66. Internationale Filmfestspiele Berlin, 16.02.2016, Premiere "Genius": Die Schauspieler Colin Firth (l-r), Laura Linney und Jude Law. Der Film läuft auf der Berlinale im Wettbewerb (Quelle: Gregor Fischer/dpa)

Tag 5 der Berlinale - Britische Charmeoffensive im Wettbewerb

Halbzeit im Berlinale-Marathon: Der fünfte Tag der Filmfestspiele wurde von amerikanischen Wettbewerbsbeiträgen dominiert. Für Glamour sorgten mit Jude Law und Colin Firth allerdings zwei Briten. Sie haben am Abend ihren Film "Genius" vorgestellt, bevor Regisseur Spike Lee mit seiner "Chi-Raq"-Crew über den roten Berlinale-Teppich laufen durfte.

Der fünfte Tag der Berlinale stand ganz im Zeichen des amerikanischen Kinos - alle drei Wettbewerbsfilme spielen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Für den größten Trubel am Potsdamer Platz haben am frühen Dienstagabend die Hollywood-Stars Jude Law und Colin Firth gesorgt, als sie den Film "Genius" im Berlinale Palast vorgestellt haben. Er ist gleichzeitig eine Premiere für den Londoner Regisseur Michael Grandage, der bislang nur Theaterproduktionen und mit "Genius" nun seinen ersten Film gemacht hat. Darin spielt auch Nicole Kidman in einer Nebenrolle, bei der Premiere in Berlin war sie aber nicht dabei.

In "Genius" nimmt Max Perkins (Colin Firth) im New York der Zwanzigerjahre zukünftige Schriftstellergrößen wie Ernest Hemingway oder F. Scott Fitzgerald unter Vertrag. Als ihm ein wildes, ungeordnetes 1000-Seiten-Manuskript des unbekannten Thomas Wolfe (Jude Law) in die Hände fällt, ist er überzeugt, ein literarisches Genie entdeckt zu haben. Gemeinsam machen sich die beiden Männer daran, das Werk herauszubringen – ein schier endloser Kampf um jede Formulierung beginnt. Denn Perkins hätte nicht nur eine redaktionelle Überarbeitung des Manuskript gewollt, sagte Firth auf der Pressekonferenz zu "Genius". Es sei ihm wichtig gewesen, die authentische Satzstruktur Wolfes beizubehalten. 

Firth: "Es war anstrengend Wolfe zu lesen"

Das merkte der britische Schauspieler Colin Firth dann auch, als er sich vor den Dreharbeiten in die Werke von Thomas Wolfe einlas: "es war ziemlich anstrengend. Auf der einen Seite hat er eine unglaublich schöne Sprache, aber eigentlich hat man bei seinen Werken doch eher das Gefühl, dass es bei ihm eben keinen Lektor gab", gab Firth im Interview mit dem rbb zu. Jetzt scheint er aber ein Thomas-Wolfe-Experte zu sein: "Ich habe wahrscheinlich mehr von Wolfe gelesen als die meisten anderen Menschen."

Dass sich das gelohnt haben könnte, zeigen die Reaktionen der Kritiker. So erzähle "Genius" mit großer schauspielerischer Kunst über eine Männerfreundschaft in der New Yorker Schriftstellerwelt der 1920er Jahre, sagt rbb-Filmkritiker Andreas Kötzing. Während Colin Firth und Jud Law dafür perfekt besetzt sind, blieben die Nebenrollen hingegen eher blass.

Drehbuchautor und Produzent John Logan hofft, dass der Film auch andere motiviert "Schau heimwärts, Engel!" von Wolfe zu lesen: "Das ist ein großartiger amerikanischer Roman. Wenn es uns gelingt jemanden an ihn zu erinnern, dann wäre das schön." sagte Logan auf der Berlinale-Pressekonferenz zu "Genius".  

Sex-Streik gegen Waffengewalt

Zurück aus den Zwanzigern geht es in "Chi-Raq" (Berlinale Palast, 22 Uhr) um ein latent aktuelles Thema in den USA: Waffengewalt. In der US-amerikanischen Hip-Hop-Szene trägt die Stadt Chicago schon lange den Namen "Chi-Raq" - zusammengesetzt aus Chicago und Irak. Den Begriff hätten Rapper in Chicago erfunden, sagte Regisseur Spike Lee bei der Pressekonferenz am Dienstag. In der als "Mord-Hauptstadt" berüchtigten Metropole soll es mehr Tote und Morde geben, als die USA im Irak-Krieg erlitten haben. So starben zwischen 2001 und 2015 in Chicago knapp 7.000 Menschen durch Waffengewalt. Dies seien statistisch 99 durch Schusswaffen ums Leben gekommene Amerikaner pro Tag, erläuterte Lee, der von einer "nationalen Notlage" sprach.

