66. Internationale Filmfestspiele Berlin, 12.02.2016, Premiere «Midnight Special»: Die Schauspieler Kirsten Dunst (l-r), Joel Edgerton, Michael Shannon, Jaeden Lieberher und Regisseur Jeff Nichols. Der Film läuft auf der Berlinale im Wettbewerb. (Quelle: dpa)

Tag 1 der Berlinale - Von der "Clooneynale" zurück zur Berlinale

Auch wenn George Clooney bislang alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, konzentrierten sich die Filmfestspiele am Freitag auf das Wesentliche - den Wettbewerb um die Bären. Neben dem ersten tunesischen Wettbewerbsfilm seit 20 Jahren und einem gelungenen Science-Fiction-Film war auch eine Horrorstory im Wettbewerb zu sehen. Und auch die ersten Preise wurden schon verliehen.

Das Rennen um die Bären bei den Berliner Filmfestspielen ist seit Freitag eröffnet. Als letzter von drei Wettbewerbsbeiträgen wurde am späten Abend der Psychothriller "Boris ohne Béatrice" im Wettbewerb gezeigt. In dem Film des kanadischen Regisseurs Denis Côté erhält der rücksichtlose Geschäftsmann Boris Malinovsky plötzlich den Anruf eines Fremden, der ihn mitten in der Nacht im Wald treffen will. Nachdem ihm ein mysteriöser Unbekannter im Mercedes ins Gewissen redet, ist für Boris nichts mehr, wie es einmal war.

Regisseur Côté droht mit "Boris ohne Béatrice" das gleiche Schicksal wie seinem Vorgängerfilm, wie rbb-Filmkritikerin Ula Brunner meint: Vor drei Jahren hat Côté mit "Vic+Flo ont vu un ours" einen ähnlich surrealen, überspitzten Film gemacht, für den er sogar mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Doch ein Massenpublikum fand der Film nie.

Zuvor bekam die internationale Berlinale-Jury um Meryl Streep den Wettbewerbsfilm "Midnight Special"vom US-amerikanischen Regisseur Jeff Nichols zu sehen. In dem Film, der ein Mix aus Science-Fiction und Familiengeschichte ist und unter anderem die Macht erzkonservativer Sekten zeigt, begleitet Roy (Michael Shannon) seinen übernatürlich begabten, achtjährigen Sohn auf der Flucht über Highways und Landstraßen. Inspiriert hat Regisseur Jeff Nichols zu dem Film ein ganz persönliches Erlebnis mit seinem Sohn, als dieser ein Jahr alt war: "Der Grund, warum wir so eine Angst um unsere Kinder haben, ist dass wir sie so lieben, und ich habe einen Film darüber gemacht", sagte Nichols in Berlin.

Für rbb-Filmkritiker Fabian Wallmeier ist "Midnight Special" rasant inszeniert und fintenreich - und Nichols bester Film in seiner Karriere als Regisseur. Neben Michael Shannon spielt auch Hollywood-Star Kirsten Dunst mit, die vor der Premiere mit ihren Schauspielkollegen am roten Teppich vor dem Berlinale Palast gefeiert wurde.

Bären-Rennen eröffnet mit tunesischem Beitrag

Nachdem die Berlinale am Donnerstagabend mit dem neuen Film der Coen-Brüder "Hail, Caesar!" eröffnet wurde, der allerdings außer Konkurrenz läuft, begann das eigentliche Bären-Rennen erst am Freitagnachmittag. Den Anfang im Wettbewerb macht der Film "Hedi", der auch der erste Wettbewerbsbeitrag aus Tunesien seit 20 Jahren ist.

In "Hedi" erzählt Regisseur Mohamed Ben Attia von der Suche eines jungen Mannes nach sich selbst - und spiegelt darin die Befindlichkeit einer ganzen Generation. Die filmische Emanzipationsbotschaft hat dramaturgisch zwar noch Luft nach oben, ist aber ein recht gelungener Festivalauftakt, so das Fazit von rbb online-Filmkritikerin Ula Brunner.

Clooney meets Merkel

Für die größte Aufmerksamkeit sorgten am Freitag wieder einmal George Clooney und seine Ehefrau Amal, die als Menschenrechtsanwältin arbeitet. Am Freitagvormittag trafen beide für eine Stunde Bundeskanzlerin Angela Merkel im Kanzleramt. Bei dem Treffen war auch der ehemalige britische Außenminister David Miliband dabei. "Wir haben darüber gesprochen, wie Nicht-Regierungsorganisationen und Regierungen gemeinsam da arbeiten können, wo es um Fluchtursachen geht, wie sie auch Menschen ermutigen können, sich für diese Arbeit zu engagieren", sagte Merkel. "Insofern war es ein sehr gutes Gespräch."

Miliband ist Präsident des International Rescue Committee zugunsten von Flüchtlingen, in dem sich auch die Clooneys engagieren. George Clooney hatte aber bereits im Vorfeld Merkels Flüchtlingspolitik gelobt. "Ich bin absolut einverstanden damit". Außerdem wollte Clooney, der auch UN-Friedensbotschafter ist, während seines Aufenthalts in Berlin Flüchtlinge besuchen und hatte sich für einen Besuch in der Unterkunft im Rathaus Wilmersdorf angekündigt. 

