(v.l.) Produzentin Sisse Graum Jorgensen, die Schauspieler Fares Fares, Martha Sofie Wallstrom, Trine Dyrholm, Helene Reingaard Neumann, Regisseur Thomas Vinterberg, die Schauspieler Julie Agnete Vang, Anne Gry Henningsen, Ulrich Thomsen und Magnus Millang auf der Premiere von "The Commune" auf den 66. Internationalen Filmfestspielen Berlin. (Quelle: AP)

Tag 6 der Berlinale - Kommune gegen Langeweile und ein gefährlicher Computervirus

Die Wettbewerbsfilme am Mittwoch haben sich eher konfliktreichen Themen gewidmet: Während der dänische Regisseur Thomas Vinterberg vom turbulenten Zusammenleben in einer Kommune erzählt, befasst sich Dokumentarfilmer Alex Gibney mit einem unkontrollierbaren Computervirus, der ganze Staaten lähmen kann. Und auch Michael Moores neuer Film "Where to Invade Next" kommt nicht ohne Konflikte aus.

Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg, der zu den Mitbegründern des berühmten "Dogma"-Filmstils zählt, hat am Mittwochabend auf der Berlinale seinen neuen Film "Kollektivet / Die Kommune" im Wettbewerb um den Goldenen Bären vorgestellt. Ganz neu war dies für ihn nicht: Der Däne war 2010 bereits mit "Submarino" im Wettbewerb vertreten.

In "Kollektivet" geht es um das junge Paar Erik und Anna. Als Architekturdozent Erik das alte Haus seines Vaters in der Nähe von Kopenhagen erbt, schlägt ihm seine Frau Anna, eine bekannte TV-Nachrichtensprecherin, vor, Freunde einzuladen, hier mit ihnen zu wohnen. Auf diese Weise hofft sie, der Langeweile zu entgehen, die sich in die Ehe einzuschleichen beginnt.

Bald zieht ein Dutzend Frauen, Männer und Kinder in die Villa ein, trifft gemeinsame Entscheidungen, diskutiert, badet zusammen im nahe gelegenen Öresund und reibt sich an den kleinen und größeren Eigenheiten des jeweils anderen. Als Erik sich in seine Studentin Emma verliebt und die junge Frau ins Haus einzieht, gerät das fragile Gleichgewicht jedoch schnell in Gefahr.

"Sie wollten der Mittelmäßigkeit des Lebens entgehen"

Vinterberg bezieht sich mit "Kollektivet" auf seine eigene Kindheit, denn die Eltern des Regisseurs lebten selbst eine Zeit lang in einer Kommune. Auf der Berlinale-Pressekonferenz gab er zu, selbst nie an offene Beziehungen geglaubt zu haben, dass er seine Eltern für ihre mutige Mission aber bewundere: "Sie wollten der Mittelmäßigkeit des Lebens entgehen." Sein Film könne auch als eine Art Hommage an vergangene Zeiten verstanden werden. "Es gab eine Zeit, in der die Menschen teilten, das ist vorbei und ich vermisse es." sagte Vinterberg. Heute würden in Dänemark so viele Menschen wie nie alleine leben. Der Film könnte auch als Ermutigung gesehen werden, wieder mehr zu teilen.  

Bei den Kritikern stieß "Kollektivet" auf ein gemischtes Echo. Für rbb-Filmkritiker Fabian Wallmeier ist der Film halbwegs stimmungsvoll und vor allem die Figur der Anna von Schauspielerin Trine Dyrholm hinreißend gespielt, der Film im Ganzen aber eigenartig konturlos und unfokussiert.

Eine Software, die Staaten lähmen kann

Als erster Wettbewerbsbeitrag an diesem Mittwoch lief der Dokumentarfilm "Zero Days" vom oscarprämierten Dokumentarfilmer Alex Gibney. Der hat sich in seinen Vorgängerfilmen bereits mit einigen verstörenden und schwer greifbaren Themen wie Pädophilie in der katholischen Kirche, dem US-Militär oder auch Scientology beschäftigt. In "Zero Days" geht es nun um das gefährliche Computervirus "Stuxnet", das sich selbst vervielfältigen kann. Angeblich wurde es von der US-amerikanischen und israelischen Regierung in Auftrag gegeben - mit dem Ziel, das iranische Atomprogramm anzugreifen. Doch der komplexe Computerwurm befiel nicht nur das eigentliche Ziel, sondern verbreitete sich unkontrolliert weiter. 2010 wurde das Computervirus von internationalen IT-Experten entdeckt. Von offizieller Seite wird bis heute geleugnet, "Stuxnet" erschaffen zu haben.

