Till Wonka in der Titelrolle in "Woyzeck !!! - Magical Murder Mystery" am Berliner Maxim Gorki Theater (Quelle: imago)

Kurz-Check: "Woyzeck III - Magic Murder Mystery" - Lallen, hacken, Leichen schänden

Mirko Borscht hat am Maxim Gorki Theater aus Motiven von Georg Büchners "Woyzeck" eine dumpfe Metzel-und-Meuchel-Show gebastelt und ihr einen mindestens drei Nummern zu groß geratenen Überbau verpasst. Fünf Darsteller torkeln wie Zombies durch gut zwei Stunden düster dräuende Zumutungen. Einzig ein furioser Monolog bringt etwas Licht in diesen schwer erträglichen Abend. Von Fabian Wallmeier

Das Thema

Mirko Borscht und sein Ensemble haben Georg Büchners "Woyzeck", nun ja, sagen wir: weiterentwickelt. Es wird weit ausgeholt an diesem Abend: Gleich zwei Welt- und Menschheitsschöpfungsgeschichten werden erzählt - eine umgedeutete biblische und eine essayistische. So unterschiedlich die Ansätze dieser beiden unangemessen aufgeblasenen Prämissen auch sind, münden doch beide in der Erkenntnis, dass der Mensch triebhaft ist und morden muss. Und damit knüpft der Abend dann wieder bei Büchners Figur an, einem Soldaten, der für medizinische Experimente missbraucht wird, Stimmen aus der Wand zu ihm sprechen hört und zum Eifersuchtsmörder seiner Geliebten Marie wird.

Die Inszenierung

Gemordet wird ausgiebig an diesem knapp zweieinviertelstündigen Abend. Die fünf Darsteller dürfen alle mal ein bisschen Woyzeck sein, sie metzeln einander ab, schänden ihre Leichen und lassen sich über ihre sadomasochischtischen, nekrophilen oder sonstwie abstoßenden Phantasien aus.

Eine durchgehende Handlung gibt es nicht, vielmehr ist der Abend eine Aneinanderreihung von wirren düsteren Provokationen. Das verlangt einige Geduld und ist auf Dauer extrem ermüdend. Die Darsteller stolpern zombiehaft über die Bühne. Den halben Abend über sind sie kaum zu verstehen, weil fast immer gleichzeitig zum vermeintlichen Hauptdialog auf der Bühne jemand singt oder finstere archaische Monologe in ein ein Mikrofon spricht. Und weil Borscht ihnen offenbar das dumpfe Lallen als adäquates Mittel zur Veranschaulichung ihres düsteren Tuns anempfohlen hat.

Die Wand, aus der Büchners Woyzeck Stimmen hört, teilt hier die Bühne in einen Vorder- und einen Hinterteil. Sie dient zugleich als Projektionsfläche, die sichtbar macht, was hinter ihr geschieht: Von oben blicken wir auf eine Art satanistischen Kreis, der aus Frauenleichen geformt ist. Ein Mann zerrt die Körperpuppen durch die Gegend, schlägt und hackt auf sie ein. Seine Schreie dringen dumpf hinter der Wand hervor - und nach und nach wird klar, dass sie auf das vorne Gesprochene reagieren: Sie bilden dazu den abgrundtief bösen Kontrapunkt, das Unterbewusstsein, das die Figuren vorn auf der Bühne noch leidlich zu verbergen versuchen.

Zwischendurch kommt dann immerhin etwas Licht in die Inszenierung: In einem furiosen Monolog, der den einsamen Höhepunkt dieser düster dräuend durchlallten Zumutung bildet, hält Dimitrij Schaad mit schneidender Präzision in Gestik und Artikulation einen minutenlangen hochkomplexen Vortrag: Er spricht über die Geschichte der Menschheit, der Sprache, der Religion, des Bewusstseins. Danach geht das dumpfe Treiben weiter.

Die Darsteller

Dimitrij Schaad bekommt für seinen langen hitzigen Monolog zurecht Szenenapplaus. Wie es ihm gelingt, einen komplizierten theoretischen Diskurs so greifbar, lebendig, unterhaltsam zu machen, ist ganz große Kunst. Falilou Seck donnergrollt derweil gekonnt alttestamentarische Finsternis in ein Mikrofon. Tamer Arslan gibt etwas blässlich die naiv-unschuldige Reinkarnation Woyzecks, Till Wonka grölt und lallt sich als ultimativ böser Gegenpol durch den Abend. Und Mareike Beykirch spielt von der jungen Verliebten bis zum mordgeilen Luder mehrere mögliche Variationen der Büchnerschen Marie durch.

Das Bühnenbild

Die Bühne ist passend zur Inszenierung düster eingerichtet und nur spärlich beleuchtet. Nur das Publikum wird zweimal mit grellem Licht geblendet. Die mittlere Wand öffnet sich zur Hälfte des Abends. Dahinter kommen neben den Leichenpuppen einige dunkel getönte spiegelnde Flächen zum Vorschein. Und weiter hinten steht ein gut zwei Meter hoher Alien-Kopf, der wohl eine Gottheit darstellen soll.

Das Fazit

Begonnen hat der Abend mit einer Aufforderung an die Zuschauer: Bevor sie Platz nehmen, sollen sie Grablichter auf die Bühne stellen. Die werden irgendwann beiläufig beiseite gekehrt - ein banaler Akt, der aber doch sinnbildlich für den Abend steht: Er verlangt seinem Publikum einiges ab und gibt ihm so gut wie nichts zurück. Zumindest nichts, was es behalten möchte.

Beitrag von Fabian Wallmeier

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