Martin Wuttke in "Glanz und Elend der Kurtisanen" an der Berliner Volksbühne (Quelle: imago)

Kurz-Check: "Glanz und Elend der Kurtisanen" - Martin-Wuttke-Show im Dauerflimmern

René Pollesch hat sich an der Volksbühne Balzacs Roman "Glanz und Elend der Kurtisanen" vorgenommen - und nicht viel davon übrig gelassen. Statt dessen lässt er seine fünf Schauspieler über Fiktion und Authentizität sinnieren und den Verlust des "Glanzes der Öffentlichkeit" lamentieren. Fabian Wallmeier über eine etwas widersprüchliche Premiere, die aber große Kraft aus ihrem sensationellen Hauptdarsteller zieht.

Das Thema

Wer Honoré de Balzacs Roman, dem Polleschs Stück zu Grunde liegt, nicht gelesen hat, hat es schwer nachzuvollziehen, worin nun eigentlich die Handlung auf der Bühne bestehen könnte. Macht aber nichts, denn Pollesch schert sich nicht sonderlich um die Handlung. So lässt er seine Schauspieler den von Balzac erdachten Plot nicht wirklich spielen, sondern nur in Ansätzen referieren. Pollesch interessiert sich vielmehr für bestimmte Thesen und Fragen - ob diese nun explizit im Roman vorkommen oder ein paar gedankliche Ecksprünge auslassend in das Bühnengeschehen geraten sind.

Die Inszenierung

Es geht unter anderem um die "Schönheit der Geste im öffentlichen Raum" und um das Bedauern darüber, dass sie mittlerweile kaum noch zu finden ist: "Alles verliert den Glanz der Öffentlichkeit" - was Pollesch am Beispiel des Rauchens zeigt, indem er seine Schauspieler nicht nur permanent qualmen, sondern auch permanent darüber reden lässt.

Die Frage nach dem Selbst, nach (vermeintlicher) Authentizität und (vielleicht am Ende viel authentischerer) Fiktion, die im Kern der langen monologischen Ausführungen vor allem Martin Wuttkes stehen, macht Pollesch am Spiegelbild fest. Der gesamte Bühnenboden ist mit Spiegelfolie ausgelegt. Dadurch sehen sich die Figuren durchgehend selbst - und einander doppelt. Pollesch lässt dieses Identifikationsproblem in einer hochkomischen Aneinanderreihung von Sätzen im Stil von "Ich glaube, dass er, also sie, ich meine du glaubst, dass ich, ich meine er..." münden.

Und dann schickt er als belebendes Element noch einen riesigen schwarzen Ballon mit der weißen Aufschrift "ZAC" von der Decke (die Aufschrift "BAL" zur Vervollständigung des Autorennamens könnte man sich auf das dem Zuschauerraum abgewandte Halbrund des Ballons denken). In die Gondel dieses Ballons steigen einmal alle fünf Akteure ein. Ein anderes Mal führt Martin Wuttke, begleitet von einem dramatischen Chanson, einen Tanz mit ihm auf, steigt dann abermals ein und tauscht sein Priestergewand gegen Rüschenkleid und Haube (nachdem er ganz zu Beginn im Kostüm eines schütteren Orang Utans und mit überdimensionierter oberer Kauleiste aufgetreten war).

Das ist so schön anzusehen, dass man darüber fast vergisst, worum es nun eigentlich geht - und ertappt sich bei dem Gedanken, dass man es genau genommen gar nicht vergessen konnte, weil man es nie wusste. Denn Polleschs Auslassungen sind beileibe nicht frei von Widersprüchen. Aber das sollen sie wahrscheinlich auch gar nicht sein, denn: "Die Wahrheit ist das Verbrechen." Aha.

Die Darsteller

"Glanz und Elend der Kurtisanen" ist bei Licht betrachtet eine anderthalbstündige Martin-Wuttke-Show. Wuttke muss gefühlte zwei Drittel des Textes sprechen - und triumphiert. In einem Dauerzustand hektischer Angenervtheit schleudert er Polleschs Sätze aus sich heraus und windet sich dabei über die Bühne, dass es eine Wonne ist. Birgit Minichmayr hat den zweitgrößten Batzen Text zu schultern, muss aber mehrfach die Souffleuse um Rat bitten. Für die restlichen drei Schauspieler bleibt naturgemäß wenig Raum, sodass von ihnen kaum mehr als ein solider Eindruck bleibt.

Das Bühnenbild

Neben dem imposanten Ballon gibt es nur eine einzige Requisite: einen Standaschenbecher am rechten Bühnenrand. Einmal mehr wird die schiere Größe der Volksbühne ausgenutzt, die durch die Spiegelfolie auf dem Boden noch ein Stück größer wirkt. Umrandet ist die Spielfläche von langen, dünnen, reflektierenden Metallfäden (vielleicht aus demselben Material wie die Folie auf dem Boden), die dicht an dicht von der Decke hängen. Ihr leichtes Flattern erzeugt ein dauerhaftes Flimmern - das die gedanklichen Sprünge und schwer zu fassenden Zusammenhänge des Stücks sehr treffend optisch unterstützt.

Die Publikumsreaktionen

Man ist offenkundig zufrieden mit dem Abend. Ansatzweisen, aber gleich vom Fortgang der Handlung niedergerungen Szenenapplaus gibt es für Martin Wuttke. Am Ende wird eifrig geklatscht, für Pollesch und sein Team braust der Applaus noch weiter auf.

Der Spaßfaktor

Wäre Martin Wuttke nicht dabei, würde sich der Spaß wahrscheinlich in weitaus engeren Grenzen halten. Wuttke ist aber dabei - und sein phänomenaler Auftritt macht den Abend auch dann sehenswert, wenn sich ansonsten beim Verlassen der Volksbühne hauptsächlich die Fragenzeichen türmen.

Fabian Wallmeier

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