Auf der Pressekonferenz zum Film warnte Regisseur Alex Gibney vor der Anfälligkeit des Netz: "Der Trend zu immer mehr Geheimwaffen ist erschreckend. In diesem Film geht es darum, dass ein Dialog über diese Cyberwaffen verhindert wird, obwohl sie so existenzbedrohend sind." Wenn nicht begonnen werde, über die Waffen zu sprechen, vergrößere sich die Gefahr immer weiter. Der Regisseur kritisierte die Geheimhaltung der beteiligten Regierungen scharf. "Das ist schädlich für unsere Demokratie", so Gibney.

In "Zero Days" berichten Insider von der Entwicklung des Virus unter dem Decknamen "Olympic Games". Eine Software, die im Bruchteil von Sekunden die Infrastruktur ganzer Staaten lahmlegen können soll, ohne Spuren zu den Verantwortlichen zu hinterlassen. Die Geschichte eines Quellcodes, der außerhalb des Cyberspace schweren Schaden anrichtete, wird zur warnenden Erzählung von den Gefahren entfesselter Technologien und unkontrollierter politischer Macht. Allerdings bleibe er bei seiner Suche nach der Wahrheit reichlich nebulös und stilistisch viel zu plakativ, findet rbb-Filmkritiker Andreas Kötzing.

Michael Moore als Ein-Mann-Armee

Das neue Werk eines weiteren oscarprämierten Dokumentarfilmers wird am Mittwochabend im Friedrichstadt-Palast (21 Uhr) gezeigt. Michael Moore ist einer breiten Masse wohl vor allem seit dem Film "Bowling for Columbine" ein Begriff. In der Dokumentation versucht er die Motivation zweier jugendlicher Amokläufer zu ergründen, die Ende der 90er Jahre an einer US-amerikanischen Schule ein Blutbad anrichteten. Die Berlinale Special Gala zeigt nun Moores neuen Film "Where To Invade Next". Darin bietet Moore dem Pentagon an, ab sofort das Einmarschieren in ferne Länder als Ein-Mann-Armee zu übernehmen.

Bei seinem Feldzug folgt der Regisseur drei Regeln: Niemanden erschießen, kein Öl erbeuten und etwas nach Hause bringen, was den Amerikanern nutzt. Denn 
seinem Recherche-Vorstoß liegt eine ganz eigene Agenda zugrunde. Moore ist überzeugt, dass die Lösungen für drängende soziale Probleme der USA woanders bereits existieren. So sammelt er Beispiele für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen: die Urlaubsregelung in Italien, das Schulessen in Frankreich, das Bildungssystem in Finnland, die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland oder die Gleichstellung der Frauen in Island.

Neues vom Mars

Der dritte Wettbewerbsbeitrag vom Mittwoch läuft im Wettbewerb außer Konkurrenz. In "Des nouvelles de la planète Mars / News from planet Mars" des französischen Regisseur Dominik Moll möchte Protagonist Philippe Mars es allen recht machen. Seinen Kinder, seiner Exfrau, seinen Kollegen und seiner Familie. Nur leider gerät seine kleine Welt aus der von ihm gewünschten Umlaufbahn.

Sein Sohn wird zum Hardcore-Vegetarier, die Tochter eine zwanghafte Streberin, während seine Schwester übergroße Gemälde von ihren nackten Eltern ausstellt. Im Büro sieht er sich mit den Amokläufen seines psychisch angeschlagenen Kollegen Jerôme konfrontiert, der eines Nachts vor seiner Tür steht, im Schlepptau eine gerade aus der Klinik entlassene junge Frau.

Goldener Ehrenbär für Michael Ballhaus

Am Donnerstag verleiht die 66. Berlinale den Goldenen Ehrenbären an Michael Ballhaus, einen der bedeutendsten deutschen Kameramänner. Im Hebbel am Ufer (HAU) haben sich Ballhaus und der Fotograf Jim Rakete aber schon am Mittwochnachmittag zum Gespräch über den Werdegang des Kameramann getroffen. Ein sichtlich gutgelaunter Ballhaus wurde dabei vom anwesenden Publikum mit lang anhaltendem Applaus gefeiert.  

Ballhaus arbeitete am Anfang seiner Karriere vor allem beim deutschen Fernsehen und drehte später zahlreiche Filme mit Rainer Werner Fassbinder. Anfang der Achtziger Jahre wechselte er dann nach Hollywood und drehte dort mit großen US-Regisseuren wie Francis Ford Coppola und Martin Scorsese.

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