Szenenfoto aus "Der Käfer" im Heimathafen Neukölln (Copyright: Verena Eidel)

Kurz-Check: "Der Käfer" - Kafka zu Gast bei Familie Flodder

Es ist ja oft vom versteckten Humor in den Texten von Franz Kafka die Rede. Bei der Umdeutung seiner "Verwandlung" im Heimathafen Neukölln kann von versteckt keine Rede mehr sein: Mit Hilfe von deftigem Trash wird hier der über Nacht zum Käfer mutierte Gregor Samsa zum Sozialschmarotzer. Am Mittwoch hat die grundsympathische Inszenierung Premiere gefeiert. Von Fabian Wallmeier

Das Thema

Die Geschichte aus Franz Kafkas "Die Verwandlung" wird ins Berlin der Gegenwart überführt. Gregor Samsa wacht auch hier eines morgens verwandelt auf. Allerdings ist seine Käferwerdung ein langsamerer Prozess - und wird von Gregor und den insektoiden Geistern, die ihn des Nachts heimsuchen, zur bewussten Entscheidung aufgewertet: Der stetig wachsende Turbokapitalismus macht für ihn die Verweigerung seiner Arbeitskraft und die lebensumarmende Hinwendung zum Schmarotzertum geradezu notwendig. Dumm nur, dass Mutter, Vater und Schwester darunter leiden müssen, dass er als alleiniger Ernährer der Familie nun ausfällt. Ganz ernst gemeint ist all das freilich nicht - aber als hübsch absurdes Gedankenexperiment funktioniert es. Und ganz am Ende des 90-minütigen Stücks hat dann doch Kafka das letzte Wort: wenn Gregor-Darsteller Alexander Ebeert die abschließenden Sätze der Erzählung rezitiert.

Die Inszenierung

Andreas Merz-Raykovs Inszenierung hat im Grunde fast alles, was an der Volksbühne einen echten Castorf-Abend ausmacht: die Umdeutung eines Stoffes aus der Weltliteratur, Live-Videoprojektion, eine Drehbühne und nicht zuletzt viel Geschrei. Nur wird hier deutlich prolliger geschrien - was sich ganz natürlich aus der wunderbar Familie-Flodder-haften Überzeichnung der vier Figuren ergibt. Die Drehbühne fällt natürlich im Studiotheater des Heimathafens um einiges kleiner aus als an der Volksbühne - und wird von den Darstellern selbst bewegt. Die Live-Projektionen landen nicht auf riesigen Leinwänden, sondern schlicht auf einem Schwarz-Weiß-Fernseher. Und die Umdeutung der Geschichte gerät um einiges volkstümlicher - im besten Sinn des Wortes. Dazu passt dann letztlich sogar ganz gut, dass sich der eine oder Texthänger bemerkbar macht und das Timing an manchen Stellen hinkt.

Die Darsteller

Alexander Ebeert als Gregor Samsa scheut sich nicht, die Möglichkeiten der Hässlichkeit auszuloten. Sascha Ö. Soydan als seine Schwester Grete bleibt ein wenig konfus. Umso deutlicher ist dafür Frank Büttner als übellaunig sich in sich selbst verkriechender, hier und da aber Wutfontänen spritzender Vater. Die eigentliche Attraktion des Abends aber ist Bärbel Bolle als schreiend wörterzerhackende, keifend über die Bühne trippelnde und schicksalsergeben greinende Mutter.

Das Bühnenbild

Die Drehbühne zeigt auf der Vorderseite die Küche der Familie Samsa, auf der Rückseite Gregors Jugendzimmer. Beide sind detailverliebt in vollendeter Scheußlichkeit ausgestattet - vom Plastikgeschirr in vier Farben bis zur Dino-Bettwäsche.

Die Publikumsreaktionen

Man wirkt sehr zufrieden. Für die Darsteller und den Regisseur samt Team gibt es herzlichen Applaus.

Der Spaßfaktor

Wer Spaß an gewitztem Trash hat, ist hier genau richtig. Ein zwar bei Weitem nicht perfekter, aber handfester und vor allem grundsympathischer Theaterabend.

Fabian Wallmeier

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