Doch trotz des gewaltsamen Themas ist "Chi-raq" kein naturalistisches Schicksalsdrama, sondern eine pralle, mit Witz, Satire und viel Musik angereicherte Variante von "Lysistrata" - der klassischen Komödie des griechischen Dichters Aristophanes. In "Lysistrata" sehen die Frauen nur eine Möglichkeit die Gewalt-Spirale zu durchbrechen: Sie gehen in den Sex-Streik. Zur Premiere von "Chi-Raq" am Dienstagabend waren Darsteller Nick Cannon und Regisseur Spike Lee über den roten Berlinale-Teppich gelaufen. Ihr von der Filmkritik in den USA gefeierte und äußerst sehenwerte Film läuft allerdings im Wettbewerb außer Konkurrenz.

Für die Green Card in den Krieg

Als erster Wettbewerbsbeitrag ging am Dienstagnachmittag "Soy Nero" ins Rennen um den Goldenen Bären. Darin geht es um den Mexikaner Nero, der aus den USA abgeschoben wurde. Trotzdem klettert er wieder über den meterhohen Grenzzaun, der illegale Einwanderer wie ihn eigentlich aus den Vereinigten Staaten fernhalten soll. Nichts vermag Nero von seinem Traum abzubringen, US-amerikanischer Staatsbürger zu werden.

Seine einzige Chance, schnell eine Green Card zu bekommen: der freiwillige Militärdienst. Plötzlich findet sich Nero in der Wüstenlandschaft der Kriegsgebiete im Mittleren Osten wieder. Mit einem Maschinengewehr in der Hand kämpft er für seine Staatsbürgerschaft. Das Thema ist für den britisch-iranischen Regisseur des Films, Rafi Pitts ein Grund sich zu empören: "Keiner spricht über das Thema". Groben Schätzungen zufolge seien 3.000 dieser Zuwanderer trotz ihrer Verpflichtung und ihrer Kampfeinsätze wieder abgeschoben worden.

Johnny Ortiz, der in "Soy Nero" den jungen Zuwanderer spielt, hat selbst eine Migrationsgeschichte, seine Familie stammt aus Mexiko. Bevor Ortiz Schauspieler wurde, war er selbst in Gangs und im Gefängnis. Auf der Berlinale-Pressekonferenz zu "Soy Nero" sagte Ortiz es gebe nur wenige Menschen wie ihn, die jetzt die Chance hätten, in solchen Filmen mitzuspielen. "Wenn ich in den Film-Studios bin, sehe ich dort kaum Menschen, die meine Hautfarbe haben."

Pitts war bereits zwei Mal im Wettbewerb der Berlinale vertreten: 2006 stellte er seinen Spielfilm "It's Winter" vor, 2010 folgte "Zeit des Zorns". Beide Filme setzten sich kritisch mit der Situation in seinem Geburtsland Iran auseinander.

Appetithappen "Better Call Saul"

Im Berlinale Special "Series" gab es am Dienstagabend die erste Folge der zweiten Staffel "Better Call Saul" zu sehen. Das Spin-off des Serien-Hit "Breaking Bad" zeigt die Wandlung des Anwalt Jimmy McGill zum windigen Kriminellen Saul Goodman. In Deutschland startet die zweite Staffel "Better Call Saul" am Mittwoch auf dem Streaming Dienst "Netflix". In ihrer Serien-Sparte will die Berlinale einen Überblick über die Kreativität und Formenvielfalt der aktuellen Serienproduktion liefern. In diesem Jahr laufen Serien aus Dänemark, Großbritannien, Israel, Australien, Neuseeland und den USA.

"Das Tagebuch der Anne Frank" auf der Berlinale

Die "Generation 14plus" zeigte am Dienstagabend Hans Steinbichlers Interpretation der Geschichte des Mädchens Anne Frank. Anne und ihre Familie verstecken sich in "Das Tagebuch der Anne Frank" in einem Amsterdamer Hinterhaus, um dem nationalsozialistischen Regime zu entkommen, das die Niederlande besetzt hat und auch dort Jagd auf Juden macht.

Es ist ein beengendes Leben zwischen Alltag und Bedrohung, zwischen Geburtstagsfeiern, Bombenalarm und Angst vor Entdeckung. Die junge Anne hält all dies in ihrem Tagebuch fest und schildert zugleich die Wünsche, Sehnsüchte und Ängste einer jungen Frau. Für die Darstellerin Lea van Acken war ihre erst zweite Kinorolle eine große Herausforderung: "Druck war natürlich immer da. Ich musste mich davon frei machen, dass jeder ein Bild von Anne Frank hat. Man kann gar nicht allen Erwartungen gerecht werden. Im Endeffekt ist das, was wir machen, ja nur eine Interpretation", sagte sie dem rbb. Annes Eltern werden im Film von Martina Gedeck und Ulrich Noethen gespielt. 

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