
Kurz-Check: "Ground and Floor" - Gesellschaftlicher Geistertanz mit Botschaft
Japan hat sich nach der Erdbebenkatastrophe von 2011 verändert. Der Autor und Regisseur Toshiki Okada verknüpft den Seelenzustand einer erschütterten Gesellschaft mit seiner minmalistischen Vorstellung von Musiktheater. Jetzt hat seine internationale Koproduktion im Berliner HAU2 Deutschland-Premiere gefeiert. Harte Kost, die aber atmosphärisch eindrucksvoll inszeniert - und an manchen Stellen überraschend einfach gestrickt ist. Von Fabian Wallmeier
Das Thema
Eine Frau erwartet ein Kind. Sie zweifelt, ob sie es in ihrer Heimat Japan zur Welt bringen soll, denn das Land hat sich nach der Erdbebenkatastrophe von 2011 verändert. Die Geister der Vergangenheit und der desolaten Gegenwart begegnen ihr: die verstorbene Schwiegermutter, die ihr voller Hass begegnet, und eine ehemalige Bekannte, die sich in den vergangenen Jahren komplett in die Isolation zurückgezogen hat. Ihr Mann verspricht ihr ein Haus und ein besseres Leben, doch die beiden dringen nicht mehr zueinander durch. Der jüngere Bruder des Mannes trauert um die verstorbene Mutter und spricht an ihrem Grab zu ihr. Doch er verkörpert eine vorsichtige Hoffnung: Er beginnt einen neuen Job, will helfen, das Land wieder aufzubauen - und schöpft Vertrauen in einen Neuanfang.
Die Inszenierung
Ihren Text sprechen die Darsteller mehr zu sich selbst als zueinander, geschweige denn zum Publikum. Da sie alle Mikrofone tragen und häufig zum Boden blicken, fällt es manchmal schwer zu ermitteln, wer gerade spricht. Regisseur und Autor Toshiki Okada hat seiner Inszenierung eine extreme Entschleunigung verpasst. Die fünf Figuren tanzen wie in Zeitlupe über die Bühne, immer im Einklang mit und getrieben von der extrem minimalistischen, auf Schlagzeug, Bassklänge und E-Gitarre reduzierten Musik, die hier mindestens eine sechste Hauptrolle spielt. Musiktheater nennt Okada das - und verweist als wichtigen Bezugspunkt von "Ground and Floor" auf das traditionelle japanische No-Theater, welches auch Musik und Theater nebeneinanderstellt und zudem ebenso die Geister von Verstorbenen auftreten lässt. Ein Hintergrund, den man als Mitteleuropäer nicht zwingend kennt. Doch auch ohne Hintergrundwissen lässt sich ganz unmittelbar erfahren, worum es Okada offenbar geht: um das Sichtbarmachen der klaustrophobischen Zustände einer desolaten Gesellschaft des Nebeneinander. Seine etwas plump formulierten Botschaften sind dabei oft eher simpel gestrickt: Sprache ist Heimat. Die Toten ruhen nicht. Man muss sein Leben selbst in die Hand nehmen. Visuell und atmosphärisch aber ist das prägnant in Szene gesetzt.
Die Darsteller
Der Bruder windet sich um eine beleuchtete Schale, die das Grab der Mutter symbolisiert, der Ehemann windet sich um die Ehefrau. Die tote Mutter windet sich um sich selbst. Nur die Schwangere bleibt größtenteils unbewegt stehen oder kauert sich auf einen Hocker. Als ihr Gegenextrem tritt die seltsamerweise sehr agile Traumversion der in die Isolation versunkenen Bekannten auf. Sie sorgt in diesem verlangsamten Trauerspiel als einzige für komische und wohlig sarkastische Momente: Die in knalligen Rottönen gekleidete Frau spricht so schnell, dass die deutschen und englischen Übertitelungen des komplett auf Japanisch gespielten Stücks nicht mehr mitkommen. Sie bemerkt das, macht es zum Thema - und zum Anlass dafür, sich darüber zu ereifern, was für eine unnütze Sprache dieses Japanisch denn auch sei. Das Kind der Schwangeren jedenfalls solle doch bitte schön eine andere Sprache lernen.
Das Bühnenbild
So minimalistisch wie Spiel und Musik ist auch das Bühnenbild: eine Spielfläche aus hellem Holz, die schon erwähnte Grab-Schale, am rechten Rand ein Spiegel - und hinten in der Mitte ein großes Kreuz, auf das die Übertitelungen und Zwischenüberschriften der sechs Szenen projiziert werden.
Die Publikumsreaktionen
Zunächst verhaltener, dann stärker werdender Applaus - und später verstreute Bravo-Rufe.
Das Fazit
Harte Kost sind sowohl die verhandelten Themen als auch die karge Inszenierung - was in einem offenkundigen Widerspruch zu manch simpler Botschaft steht, die der Text des Stücks vermittelt. Ein eindrücklicher Theaterabend ist "Ground and Floor" dennoch, weil er es über seine Grundstimmung schafft, eine Ahnung vom derzeitigen sozialen Klima in Japan zu vermitteln.
Fabian Wallmeier























































