Wieland Speck ist seit 1992 Leiter der Sektion Panorama der Berlinale und der Erfinder des Teddy-Awards (Quelle: dpa)

Teddy-Award-Erfinder Wieland Speck im Gespräch - "Glamourös sind wir ja von Haus aus"

Er gilt als der bedeutendste queere Filmpreis weltweit: Der Teddy Award feiert 30-jähriges Jubiläum. Erste Preisträger auf der Berlinale 1987 waren die späteren Weltstars Pedro Almodóvar und Gus van Sant. Erfunden hat den Preis "Panorama"-Leiter Wieland Speck, der dem Teddy - weil die Welt "kacke ist" - noch ein langes Leben prophezeit.

Die Berlinale war das erste Filmfestival, das Filme mit schwul-lesbischem Inhalt zeigte. Sie liefen in der Sektion Panorama unter der Leitung von Wieland Speck, der auch die Idee zum Teddy-Award hatte. Seit 1987 wird der Preis für Filme mit schwul-lesbischem bzw. Transgender-Hintergrund verliehen: in diesem Jahr bereits zum 30. Mal.  

War es nicht ein bisschen kühn vor 30 Jahren zu sagen: 'Wir machen jetzt auch noch einen Schwulenpreis bei der Berlinale'?

Wir hatten von Anfang an Manfred Salzgeber im Boot, der viele Berliner Kinos in den 70ern gegründet hatte. Dort wurden überall queere Filme gezeigt. Damals sagte man natürlich noch schwule oder lesbische Filme. Genau diese hatte er 1980 in sein Programm aufgenommen. Das haben wir weitergeführt. Ich bin 1982 bei ihm eingestiegen und wir hatten dann bereits in diesen ersten Jahren den Effekt erzielen können, dass Menschen aus der ganzen Welt, die mit schwul-lesbischem Kino zu tun hatten, zu uns gekommen sind.

Als die Filme immer stärker wurden und zwar auch unter dem Druck von Aids, wurden wieder politische Filme - Kampffilme - gemacht. Daraus konnten wir den Schluss ziehen, wie man Filme so unterstützen kann, dass sie nicht nur im Festival ein Erfolg sind, sondern auch ein Leben nach dem Festival haben. Eine andere Idee war der Verleih "Manfred Salzgeber Editionen". Der ist bis heute ein wichtiger Verleih vor allem für queeres Kino in ganz Europa.

Schließlich kam mir die Idee zum Teddy-Award. Ich hatte 1985 und '86 mehrere Preise mit dem Film "Westler" gewonnen und merkte plötzlich, dass einem die Preise als Filmemacher ordentlich nutzen. Die Kunstfilmszene damals war noch nicht sehr preisfreundlich. Auch Manfred war zuerst nicht recht begeistert. Aber das hat von Anfang an gut funktioniert, auch wenn es beim ersten Mal noch keine richtige Verleihung war.

Zum Auftakt hatte ich einfach die Fachleute am Ende des Festivals gefragt, welches aus ihrer Sicht, der stärkste kurze und lange Film war. Dabei kamen zwei Namen auf den Zettel: Pedro Almodóvar und Gus Van Sant. Beide kannte man damals fast noch nicht. Kurz darauf waren die beiden Weltstars. Das hat dem Teddy natürlich einen guten Start verpasst.

Den Teddy gab es am Anfang im Schwulenbuchladen "Prinz Eisenherz", dann im "Schwuz" mit richtiger Verleihung und im vierten Jahr dann im Kant Kino. Zu diesem Zeitpunkt hat Manfred auch gemerkt, dass der Teddy keine schlechte Idee war.

Aber damals spielte sich das eher noch inoffiziell ab. Irgendwann bekam der Teddy ja richtig den Segen der offiziellen Berlinale?

