
Kurz-Check: "Common Ground" - "Das ist aber auch alles kompliziert!"
Was bedeutet es nach dem Balkankrieg, ein Serbe, Bosnier oder Kroate zu sein - und was verbindet sie? Auf einer gemeinsamen Reise nach Bosnien haben sich Yael Ronen und ihr Ensemble, das größtenteils aus dem ehemaligen Jugoslawien stammt, mit Fragen wie dieser befasst. Am Maxim Gorki Theater haben sie daraus ein eindringliches Stück erarbeitet - und doch wäre ein Dokumentarfilm vielleicht die spannendere Lösung gewesen. Von Fabian Wallmeier
Das Thema
Hausregisseurin Yael Ronen ist mit ihren sieben Berliner Schauspielern nach Bosnien gereist. Einer von ihnen stammt aus Deutschland, eine zweite aus Israel, doch noch gewichtiger: Fünf stammen aus verschiedenen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens, sind Söhne und Töchter von Opfern und Tätern. Auf der Suche nach einem "common ground", einer gemeinsamen Grundlage, nach Zusammenhängen in der vom Balkankrieg der 1990er Jahre zerrissenen Heimat, haben alle zusammen das Stück entwickelt. Es erzählt von konträren Biographien, unterschiedlichen Perspektiven und Erzählweisen - aber vor allem vom Versuch, einander die inneren Dramen verständlich zu machen, die sich in jedem Einzelnen vor dem Hintergrund all dessen abspielen.
Die Inszenierung
Das Stück beginnt nach einem kleinen Vorspiel mit einem revueartigen Ritt durch die Kriegsjahre. In immer schnellerer Abfolge treten die Darsteller ans Mikrofon und fassen, untermalt von den Pop-Hits der Dekade, zusammen: Historische Ereignisse vom Balkan, aber auch von anderswo, werden Jahr für Jahr stichpunktartig runtergerattert. Dazwischen mischen nahtlos Splitter aus den Biographien der Darsteller (in Er- beziehungsweise Sie-Form erzählt) und Panorama-Meldungen: von Steffi Grafs Wimbledon-Erfolgen oder dem Tod Kurt Cobains. Dieses atemlose Nebeneinander von scheinbar Nicht-Zusammengehörigem ist keine neue Idee, aber es bringt den Abend ordentlich in Schwung.
Dann folgt der Bruch: Die gemeinsame Reise nach Bosnien rückt in den Fokus. Wie schon zuvor mischen sich die Ebenen. Doch zum einen ist das Tempo nun deutlich gebremst und zum anderen wird nicht mehr der ganz große Bogen gespannt, sondern es geht um die Innensicht jedes einzelnen: Wie positioniert man sich in seiner Biographie? Was heißt es, ein Serbe oder eine Bosnierin zu sein? Und wieso bin ich doch auf einmal ganz unmittelbar von all den verworrenen Konflikten es Balkans betroffen, von denen ich dachte, sie hätten nichts mit mir zu tun? Spielszenen und rückblickende Kommentare verschwimmen zu einem erzählerischen Ganzen - auch wenn am Ende die Frage nach dem "common ground" höchstens in Ansätzen beantwortet ist.
Das alles wirkt sehr persönlich, brutal ehrlich - und streckenweise trotzdem seltsam blutarm: immer dann, wenn das erzählerische Inszenesetzen allzu stark hervortritt. Man ertappt sich in diesen Momenten bei dem Gedanken, dass man jetzt eigentlich viel lieber einen Dokumentarfilm von der Bosnien-Reise sehen würde als dessen theatrale und leider auch theatralische Aufbereitung.
Die Darsteller
Ganz klar wird nicht, wieviel von dem, was die Darsteller auf der Bühne zeigen, tatsächlich aus den eigenen Biographien stammt. Dennoch: Die emotionale Beteiligung ist vor allem den fünf aus dem ehemaligen Jugoslawien stammenden Schauspielern anzusehen. Aleksandar Radenković steigert sich schreiend in den berührendsten Monolog des Abends, der die Gleichzeitigkeit von seinem stinknormalen Heranwachsen in Deutschland und dem Kriegselend seiner Familie thematisiert. Und Vernesa Berbo, mit Mitte 40 die Älteste auf der Bühne, lässt beim Schlussapplaus ein paar Tränen fließen. Als durchaus witzigen Kontrast dazu gibt Niels Bormann den interessierten, immer etwas zu penetrant nachfragenden Deutschen, dem die schwierigen Verhältnisse und Konfliktlinien auf dem Balkan aber letztlich verborgen bleiben. "Das ist aber auch alles kompliziert", nölt er.
Das Bühnenbild
Magda Willi hat großzügig Sägespäne auf die Bühne gestreut - und eine Mauer aus Holzquadern gebaut, die von den Darstellern immer wieder abgebaut und neu zusammengesetzt wird.
Das Fazit
Wer den Balkon-Konflikt vorher nicht verstanden hat, wird auch jetzt nicht viel mehr als ein vages Gefühl davon haben. Dennoch: Yael Ronen und ihr Ensemble haben einen größtenteils sehr intensiven und intim wirkenden Abend erarbeitet.
















