Bowie-Gedenken auf den Filmfestspielen

In Gedenken an die Anfang Januar verstorbene britische Musiklegende David Bowie zeigt die Berlinale am Freitagabend "Der Mann, der vom Himmel fiel" (Friedrichstadtpalast, seit 21 Uhr), in dem Bowie die Hauptrolle spielt.  

"David Bowie war ein großartiger Musiker, ein avantgardistischer Künstler, der in vielen Disziplinen seine Kreativität ausdrückte", sagte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick. Das Filmfestival will so auch Bowies enger Verbundenheit mit Berlin gedenken. Von 1976 bis 1978 lebte und arbeitete Bowie in der Hauptstadt.

Berlinale Kamera und Drehbuchpreis verliehen

Geehrt wurde außerdem der US-amerikanische Ben Barenholtz. Der Produzent, Kinobetreiber und Filmverleiher erhielt am Freitagnachmittag im Martin-Gropius-Bau in Anwesenheit der Coen-Brüder die Berlinale Kamera überreicht, mit der die Filmfestspiele seit 1986 Persönlichkeiten und Institutionen auszeichnen, denen sie sich besonders verbunden fühlen. Der 80-Jährige etablierte im New York der späten 1960er Jahre wichtige Programmkinos. Später produzierte er Filme der Regisseure Joel und Ethan Coen, wie "Barton Fink" und "Miller's Crossing".

Auch der Deutsche Drehbuchpreis 2016 wurde am Freitag am Rande der Berlinale verliehen. Die Schauspielerin Anke Sevenich und der Autor Stephan Falk wurden für ihr Filmscript "Sayonara Rüdesheim" ausgezeichnet. Die Jury lobte das Drehbuch als "ein leidenschaftliches Plädoyer, das Leben anzunehmen und zu genießen mit allen seinen Facetten". Der seit 1988 verliehene Preis ist die höchste Auszeichnung für Drehbuchautoren in Deutschland, die "Goldene Lola" ist mit 10 000 Euro dotiert. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) kündigte an die kulturelle Filmförderung stärken zu wollen. Es sei ihr ein Herzensanliegen, "dass mutige Filmemacher bei herausragenden Filmprojekten weniger Kompromisse eingehen müssen und unabhängiger arbeiten können."

Zwölf Stunden Mammutvorführung

Viel Sitzfleisch muss das Publikum für den Eröffnungsfilm des "Forum" mitbringen. Zwölf Stunden dauert "Chamissos Schatten" (Haus der Berliner Festspiele, seit 10 Uhr), eine Art Reisetagebuch der Künstlerin Ulrike Ottinger, die ihre Tour von Alaska über Tschukotka nach Kamtschatka zeigt.  

Die Perspektive Deutsches Kino wird in diesem Jahr mit der rbb-Koproduktion "Meteorstraße" (CinemaxX, 20:30 Uhr) eröffnet. In dem semi-dokumentarischen Film sucht der 18-jährige Mohammed, dessen Eltern Deutschland verlassen mussten, nach Orientierung in einer unberechenbaren Welt. Damit greift die Regisseurin Alline Fischer das omnipräsente Thema von Flucht und Integration auf. "Es ist mir ganz wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass die Gesellschaft etwas dafür tun muss, dass sie Jugendliche wie Mohammed nicht verliert", erklärte die Regisseurin im Interview mit rbb online. Insgesamt laufen acht rbb-Koproduktionen auf der Berlinale.

Der rbb zeigt ab 22:15 Uhr das "Berlinale-Studio" aus dem Berlinale Palast. Die Radioeins-Moderatorin Bettina Rust ("Hörbar Rust") empfängt dort die Stars und die Kreativen des Festivals, am Freitagabend ist die Regisseurin Doris Dörrie zu Gast. Zudem startet am Freitag ab 22 Uhr der "Berlinale Nighttalk" mit Knut Elstermann und prominente Gästen in der "radioeins xXLounge" des CinemaxX am Potsdamer Platz.

Die Berlinale im Live-Ticker

Das könnte Sie auch interessieren

Verleihung der Bären am 20.02.2016: Preisträger Goldener Bär für den Besten Film: Gianfranco Rosi ("Fuocoammare") (Quelle: dpa)

Bilanz | Berliner Filmfestspiele 2016 - Berlinale zeigt sich politischer denn je

An diesem Thema ist auch die 66. Berlinale nicht vorbei gekommen: Mit dem Goldenen Bären wurde am Samstag die Flüchtlings-Doku "Fuocoammare" von Gianfranco Rosi ausgezeichnet. Obwohl einige Bären-Kandidaten von der Jury nicht bedacht wurden, zeichnete sich diese Berlinale durch Qualität und Vielfalt aus. Von Knut Elstermann

Moderatorin Anke Engelke (li.) spricht am 21.02.2016 mit den Mitgliedern der Berlinale-Jury (Quelle: dpa)

Kommentar | Berlinale-Bilanz - Besser kann es keine Jury machen

Die Berlinale hatte in diesem Jahr wieder großartige Filme im Angebot. Die Jury war - mit Meryl Streep als deren Präsidentin - hochkarätig und charismatisch besetzt.  Doch ein Schwachpunkt war der Wettbewerb. Daraus treffsichere Entscheidungen zu treffen, verdient auch eine Auszeichnung meint Reiner Veit.