(v.l.) Schauspieler Gerard Depardieu, Regisseur Gustave Kervern, Festivaldirektor Dieter Kosslick und Regisseur Benoit Delepine auf dem roten Teppich für "Saint Amour" auf den 66. Internationalen Filmfestspielen Berlin (Quelle: AP)

Tag 8 der Berlinale - Liebe, Amour, Miłość - und die Teddys

Die Berlinale neigt sich dem Ende zu. Bei den letzten Beiträgen im Wettbewerb hat sich am Freitag vieles um die Liebe gedreht. Die Komödie "Saint Amour", die außer Konkurrenz läuft, trägt die Liebe sogar im Titel. Ihr Hauptdarsteller Gérard Depardieu sorgte bei der Präsentation des Films allerdings mit einer ganz anderen Liebe für Aufregung. Außerdem  wurden am Freitagabend zum 30. Mal die Teddy-Awards verliehen.  

Die letzten drei Wettbewerbsfilme der Berlinale feiern am Freitag ihre Premiere, wenngleich der französische Beitrag "Saint Amour" (Berlinale Palast, 19 Uhr) außer Konkurrenz gezeigt wurde und somit keine Chance auf den Goldenen Bären oder die Silbernen Bären hat.

In dem Film von den Regisseuren Gustave Kervern und Benoît Delépine geht es um Bruno, der sein Leben als Bauer satt hat und und aus dem Familienbetrieb aussteigen will. Doch damit ist sein Vater Jean (Gérard Depardieu) überhaupt nicht einverstanden und versucht, seinen Sohn zu motivieren: Er beschließt mit Bruno eine echte Weinreise zu machen. So beginnt ein improvisierter Trip durch die verschiedenen Anbaugebiete im Wagen des jungen Taxifahrers Mike. Dabei kosten die drei unterschiedlichen Männer nicht nur so edle Tropfen wie den Saint Amour, sondern auch die Freuden der Liebe.

Depardieu liebt Russland und lernt nicht mehr für Rollen

Bei der Pressekonferenz zum Film, der eine Liebeserklärung an den Wein und die Liebe selbst ist, sorgte Hauptdarsteller Gérard Depardieu aber mit seiner Liebeserklärung an Russland und dessen Präsidenten für Aufsehen. "Also diese russische Romanze ist keine Romanze, sondern eine Liebe", sagte der 67-Jährige. Er fühle sich sehr russisch, selbst im Ausland. Er sagte auch, er wolle jetzt keine Politik machen, damit habe er nichts zu tun. "Aber es stimmt, dass ich Wladimir Putin sehr bewundere und das, was er tut." Depardieu hatte Frankreich 2013 in einem Steuerstreit den Rücken gekehrt und einen russischen Pass erhalten. Wegen seiner Nähe zum russischen Präsidenten Putin war er auch bei ukrainischen Behörden in Ungnade gefallen. Depardieu sagte, es gebe in Russland Leute, die gegen ihn seien. Sie seien dagegen, mit welcher Leichtigkeit Putin einen Pass vergebe.

Außerdem erzählte Depardieu auf der Pressekonferenz davon, dass er seine Rollen nicht mehr lerne. "Ich lese nichts. Ich bekomme alles aufs Ohr", so Depardieu. Das gebe ihm die Gelegenheit, die Menschen zu sehen, mit denen er spiele. "Es ist besser nicht zu wissen, was der andere sagt." Vielleicht habe er auch nicht richtig Lust zu lernen, schränkte er ein. Auch John Malkovich habe die Methode bereits versucht, sei allerdings gescheitert. Bruce Willis aber mache das jetzt auch so, erzählte Depardieu weiter.

In "Saint Amour", dem siebten gemeinsamen Film von Regie-Duo Gustave Kervern und Benoît Delépine, hat übrigens Schriftsteller Michel Houellebecq einen Gastauftritt. Wie die Regisseure auf der Pressekonferenz am Freitag berichteten, sollte der Schriftsteller eigentlich den Taxifahrer spielen, aber das hätte er nicht gewollt. Dass ihr Flm außer Konkurrenz läuft, ist für die Regisseure kein Problem. Delépine fügte sogar scherzend hinzu: "Ich habe gehört, dass zum ersten Mal ein Film außerhalb des Wettbewerbs gewinnen wird." Und Depardieu ergänzte: "Ich denke, dass der Wettbewerb nicht so interessant ist, wie unser Film".

Entsättigte Bilder über die Agonie der Gesellschaft

Um Liebe ging es auch im ersten Wettbewerbsfilm, der am Freitagnachmittag gezeigt wurde: In "Zjednoczone Stany Milosci" ("United States of Love") porträtiert Regisseur Tomasz Wasilewski vier Frauen in einer polnischen Kleinstadt in der Zeit unmittelbar nach dem Kalten Krieg. Er wollte dabei vor allen Dingen seine eigenen Kindheitserinnerungen filmisch umsetzen, sagte Wasilewski bei der Pressekonferenz in Berlin. Er habe die Welt damals als Neunjähriger vor allem durch die Augen der wichtigen Frauen in seinem Umfeld erlebt.

Konkret geht es im Film einerseits um Agata, die sich zu einem Priester hingezogen fühlt und ihn heimlich beobachtet. Außerdem wird von der Schuldirektorin Iza erzählt, die seit Jahren ein Verhältnis mit einem verheirateten Arzt hat. Die Russischlehrerin Renata wiederum sucht die Nähe zu ihrer jungen Nachbarin, der Sport- und Tanzpädagogin Marzena. Und Marzena träumt schließlich von einer internationalen Karriere als Model.

