
Kurz-Check: "Forest: The Nature of Crisis" - Metamorphosen im nächtlichen Unterholz
Am Samstag, den 10. August eröffnete die Schaubühne die neue Spielsaison im Müggelwald, 30 Kilometer von der eigentlichen Spielfläche entfernt. Ilona Marenbach hat sich mit Taschenlampe bewaffnet ins Unterholz begeben.
Das Thema
Der Wald als Projektionsfläche für Veränderung. Gerade die Deutschen, so die gebürtige Argentinierin Constanza Macras, hätten ein ganz besonders mythisches Verhältnis zum Wald. In vielen Märchen finde eine Transformation statt, man gehe anders aus einem Wald heraus als man hereingegangen sei. Genauso wie bei einer ökonomischen Krise. Die Reichen bleiben zwar in der Regel reich, aber alle anderen trifft es hart und am Ende ist für sie nichts so, wie es war. Also: Krise gleich Wald oder Wald gleich Krise.
Einen logischen Erzählstrang sucht man vergebens. Die Inszenierung ist eine assoziative Kette, deren Glieder so oder auch anders aufeinander gereiht sein könnten.
Die Inszenierung
Eine wilde, akrobatische Tanzperformance, die sich über einen zwei Kilometer langen Parcours durch den langsam dunkler werdenden Müggelwald schwingt. Und das Publikum zieht immer mit, auf und ab. Begleitet von fliehenden Mädchen, die angstvoll durchs Unterholz rennen oder zotteligen Monstern, die zwischen den Bäumen hindurch huschen. Die Choreografie verwebt alte Grimmsche Märchen, die auf Öko-Krise umgeschrieben wurden, mit Musik von Schubert, Johnny Cash oder Tokio Hotel. Eine krasse Mischung, aber immer so, dass das Original kaum erkennbar ist, denn die Sänger zielen bewusst neben den richtigen Ton. Die Show endet mit unerwarteter Stille: John Cage’s 4:33, das Stück, in dem vier Minuten 33 Sekunden lang kein Laut zu hören ist.
Die Tänzer und Darsteller
Eine ebenso wilde wie bunte Truppe: jung, alt, spindeldürr bis massiv dick. Sie schmeißen sich in den Dreck, ziehen sich an Armen, Beinen und Haaren wieder heraus, umarmen sich zu menschlichen Verknotungen, um gleich danach wieder gegeneinander anzuspringen und kämpfen, sich mit heftigen Zuckungen in Trance zu tanzen. Streeatdance auf Waldboden. Begleitet von Livemusik und wunderbaren Märchenerzählerinnen und Erzählern, die dabei teilweise noch tänzerische Solos hinlegen.
Das Bühnenbild
Der Wald, was sonst! An sechs Stationen, mal mit Blick auf den Müggelsee, mal auf den Müggelturm, oft - scheinbar willkürlich - an irgendeiner Stelle aufgebaut, darf das Publikum auf kleinen dreibeinigen Klappstühlchen Platz nehmen, die am Eingang verteilt wurden. Hockend, aber nicht unbequem, kann man den halsbrecherischen Darbietungen folgen. Zwischen den Stationen warten immer wieder kleine Überraschungen wie angeleuchtete Tote, weiße Kleider, die zwischen Bäumen hängen oder auch ein Matratzenstapel, auf dem eine Prinzessin keinen Schlaf findet.
Die Publikumsreaktionen
Am Ende gab es viel Applaus. Zwischendurch aber auch oft Blicke auf die Uhr. Dreieinhalb Stunden zog die Karawane durch den Wald, um die sechs Stationen abzuklappern. Aber die meisten waren gut vorbereitet. Hatten bequeme Schuhe dabei, Tee und Wasser und was weiß ich noch im Rucksack. Eine duftende Autan-Wolke legte sich schon zu Beginn über die Truppe und hat tatsächlich den lauernden Mückenschwarm gebremst, sodass die meisten auch unbeschadet aus dem Wald wieder heraustrotteten.
Der Spaßfaktor
Weniger wäre mehr gewesen. Vier statt sechs Stationen hätten auch gereicht. Wenn man aber genug zu Trinken, etwas zu Essen, am besten noch eine Begleitperson zum Plaudern unterwegs dabei hat, dann ist der Spaßfaktor trotzdem groß. Gerade weil es an einem Handlungsstrang fehlt, gibt es das Bedürfnis, darüber zu reden. Aber Achtung, es sind nicht nur die zwei Kilometer abzulaufen, der Höhenunterschied dabei ist enorm, schließlich ist der Müggelberg (114 Meter) der zweithöchste der Stadt.
























































