Gesellschaft und vor allem sich selbst gefangen sieht.

Ganz am Ende finden beide Hauptstränge auf absurde Weise zusammen - nach einer rasanten Abfolge von Schauplätzen und Nebenhandlungen, die Charlotte Roos und Juli Zeh in das kurze Stück gepackt haben.

Die Inszenierung

Brit Bartkowiak inszeniert die Komödie lustvoll als derbe Groteske. Nicht jede Pointe zündet, was aber weniger der Inszenierung als vielmehr einigen schwächeren, platteren Textpassagen geschuldet ist. Und es fällt kaum negativ auf, weil schlicht keine Zeit zum Stirnrunzeln bleibt. Zur Abgrenzung der Szenen werden kurz nummerierte Zwischentitel auf einen der Vorhänge projiziert, dann geht es munter weiter. Der Abend schält mit großer Lust an der Überzeichnung die Zynismen heraus, die aus interkulturellen Umarmungsversuchen und Missverständnissen entstehen können - und kehrt herkömmliche Vorstellungen um: Der vermeintliche Sehnsuchtsort und Hort der Freiheit Europa wird zum letztlich freiwillig errichteten Gefängnis aus Pauschalurlauben, Regularien und kultureller Übersättigung. Im Nahen Osten dagegen bahnt im Arabischen Frühling der ungefilterte Freiheitswille seinen Weg. Allerdings werden ihm wohl dieselben Eingrenzungen folgen werden wie in Europa: Das Schwierige, heißt es nämlich an einer Stelle, sei nicht die Revolution, sondern die Ordnung, die danach kommt. Gewichtige Themen also werden hier verhandelt - aber sie werden so knallig zugespitzt, dass von drohender intellektueller Überforderung der Zuschauer bei Weitem keine Rede sein kann.

Die Darsteller

Vier Schauspieler übernehmen jeweils drei oder mehr Rollen. Temporeich, wandlungsfähig, lustvoll, brachialkomisch. Hut ab vor Sebastian Grünewald, Franziska Machens und Benjamin Lillie. Und eine tiefe Verbeugung für Anita Vulesica, die mit ihren wahnwitzigen Tiraden als Helene und insgesamt mit ihrer Detailgenauigkeit an diesem Abend in einer eigenen Liga spielt.

Das Bühnenbild

Der ständige und schnelle Wechsel zwischen den Szenerien auf dem engen Raum der DT-Box ist einfach und geschickt gelöst: Hellblaue Vorhänge vorn, hinten und in der Mitte werden auf- und zugezogen - und sogar als Requisiten ins Spielgeschehen einbezogen. Ansonsten gibt es wenig zu sehen auf der Bühne: weiße Drehsessel, eine Leinwand, ein Rednerpult und nicht zuletzt ein kleiner Käfig werden multifunktional eingesetzt.

Die Publikumsreaktionen

Während der Aufführung wurde phasenweise aufällig viel gequietscht und gelacht. Entsprechend heftig fiel auch der Schlussapplaus aus.

Der Spaßfaktor

Nicht immer lacht man auf höchstem Niveau, aber es gibt zweifellos viel zu lachen in diesen 70 Minuten. Und ein paar kleine Denkansätze kann man auch mit nach Hause nehmen.

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