Produzent Bianca Balbuena, die Schauspieler Joel Saracho, Angel Aquino, Piolo Pascual, Cherie Gil, Regisseur Lav Diaz, die Schauspieler John Lloyd Cruz, Alessandra De Rossi, Produzent Paul Soriano, die Schauspieler Susan Africa, Hazel Orencio und Bernardo Bernardo auf der Premiere des Wettbewerbsfilms 'A Lullaby To The Sorrowful Mystery' auf den 66. Internationalen Filmfestspielen Berlin (Quelle: dpa)

Tag 7 der Berlinale - Acht Stunden Kino für den Goldenen Bären

Es ist vollbracht. Die Berlinale kann einen Rekord vermelden für den längsten Wettbewerbsfilm aller Zeiten. Der philippinische Beitrag "A Lullaby To The Sorrowful Mystery" hat acht Stunden gedauert. Das Team traf sich deshalb schon morgens auf dem roten Teppich. Blitzlichtgewitter gab es auch für Kameramann Michael Ballhaus, der für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde.

Die Berlinale hat am Donnerstag einen Rekord aufgestellt. Mit dem philippinischen Film "Hele Sa Hiwagang Hapis / A Lullaby To The Sorrowful Mystery" ist der längste Wettbewerbsbeitrag, der jemals auf der Berlinale gezeigt wurde, ins Rennen um den Goldenen Bären gegangen. Um 9.30 Uhr am Vormittag ging er bereits los. Acht Stunden hat die Vorstellung insgesamt gedauert – Mittagspause inklusive. Die Zuschauer dieser Berlinale-Premiere Kino machten sich in den sozialen Medien vorab Mut. 

Der philippinische Regisseur Lav Diaz durchleuchtet in dem schwarz-weiß gedrehten "A Lullaby To The Sorrowful Mystery" den Mythos des Andrés Bonifacio y de Castro. Er gilt als einer der einflussreichsten Kämpfer gegen die spanische Kolonialherrschaft auf den Philippinen im späten 19. Jahrhundert. Bis heute wird er als Vater der philippinischen Revolution gefeiert.

Einzelne Erzählstränge

Diaz erzählt seinen Film in einzelnen Erzählsträngen: Bonifacios Witwe sucht die verschwundene Leiche ihres Mannes, mit ihren Begleitern gerät sie immer tiefer in den Dschungel und damit auch in das Dickicht aus eigener Verantwortung und Schuld. Der Statthalter der spanischen Krone versucht, die aus verschiedenen Lagern stammenden Rebellen und ihre Utopien gegeneinander auszuspielen. Gleichzeitig reflektiert ein schwer verletzter Gefährte Bonifacios über die Opfer, die eine Revolution zwangsläufig mit sich bringt.

Hele sa Hiwagang Hapis will be 8-hours long and will have its world premiere on February 18 at the Berlinale 2016. Mark your calendar guys!!

Posted by Hele sa Hiwagang Hapis on Montag, 11. Januar 2016


Die Frage nach der Rolle des Einzelnen in der Geschichte, seiner Beteiligung an politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, hält die lose miteinander verbundenen Erzählstränge zusammen. Wie es sich anfühlte acht Stunden am Stück im Kino zu sitzen, berichtete rbb online-Kritiker Fabian Wallmeier im Berlinale Live-Ticker.



Ehrenbär aus Gold für Michael Ballhaus

Am Donnerstag hat die Berlinale den Goldenen Ehrenbären (Berlinale Palast, 22 Uhr) an Michael Ballhaus, einen der international bedeutendsten Kameramänner verliehen. "Wir ehren Michael Ballhaus als einen Kameramann, der seinen Regisseuren ein kongenialer Partner war und dessen Œuvre einzigartig ist", sagte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick vorab zur Begründung. Ballhaus arbeitete zu Beginn seiner Karriere zunächst in Deutschland und später als Stammkameramann von Rainer Werner Fassbinder, bevor er 25 Jahre lang in Hollywood erfolgreich war. Dort drehte er mit großen US-Regisseuren wie Francis Ford Coppola und Martin Scorsese.

Während der Pressekonferenz am Donnerstag berichtete Ballhaus zunächst von seiner Ausbildung als Fotograf in Würzburg. Er hätte gleich am ersten Tag eine Hochzeit fotografieren müssen, traute sich jedoch nicht so recht an den Altar heran. Sein Chef ermunterte ihn, mehr zu wagen. "Es wurde besser", sagte Ballhaus, auch weil er nie das Atelier fegen musste, sondern immer gleich etwas Richtiges zu tun bekam.

Stammkameramann von Reiner Werner Fassbinder

Für seine Karriere war die Station beim Fernsehen in Baden-Baden entscheidend. Dort begann seine Zusammenarbeit mit Rainer Werner Fassbinder, obwohl der ihn erst gar nicht als Kameramann haben wollte, berichtete Ballhaus. Später zog es ihn in die USA, wo er 25 Jahre äußerst erfolgreich arbeitete. Der Beginn war jedoch eher ein Zufall, so Ballhaus. Regisseur Peter Lilienthal drehte in New York und rief ihn damals an, um ihn zu fragen, ob er mitkommen wolle.

