Schaubühne Berlin: Ingo Hülsmann und Lars Eidinger in "Tartuffe" (Foto: Katrin Ribbe)

Kurz-Check: "Tartuffe" - Schreien und Plärren im Drehquader

Michael Thalheimer macht an der Berliner Schaubühne aus Molières Komödie "Tartuffe" fast eine Tragödie. Doch dann gönnt er seinem erstklassigen Ensemble doch noch ein wenig Gaga-Sprech und findet einen überzeugenden Tonfall zwischen den beiden Polen. Die eigentliche Attraktion ist aber nicht die Inszenierung, und auch nicht Lokalmatador Lars Eidinger in der Titelrolle. Von Fabian Wallmeier

Das Thema

Der Frömmler Tartuffe hat sich bei Orgon eingenistet. Dessen Familie hat schnell erkannt, dass dieser vermeintliche Mann Gottes ein Betrüger ist. Doch Orgon weigert sich standhaft, daran zu glauben, obwohl so gut wie alles für die bösen Absichten des Hausgastes spricht. Er verspricht Tartuffe seine Tochter und vermacht ihm sein gesamtes Hab und Gut. Der zögert nicht lang - und lässt Orgon und die Seinen kurzerhand vor die Tür setzen.

Die Inszenierung

Molières Komödie hat an dieser Stelle eigentlich noch eine Wendung ins Gute parat: In letzter Sekunde wird Tartuffe das Handwerk gelegt. Regisseur Michael Thalheimer verweigert Orgon diese unverhoffte Rettung. Verarmt und belämmert lässt er ihn zurück, untermalt vom buchstäblichen Katzenjammer, den Familie und Gefolgschaft anstimmen.

Der Weg bis zu diesem bösen Finale ist teilweise steinig. Die Inszenierung braucht einige Zeit, bis sie sich entscheidet, eine Komödie zu sein. Thalheimer lässt seine Darsteller zunächst hasserfüllt ihre Monologe ins Publikum schreien, begleitet von donnernden Gitarren. Fast denkt man, Thalheimer hätte hier umgedreht, was zuletzt Stefan Pucher mit "Hedda Gabler" getan hat:  Der modelte Ibsens Tragödie "Hedda Gabler" in eine Komödie um. Und man hat sich schon fast damit abgefunden, dass der Abend entgegen der Erwartung nicht mehr witzig wird, als er dann doch kippt - und aus "Tartuffe" noch eine Art Komödie wird. Die legt zwar ihren Hang zum Bitterbösen, fast Düsteren nie ab, leistet sich aber auch herrliche Albernheiten.

Die Darsteller

Schreien, plärren, Gaga sprechen - und das alles nicht zueinander, sondern mit dem Gesicht frontal zum Publikum: Es macht Spaß, dem exzellenten Ensemble bei seinem absurden Treiben zuzusehen. Die am wenigsten komische Rolle in Thalheimers Inszenierung ist ausgerechnet der Titelheld. Lars Eidinger sammelt als Tartuffe keine Lacher ein, überzeugt aber als schreiender Irrer - und darf sich an einer Stelle in einer Art Kreuzigungspose gefallen. Ein allzu plakativer Einfall, denn der religiöse - oder auch nur vermeintlich religiöse - Wahn dieses Tartuffe wäre ohnehin mehr als deutlich geworden.

Das Bühnenbild

Die Pose hat Eidinger Olaf Altmanns spektakulären Bühnenbild zu verdanken, das den Darstellern äußerste akrobatische Präzision abverlangt. Es besteht aus einem in abgestumpftem Gold verkleideten Quader, der um seinen Mittelpunkt rotieren kann - und zwar nicht horizontal, wie man das von Drehbühnen kennt, sondern vertikal. Er dreht sich - zunächst kaum merklich, dann immer schneller - nach rechts. Das unterstreicht zum einen, wie die Beinahe-Tragödie allmählich doch noch ins Komödiantische kippt, und zum anderen auch, wie Orgons Leben immer weiter aus den Fugen gerät. Einmal verharrt der Quader in einem 45-Grad-Winkel mit der Spitze nach unten - und am vorderen Bühnenrand stützt Eidinger links und rechts die Arme in besagter Kreuzigungspose auf.

Die Publikumsreaktionen

Man klatscht heftig, die Darsteller werden ausgiebig bejohlt. Lars Eidinger allerdings, immerhin der Star des Hauses, wird im Vergleich nicht gerade mit dem tosendsten Applaus bedacht.

Das Fazit

Nach den etwas aufgeblasenen düsteren Anfangsminuten findet die Inszenierung ihren Tonfall. Dank der Darsteller und nicht zuletzt wegen des rotierenden Quaders lohnt sich der Besuch allemal.

Beitrag von Fabian Wallmeier

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