Kirill Petrenko (Quelle: Berliner Philharmoniker/Foto: Wilfried Hösl)

Nachfolger von Sir Simon Rattle - Kirill Petrenko wird neuer Chefdirigent der Philharmoniker

Damit hat keiner gerechnet: Nach der verpatzten Wahl vor sechs Wochen haben die Berliner Philharmoniker nun doch einen neuen Chefdirigenten gefunden: Der Russe Kirill Petrenko tritt die Nachfolge von Sir Simon Rattle an, der 2018 aufhört. Petrenko, Jahrgang 1972, gilt als einer der begabtesten zeitgenössischen Dirigenten. In einer ersten Reaktion zeigte er sich tief gerührt.

Kirill Petrenko wird neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Das gab das Orchester am Montagmittag bekannt und bestätigte damit eine rbb-Exklusivmeldung. Rund drei Stunden lang hätten die Orchester-Mitglieder am Sonntag beraten und dann gegen 12 Uhr Petrenko ihre Entscheidung telefonisch mitgeteilt, sagte Orchestervorstand Peter Riegelbauer bei einer Pressekonferenz.

"Von Euphorie bis zu Ehrfurcht und Zweifel ist alles drin"

Nach dem Wunsch der Philharmoniker soll Petrenko direkt im Anschluss an Sir Simon Rattle übernehmen, der im Jahr 2018 auf eigenen Wunsch aufhören wird. Ob der nahtlose Übergang klappt und wie lange der Vertrag von Petrenko laufen wird, sei aber noch nicht klar. Dies sei Gegenstand von weiteren Verhandlungen, die "sicher nicht mehr in diesem Sommer" abgeschlossen werden könnten, hieß es.

Kirill Petrenko sei telefonisch über die Entscheidung informiert worden, sagte Riegelbauer. Dabei habe er gerufen: "Ich umarme das Orchester!". Anschließend habe er eine E-Mail geschickt und sich darin tief gerührt gezeigt. Auf der Pressekonferenz am Montag, an der Petrenko nicht teilnahm, wurde die E-Mail von Solo-Cellist Olaf Maninger verlesen. Petrenko habe geschrieben: "Man kann es gar nicht in Worte fassen, was in mir gefühlsmäßig vorgeht: Von Euphorie und großer Freude bis zu Ehrfurcht und Zweifel ist da alles drin. Ich werde meine ganze Kraft mobilisieren, diesem außergewöhnlichen Orchester ein würdiger Leiter zu sein und bin mir auch der Verantwortung und der hohen Erwartungen bewusst."

Letztes Interview vor drei Jahren

Nach Einschätzung von rbb-Kulturexpertin Maria Ossowski sind sich die Philharmoniker mit der Wahl Petrenkos treu geblieben. Nach dem "Maestro und Selbstdarsteller" Herbert von Karajan hätten sie sich für den bescheidenen und ruhigen Claudio Abbado entschieden, auf den der "quirlige und hochkommunikative" Rattle gefolgt sei. Petrenko nun sei wiederum das Gegenteil von Rattle. Der Russe habe sein letztes Interview vor drei Jahren gegeben. Anders als bei Rattle, würden Kommunikation und Außenwerbung des Orchesters nun wieder von Intendanz und Orchestervorstand übernommen werden müssen, meint Ossowski - während sich Petrenko ganz der Partitur der dargebotenen Werke widmen werde.

Reaktionen auf die Wahl von Kirill Petrenko

  • Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin

  • Monika Grütters, Kulturstaatsministerin

  • Sir Simon Rattle, amtierender Chefdirigent

  • Martin Hoffmann, Intendant der Berliner Philharmoniker

  • Tim Renner, Kulturstaatssekretär

  • Ulrich Knörzer und Peter Riegelbauer vom Orchestervorstand

Mit 23 Jahren Debüt als Dirigent

Seit 2013 ist Petrenko Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, er gilt als eines der größten Talente seiner Generation. Der als zurückhaltend geltende Dirigent wurde im russischen Omsk geboren, 1990 zog er mit seiner Familie ins österreichische Vorarlberg, weil sein Vater eine Stelle beim dortigen Symphonieorchester erhielt. 1995 gab der Sohn bei diesem Orchester - gerade 23 Jahre alt - sein Debüt als Operndirigent. Sein Dirigentenstudium absolvierte Petrenko an der Musikuniversität in Wien.

Von 1999 bis 2002 hatte er am Theater im thüringischen Meiningen sein erstes größeres Engagement als Generalmusikdirektor. Dort wurde er dann auch einem größeren Publikum bekannt, als er Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen" zur Aufführung brachte - an vier aufeinander folgenden Tagen und mit zwei Orchestern. Für ein kleines Haus wie das in Meiningen sei diese eine enorme Herausforderung gewesen, berichtet rbb-Kulturredakteur Andreas Göbel, aber Petrenko habe schon damals gezeigt, dass er in der Lage sei "ohne großes Aufsehen Grenzen zu überschreiten".

