
Kurz-Check: "Kinder der Sonne" - Sozialkritik im Soap Opera-Gewand
Kein einziges Wort Russisch fällt auf der Bühne des Maxim Gorki Theaters – dafür ein Schuss, und es gibt türkisches Liedgut zu hören. Während draußen die Cholera wütet, pflegt drinnen ein Biochemiker anstelle seiner Ehe verkümmerte Basilikumpflänzchen. Nurkan Erpulats Versuch, Gorkis vorrevolutonäres Drama in Bezug zur Gegenwart zu setzen, holpert zwar an einigen Stellen. Doch unterhaltsamer als jede Soap ist "Kinder der Sonne" allemal. Von Karo Krämer
Das Thema
An einem unbestimmten Ort, zu einer von Smartphones geprägten Zeit: Im Mietshaus von Páwel Fjódorowitsch (Thomas Wodianka) gehen die Gäste der Bildungsschicht ein und aus, darunter auch High Society-Dame und Vorzeige-Dummchen Melánija (Mareike Beykirch). Die liefert den besten Beweis dafür, dass Geld allein nicht glücklich macht. In fanatischem Liebeswahn buhlt sie um Páwels Aufmerksamkeit. Doch der Biochemiker hat weder für Melánija noch seine Frau Jeléna (Sesede Terziyan) Augen. Stattdessen widmet er sich ausschließlich der Pflanzenforschung. Von ihrem Gatten vernachlässigt, flirtet Jeléna unterdessen mit dem Künstler Dimítrij (Bernhard Conrad). Dass draußen die Cholera wütet, scheint den Anwesenden zunächst egal. Zu sehr sind sie mit sich und ihren Gedanken beschäftigt. Nur Lisa (Marina Frenk), Páwels nervenkranke Schwester, registriert die sozialen Unruhen draußen und sieht darin den beginnenden Untergang der Menschheit. Die Annährungsversuche ihres Verehrers Bóris (Till Wonka) weist sie ebenso zurück wie seinen Heiratsantrag. Doch Bóris lässt sich zunächst nicht entmutigen. Und Hausmütterchen Antónowna (Sema Poyraz)? Die glaubt fest, dass früher alles besser war.
Die Inszenierung
Mehr als 100 Jahre liegen zwischen dem Stück des russischen Revoluzzers Maxim Gorki und der Neuinszenierung am Maxim Gorki Theater. Zu einer Zeit, die von den Vorboten der russischen Revolution bestimmt war, hatte Gorki das Stück 1905 während seiner Gefangenschaft infolge des "Petersburger Blutssonntags" verfasst. Weitaus weniger revoultionär geht es unter der Regie von Nurkan Erpulat zu. Angelehnt an die elitären Kunstdiskurse möchtegern-avantgardistischer Yuppie-Künstler wird zwar der Bezug zur Hauptstadt deutlich, überraschend ist er jedoch nicht. Zu oft schon wurde und wird auf das Thema angespielt, und auch Páwels kapitalistischer Hausvermieter tritt mit seinen schutzfolieüberzogenen Lackschuhen nur aufs Neue in die Fußstapfen eines etablierten Marketing-Stereotypen. Das könnte im Sinne einer Karikarierung von Karikarierungen erheiternd sein, doch dafür fehlt sowohl den Figuren des Künstlers Dimítrij (Bernhard Conrad) als auch des Immobilienhais (Mehmet Yılmaz) das nötige Maß an konsequenter Überzeichnung. Insgesamt geht es um so viel Zwischenmenschliches, dass der Gedanke an eine Soap Opera fast unfreiwillig kommt. Aktualität im Hinblick auf Gorkis Vorlage zeigt die Inszenierung dennoch. Die Herrschaftsverhältnisse zwischen Hausbediensteten bzw. Arbeitern und Bildungsgesellschaft werden dabei ebenso thematisiert wie die sozialen Unruhen vor der Haustür – wenn auch relativ beläufig. Vor allem in Páwels Haus zeigen sich die unterschiedlichen und teilweise paradox erscheinenden Auffassungen von Hierarchie: Während der Hausherr einen demokratischen, aufgeschlossenen Standpunkt vertritt und seinen Arbeitern auf gleicher Augenhöhe begegnet, stellt die Angestellte Antónowna fest: "Wozu braucht man die Freiheit? Früher wusste jeder, was er ist."
Die Darsteller
Eine tragende Rolle, im wahrsten Sinne, nehmen die sechs Arbeiter auf der Bühne ein. In ihrer Funktion als Kronleuchter- und Tischhalter verziehen sie keine Miene und sorgen für eine humorvolle Grundstimmung, die in der Pause des lebendigen Mobiliars gipfelt: Fünf Minuten lang legen sie Tisch und Kronleuchter nieder und setzten sich auf den Boden. Zu hören ist nichts, außer einem französischen Song, den ein Arbeiter auf seinem Smartphone abspielt. Überzeugend in seinem aggressiven Auftreten zeigt sich Falilou Secks Darstellung des von Verzweiflung gezeichneten Schlossers Jegór. Als Páwel ihn auf Lisas Verdacht hin vorsichtig fragt, ob er seine Frau schlägt, antwortet er wie selbstverständlich: "Natürlich schlage ich meine Frau. Ich liebe sie doch." Nach dem Tod seiner Frau infolge der Cholera gipfeln Jégors Verzweiflung und Unwissenheit schließlich in einem Angriff auf den Biochemiker, zu dem er die anderen Arbeiter angestiftet hat. Secks Gestik und Ausdruck, die Aggression als auch Naivität, mit der er den desorientierten und verzweifelten Charakter des sozial vorbelasteten Arbeiters verkörpert, helfen dem Zuschauer, Jégors Verhaltensweisen einer tragischen Figur nachvollziehen zu können. Auch Lisas Nervenzusammenbruch als sie von Bóris‘ Selbstmord erfährt, lässt keine Zweifel offen, dass Marina Frenk sich intensiv mit ihrer Rolle auseinandergesetzt hat.
Das Bühnenbild
Zunächst ist das Bühnenbild auf schwarzen Stoff und Erde reduziert. Doch dann bringt das Hausmütterchen Antónowna nach und nach mit einem Besen den Untergrund zum Vorschein. Aus dem Dreck, dem vermeintlichen Nichts, entsteht ein sparsam eingerichteter Innenraum, dessen enthüllte Kronleuchter vom sozialen Status seiner Bewohner zeugen. Entsprechend reduziert zeigt sich auch die Musik – vom bloßen Glasharfenspiel bis hin zu einem türkischsprachigen Solo Sema Poyraz‘ und einem bayerischen Chorgesang der restlichen acht Protagonisten. Ihr eigenes Verhalten wird den Protagonisten dabei von Zeit zu Zeit mittels eines verbogenen bühnengroßen Spiegels, der heruntergefahren wird, vor Augen geführt.
Das Fazit
Ein unterhaltsamer Abend, wenn man die Inszenierung eines 100 Jahre alten und noch dazu prä-revolutionären Stoffes im modernen Gewand der Gegenwart akzeptiert. Ausgehend davon haben der Regisseur als auch größtenteils die Darsteller den anerkennenden Applaus des Publikums durchaus verdient.















