Die vier Frauen stehen für die polnische Gesellschaft, die nach einer Ära der Stagnation versucht, sich Anfang der 90er Jahre neu zu finden. Schulen erhalten den Namen "Solidarność", erste westdeutsche Kurpatienten bringen Devisen ins Land, Pornovideos machen die Runde und das Fernsehen wiederholt Bilder vom Prozess gegen den rumänischen Diktator Ceausescu.  

"Zjednoczone Stany Milosci" handelt von vier unterschiedlichen Frauen und vier Lieben.

Doch Regisseur Wasilewski betonte in der Pressekonferenz zum Film, nicht in erster Linie einen politischen Film beabsichtigt zu haben. "Mich interessiert der Mensch im Kino. Ich möchte in meinen Filmen den Mensch so sichtbar machen, dass man hören kann, wie die Berührung seiner Haut klingt." Der Film in entsättigten Farben und kühlem Dekor ist eine Reflexion über Versuche, einer lust- und körperfeindlichen Umgebung zu entfliehen. Sein Thema ist die Agonie einer Gesellschaft – und die Gefühlsnot der Einzelnen. "Ich habe diese Zeit so farblos in Erinnerung. Ich kann mich nicht an leuchtende Farben erinnern", erklärte Tomasz Wasilewski.

Eine absurd-groteske Geschichte zum Schluss

Den offiziellen Wettbewerbsblock der 66. Berlinale schloss am späten Freitagabend ""Ejhdeha Vared Mishavad!" ("A Dragon Arrives!") vom iranische Regisseur Mani Haghighi. Der ist kein Berlinale-Frischling mehr, zwei seiner Filme - "Men at Work" (2006) und "Modest Reception" (2012) - liefen bereits auf den Filmfestspielen.

Amir Jadidi und Nader Fallah in "A Dragon Arrives!"

Nun hat Haghighi seinen "Drachen" ins Rennen um den Goldenen Bären geschickt, der am Samstagabend im Berlinale Palast verliehen wird. Die Handlung: Es ist der 22. Januar 1965. Am Vortag ist der iranische Premierminister vor dem Parlament erschossen worden. Im Inneren eines Schiffswracks, das inmitten einer Wüstenlandschaft steht, hat sich ein verbannter politischer Gefangener aufgehängt. Die Wände sind übersät mit Tagebuchaufzeichnungen, Roman-Zitaten und rätselhaften Zeichen. Können sie Kommissar Babak Hafizi bei seinen Ermittlungen nutzen? Geben sie Aufschluss über die Frage, warum sich stets ein Erdbeben ereignet, wenn ein Toter auf dem Wüstenfriedhof beerdigt wird?

Mithilfe eines Toningenieurs und eines Geologen beginnt Hafizi seine Recherchen auf der archaischen Insel Qeshm im Persischen Golf. 50 Jahre später werden das gesammelte Beweismaterial und geheimdienstliche Tonbandaufnahmen in einer Schachtel gefunden, die belegt, dass der Kommissar und seine Mitstreiter verhaftet wurden. Warum? In seinem neuen Film entwirft Mani Haghighi ein weiteres Mal eine absurd-groteske Versuchsanordnung. Spielerisch stellt er mysteriöse Ereignisse nach, die um eine wahre Begebenheit kreisen – und zugleich ihre eigene Wahrheit imaginieren.  

Bester "Teddy"-Film kommt aus Österreich

Bevor die Bären am Samstagabend verliehen werden, erfolgte die Kür für das schwullesbische Kino bei den Teddy Awards. Vor knapp drei Jahrzehnten setzte die Berlinale mitten in der AIDS-Krise ein Zeichen - es war das erste Festival, das einen eigenen Preis für Filme mit queeren Inhalten schuf. Der Teddy wurde bereits zum 30. Mal verliehen.

Dabei wurde "Tomcat" ("Kater") vom österreichischen Filmregisseur Händl Klaus als bester Film ausgezeichnet. Er erzählt die Geschichte zweier Männer, die im gleichen Orchester in Wien arbeiten und zusammen mit ihrem Kater in einem alten Haus ein eigentlich idyllisches Leben führen. Doch wie so oft ist ihr Zusammenleben und ihre Liebe füreinander fragil. In den Hauptrollen sind dabei die Theaterdarsteller Philipp Hochmair und Lukas Turtur zu sehen, die mit einem intensiven und gefühlvollem Spiel überzeugen.

Teddy-Award-Erfinder Wieland Speck sagte vor der Preisverleihung dem rbb, der Teddy sei ein Stück Leben dieser Stadt und es werde ihn auch noch in Zukunft geben, "allein schon deshalb, weil die Welt eben so kacke ist, wie sie ist. Und weil es so viele Stellen in dieser Welt gibt, wo es noch gar nicht queer geht. Und weil aus diesen Orten Menschen zur Berlinale kommen, mit uns feiern und mit einer Menge Kraft wieder nach Hause gehen." 

Als das Meer verschwand

In der Sektion "Perspektive Deutsches Kino" hat die Berlinale am Freitag die rbb-Koproduktion "Wir sind die Flut" (CinemaxX3, 19:30 Uhr) von Sebastian Hilger gezeigt. Zwei junge Physiker aus Berlin machen sich darin auf herauszufinden, warum vor der Küste des Ortes Windholm das Meer verschwand - doch nicht nur das: Die Dorfbewohner behaupten, das Meer hätte vor 15 Jahren auch ihre Kinder mit sich genommen.

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