Das hat eine Weile gedauert. Das war etwa 1994 und 1995. Beim zehnten Teddy dann ist auch zum ersten Mal der Direktor der Berlinale aufgeschlagen. Das war im SO36. Es war total überfüllt und der damalige Festivalchef Moritz de Hadeln steckte in dieser Menge fest. Aber seitdem hat die Berlinale kapiert, was sie an dem Preis hat. Denn es ist natürlich auch ein Alleinstellungsmerkmal, ein Publikumsmagnet und passt einfach besser zu dieser Stadt als zu jedem anderen Festival auf der Welt.

Wie wichtig wurde denn dann der Teddy im Laufe der letzten 30 Jahre?

Man muss Durchhaltevermögen haben und die Qualität muss natürlich stimmen. Wir haben es geschafft, uns durchzusetzen. Aber auf der anderen Seite ist auch Erreichtes nicht sicher. Man muss jedes Jahr wieder neu überzeugen. Den Erfolg kann man daran ablesen, dass viele andere Festivals angefangen haben, auch so einen Preis einzurichten.

Es geht uns an den Kragen, wenn man sich nur ein paar Zentimeter bewegt. Das kann dir auch in Berlin an jeder Ecke passieren."

Wieland Speck, Kurator der Berlinale-Sektion Panorama

Das erste Festival, das einen ähnlichen Preis vergeben hat, war erstaunlicherweise das in Kiew. Die Stadt erlebte Mitte der 90er Jahre einen unglaublich liberal-modernen Aufschwung. Der Mann, der das "Molodist-Festival" auch heute noch leitet, richtete einen Preis ein, der dem Teddy nachempfunden war. Wir sind hingefahren und haben am Anfang geholfen. Im vergangenen Jahr wurde eines der letzten alten Kinos in Kiew abgefackelt, angezündet von Neonazis, während ein Film lief, der im Wettbewerb für den schwulen Preis vorgesehen war. Die Situation hat sich dort verschärft und ist längst nicht mehr so liberal, wie sie in den 90ern war. Es geht uns an den Kragen, wenn man sich nur ein paar Zentimeter bewegt. Das kann dir auch in Berlin an jeder Ecke passieren. Von daher bleiben wir da natürlich aufmerksam.

Sind die Themen seit 30 Jahren relativ ähnlich, weil die Probleme relativ ähnlich sind? Verändert sich womöglich nur die Machart?

Einerseits ist der Film immer ein Spiegelbild der gesamten Filmsituation. Auf der anderen Seite ist der queere Film immer getrieben von dem Gedanken, etwas sichtbar machen zu wollen, was die Gesellschaft nicht sehen möchte. Insofern sind wir immer davon abhängig, welche Emanzipationsstadien in den verschiedenen Gesellschaften gerade herrschen. Das heißt, wir kriegen Filme aus manchen Ländern, die sind so, wie man sie bei uns vor 20 Jahren gemacht hat. Oder wir kriegen Filme, die weiter sind als wir. Das sind in der Regel amerikanische Filme. Es gibt viele Zwischenfacetten. Das abzubilden, ist auch unsere Aufgabe. Wir führen verschiedene Subkulturen zusammen und haben diesen Großbegriff 'queer', der uns irgendwie alle gleichmacht und keiner weiß so genau, was das heißt. Für mich bedeutet es lediglich, nicht radikal-heteronormativ zu sein - also über den Tellerrand des Spießbürgerlichen gucken zu können.

 

Damit befinden wird uns unter dem großen Regenschirm, unter dem schon die Mehrheit ist. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Subkulturen, die sich darin versammeln, genau anschauen. Denn im Prinzip machen die Subkulturen den Krach. Die machen die Musik, die machen die Kreativität aus. Wenn die mit zu vielen überregionalen Regenschirmen zugeschüttet werden, passiert nicht mehr allzu viel, aber gleichzeitig gärt es.