In seiner Zeit in den USA hat er mit den großen US-Regisseuren Francis Ford Coppola und Martin Scorses gearbeitet. Sein Anspruch war es, für jeden Regisseur und jede Geschichte eine ganz eigene Bildsprache zu finden. So hat er für Scorsese bei "Die Farbe des Geldes" die Billiardkugel durch ein Prisma fahren lassen, so dass sie den Eindruck erweckte, in die Kamera hinein zu rollen. "Das hat alles verändert - diese Direktheit", so Ballhaus in Berlin.

Michelle Pfeiffer war die Königin dank Ballhaus

Bei den Dreharbeiten zu "Martha" prägte Ballhaus die 360-Grad-Kamerafahrt als sein Markenzeichen. Regisseur Fassbinder erzählt in "Martha" die Geschichte einer sadomasochistischen Ehe. Während des Drehs überlegten Fassbinder und Ballhaus wie die erste Begegnung des künftigen Paares als ein magischer Moment aufzulösen sei. Wegen des abschüssigen Geländes schlug Ballhaus eine Kamerafahrt im Halbkreis vor. Warum nicht in einem ganzen Kreis, forderte Fassbinder ihn heraus. Das war der Ursprung für den so genannten "Ballhaus-Kreis". Die 360-Grad-Kamerafahrt hat er auch in Hollywood salonfähig gemacht.

Michelle Pfeiffer wurde bei "Die fabelhaften Bakerboys" entsprechend in Szene gesetzt als sie auf einem Flügel liegend für Jeff Bridges singt. Vor der gemeinsamen Arbeit an dem Oscar-nominerten Film habe Pfeiffer eine eher blasse Rolle gespielt, erzählte Ballhaus  "Ich wollte einen anderen Look. Und auf einmal kriegte sie so Ecken - etwas Scharfes. Das hat für unseren Film genau gepasst", so Ballhaus. "Und dann war sie halt die Königin."

Dreimal für den Oscar nominiert

Zu Ballhaus Ehren wird am Donnerstagabend um 21:30 Uhr Scorseses "Gangs of New York" gezeigt. Darin muss der junge Amsterdam (Leonardo DiCaprio) mit ansehen, wie sein Vater im Bandenkrieg kaltblütig ermordet wird. 16 Jahre später ist er entschlossen, dafür Rache zu nehmen. Als Amsterdams Versuch misslingt, unerkannt in die verfeindete Bande aufgenommen zu werden, facht er die Kämpfe zwischen den Banden neu an. "Gangs of New York" ist der spektakulärste und aufwendigste Film in Michael Ballhaus Karriere. Er entstand in mehr als sieben Monaten Drehzeit in den römischen Cinecittà-Studios. Zusätzlich wurde ein eigenes Dorf für die Dreharbeiten errichtet, erinnerte sich Ballhaus auf der Pressekonferenz am Donnerstag.

Die Amerikaner hätten den Film nicht so gern gemocht, sagte Ballhaus, weil er die Geschichte des Anfangs der USA erzählt, der voller Korruption und Prostitution war. Das hätten die Amerikaner nicht sehen wollen. Zudem lief er kurz nach den Anschlägen von New York an. Martin Scorsese und Michael Ballhaus hatten sich Oscar-Hoffnungen ausgerechnet. "Aber die Hoffnungen waren durch 9/11 gestorben", erzählte der Kamermann.

Bis dato längste Steadicam-Fahrt der Filmgeschichte

Für die Lichttechnik am Set arbeitete Ballhaus mit Kerzen, Fackeln und Feuer. Hochgradig modern hingegen sind das hochempfindliche Filmmaterial wie auch der Einsatz der Steadicam und das "fliegende Auge" der Cable Cam, die an einem Kabel über das Set hinweggleiten konnte. Ballhaus empfand "Gangs of New York" als die inhaltliche und formale Quintessenz seiner Arbeit. Der Film trug ihm die dritte Oscar-Nominierung ein.

Viele Cineasten meinen, dass er die Nominierung auch für die Arbeit an "Good Fellas" verdient gehabt hätte, ein Mafia-Film unter der Regie von Martin Scorsese. Es war einer seiner besten Filme, so Ballhaus heute, aber es sei nie sein Lieblingsfilm gewesen. Kameramann und Regisseur hätten unterschiedliche Vorstellungen davon gehabt, wie die Gewalt gezeigt werden soll. Scorsese sei sehr gut informiert über die Mafia-Verhältnisse gewesen, weil er in Little Italy aufgewachsen ist. Deswegen sei der Film auch so authentisch gewesen.

Wenn "Good Fellas" auch nicht sein Lieblingsfilm ist, so stammt jedoch seine Lieblingseinstellung daraus. Die Kamera schwenkt in den Copacabana-Club durch die Küche, in den Gästeraum: "Sie funktioniert ohne Worte", so Ballhaus. Diese Szene wurde in einer einzigen dreiminütigen Einstellung gedreht und war bis dato eine der längsten Steadicam-Fahrten der Filmgeschichte.


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