Kritische Stellungnahme in Bayreuth

In Bayreuth dirigierte Petrenko seit 2013 und in diesem Sommer letztmals den "Ring". Anfang Juni machte der sonst so zurückhaltende Star-Dirigent von sich reden, als er den aus seiner Sicht "unprofessionellen und würdelosen" Umgang der Bayreuther Festspiele mit ihrer künstlerischen Festspielleiterin Eva Wagner-Pasquier kritisierte. Ansonsten gibt der Russe kaum Interviews und übt auch Zurückhaltung bei der Aufnahme von CDs.

In seiner Arbeit setzt Petrenko vor allem auf Qualität. Diese sei immer die Basis gelungener Arbeit: "Ohne Qualität kann man letzten Endes nicht zu einem freien Musizieren kommen", sagte Petrenko in einem seiner wenigen Interviews vor über zehn Jahren. Um dies zu erreichen, müssten alle Beteiligten eine "große Anstrengung" aufbringen.

"Allererste Wahl"

Dass Petrenko nach der ersten gescheiterten Wahl am 11. Mai ein Kompromiss-Kandidat gewesen sei, wurde von Orchester-Seite zurückgewiesen. Ziel sei es gewesen, eine große Mehrheit für Petrenko zu gewinnen, sagte Maninger, der neben seiner musikalischen Rolle als Solo-Cellist auch als Medienvorstand der Philharmoniker tätig ist. "Die haben wir jetzt am zweiten Tag gefunden und sind ganz glücklich", unterstrich Maninger im rbb. Dass er nun der lachende Dritte sei, stimme nicht. Auch Riegelbauer wies die Vermutung, die Musiker hätten bei der Wahl taktiert, entschieden zurück: "Das ist kein Kompromisskandidat, sondern es ist tatsächlich die allererste Wahl, die wir getroffen haben."

Warum die Wahl Petrenkos nicht gleich im ersten Wahlgang erfolgte, wollte Ulrich Knörzer vom Orchestervorstand nicht weiter kommentieren, denn in dieser Sache sei Diskretion wichtig. Die Wahl eines künstlerischen Leiters sei eine "hochsensible Sache", so Knörzer im rbb.

Kostprobe von Kirill Petrenko - Gastspiel bei den Berliner Philharmonikern im Jahr 2012

 

Von 2002 bis 2007 an der Komischen Oper

Berlin kennt Petrenko gut, von 2002 bis 2007 war er an der Komischen Oper Generalmusikdirektor und prägte sie nachhaltig. Sein künstlerisches Credo formulierte er damals in perfektem Deutsch mit leichtem russischem Akzent: "Musik verändert sich mit uns. Ein Bild eines Raffael ist in seiner Vollkommenheit perfekt, eine Oper ist das nicht. Sie verändert sich klanglich mit uns."

Bei den Philharmonikern war Petrenko 2006 zum ersten Mal als Gastdirigent aufgetreten und hatte dabei einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Normalerweise berieten sich die Orchestermitglieder, ob sie einen Dirigenten überhaupt ein weiteres Mal einladen wollten, erläuterte Ulrich Knörzer vom Orchestervorstand am Montag. "Bei Petrenko war die Frage aber nur: Wann laden wir ihn wieder ein?" Über die beiden weiteren Gastauftritte 2009 und 2012 habe sich der Wunsch verdichtet, Petrenko "möglichst bald und oft bei uns zu haben".

Nur sechs Chefdirigenten in 133 Jahren

Mitte Mai hatten die Philharmoniker elf Stunden lang über einen neuen Chefdirigenten beraten, sich aber letztlich nicht einigen können. Die Wahl war notwendig geworden, weil Simon Rattle angekündigt hatte, seinen 2018 auslaufenden Vertrag als künstlerischer Leiter des Orchesters nicht zu verlängern. Seit 1882, dem Jahr der Orchester-Gründung, gab es in der katholischen Kirche elf Päpste, aber nur sechs Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker.

Über den neuen Chefdirigenten stimmten 123 der 124 festangestellten Musiker ab. Seit ihrer Gründung im Jahr 1882 sind die Berliner Philharmoniker demokratisch organisiert. Die Macht der Musiker, selbst über den neuen Dirigenten und künstlerischen Leiter zu entscheiden, ist ein weltweit einmaliges Privileg. Weder der Intendant noch der amtierende Chef, noch der Berliner Senat als Arbeitgeber darf mitentscheiden oder am Ende ein Veto einlegen.

Diese sechs Männer leiteten die Berliner Philharmoniker