Es gibt beispielsweise eine neue Generation von universitären akademischen Lesben, die alle aus diesen Gender-Elfenbeintürmen kommen. Die haben dann wieder eine ganz andere Sichtweise. Sie fühlen, dass jetzt ihre Zeit gekommen ist. Sie sind sehr deutungshoheitsmäßig unterwegs. Das ist alles wunderbar, aber man muss einfach sehen: Wir sind verschiedene Gruppen mit verschiedenen Ansätzen, verschiedenen Lebenserfahrungen, verschiedenen Unterdrückungsmechanismen, gegen die wir uns wehren müssen. All das zusammen ergibt erst eine politische Sichtweise. Das ist im Moment ein bisschen sehr divergierend. Daran zu arbeiten, ist natürlich auch eine permanente Herausforderung.

Sie haben in 30 Jahren Teddy viel erlebt. Was hat Sie besonders beeindruckt?

Ein großes Erlebnis war sicherlich, als wir den Film über David Kato zeigten, einem Schwulen- und Lesbenaktivist aus Uganda, der mit dem Segen der Kirche umgebracht wurde. Während zwei Filmemacherinnen einen Film über ihn drehten, wurde er umgebracht.

Martha Tholanah freut sich bei der Verleihung des "Teddy Award" über die Auszeichung in der Kategorie "DAVID KATO Vision & Voice Award" (Quelle: dpa)
Martha Tholanah bei der 65. Berlinale während der "Teddy Award"-Verleihung - sie bekam "David Kato Vision & Voice Award"

Es war erschütternd. Er hat den Teddy natürlich auch bekommen. Jetzt haben wir den "David Kato Award", also einen Preis, der von Afrika ausgeht, von Afrika vergeben wird, aber bei uns auf der Bühne verliehen wird. Das ist jedes Mal ein bewegender Moment. Afrika ist tatsächlich einer der schlimmsten Kontinente für queere Menschen. Natürlich gibt es dort prozentual genauso viel queere Leute wie bei uns. Man kann sich vorstellen, wie groß das Elend dort ist. Das ist eigentlich für mich eine der ganz großen Erfahrungen der letzten Jahre.

Da spricht dann der politische Wieland Speck. Vom Glamourösen war bis jetzt noch gar nicht die Rede ...

Glamourös sind wir ja von Haus aus. Die Seele muss auch lachen bei all dem Elend. Man muss aber auch Liebe und etwas Verbindendes zwischen den verschiedenen Gruppierungen, die sich unter dem queeren Label treffen, entwickeln. Sicherlich ist da so eine Veranstaltung ein guter Ansatz. Deshalb gehen wir ja auch immer wieder an andere Veranstaltungsorte, um auch Orte zu besetzen, die bisher nicht queer konnotiert waren. Das war der ursprüngliche Ansatz. Inzwischen hat sich das gewandelt. Wir waren zweimal in der Komischen Oper - also plötzlich inmitten der Hochkultur. Das hatte der Teddy auch noch nie zuvor.

Der Preis ist ein Stück Leben dieser Stadt und es wird ihn auch noch in Zukunft geben, allein schon deshalb, weil die Welt eben so kacke ist, wie sie ist.

Wieland Speck, Kurator der Berlinale-Sektion Panorama

Dieses Jahr gehen wir in eine Halle der Station Berlin am Gleisdreieck, in der wir noch nicht waren. Die ist breit, die ist groß, die ist offen. Da ist die ganze Veranstaltung wahrscheinlich unter einem sehr dynamischen Aspekt machbar. Die Party kann am selben Ort stattfinden. Das sind so Elemente, die wir in der Oper nicht hatten. So ändern wir uns auch dauernd.

Der Teddy ist ein Stück Leben dieser Stadt und es wird ihn auch noch in Zukunft geben, allein schon deshalb, weil die Welt eben so kacke ist, wie sie ist. Und weil es so viele Stellen in dieser Welt gibt, wo es noch gar nicht queer geht. Und weil aus diesen Orten Menschen zur Berlinale kommen, mit uns feiern und mit einer Menge Kraft wieder nach Hause gehen.

Das Gespräch führte Reiner Veit vom rbb Inforadio.

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