Verleihung der Bären am 20.02.2016: Preisträger Goldener Bär für den Besten Film: Gianfranco Rosi ("Fuocoammare") (Quelle: dpa)

Bilanz | Berliner Filmfestspiele 2016 - Berlinale zeigt sich politischer denn je

An diesem Thema ist auch die 66. Berlinale nicht vorbei gekommen: Mit dem Goldenen Bären wurde am Samstag die Flüchtlings-Doku "Fuocoammare" von Gianfranco Rosi ausgezeichnet. Obwohl einige Bären-Kandidaten von der Jury nicht bedacht wurden, zeichnete sich diese Berlinale durch Qualität und Vielfalt aus. Von Knut Elstermann

Das Gütesiegel der Berlinale, ein politisches Festival zu sein, war in diesem Jahr mehr als eine bloße Behauptung, um das Filmfest von Cannes und Venedig abzusetzen. Es waren auch nicht nur einzelne, aktuelle Filme oder herausragende politische Events, die diesem Jahrgang seine Prägung gaben. Die beunruhigende Lage der Welt, die allgemeine Erschütterung der Werte, der Ordnungen, der Gewissheiten gaben dieser Berlinale ihre Prägung.

Viele Filme, ob im Wettbewerb oder den anderen Sektionen setzten sich ins Verhältnis zu den Brüchen, zu den tiefen Rissen in dieser Zeit. Die Berliner Filmfestspiele, vor 66 Jahren gegründet als Schaufenster des Westens, haben sich gerade in diesem Jahr mit einem klugem, vielfältigen Programm als ein Festival in einer Welt positioniert, die vollständig aus den Fugen geraten ist, deren Koordinaten längst nicht mehr die alten, vertrauten sind.

Menschen und Emotionen

Der allgemein erwartete Gewinner des Goldenen Bären, Gianfranco Rosi aus Italien nimmt uns in seinem Dokumentarfilm "Fuocoammare" mit auf die Insel Lampedusa, wo er mit erschütternden Bildern die Welt der täglich anlandenden, erschöpften Flüchtlinge zeigt, und auf der anderen Seite das friedliche, fast unberührte Leben der Fischer, der  Bewohner dieser Insel. Dass sich beide Welten kaum berühren, entspricht allerdings eher dem kalkulierenden Konzept des Regisseurs als der Wirklichkeit, denn auch auf Lampedusa gibt es Betroffenheit und Helfer, die hier absichtsvoll nicht ins Bild geraten, um die deutliche Trennung zu betonen. Er habe keinen politischen Film drehen wollen, betonte Rosi nach der Preisverleihung, es ginge ihm um Menschen und Emotionen.

Doch ist ihm sehr bewusst, dass sein Film politisch gesehen und verstanden werden muss, dass er ein Nachdenken darüber in Gang setzen sollte, wie sehr Europa nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch ein Land wie Italien alleingelassen hat.

Geradezu vollkommen verbanden sich die Filme über Flüchtlinge in ihrer Vielfalt zu einem Gesamtbild. Besonders eindrucksvoll gelangen einige Werke, in denen die beobachteten Helden zu Subjekten ihrer eigenen Geschichte werden, in denen also nicht nur über Flüchtlinge, über Migranten, über Außenseiter erzählt wird, sondern in denen die Menschen zu Erzählern ihres Schicksals werden.

Preiswürdiger Film im Forum

In "Les Sauteurs (Those Who Jump)" im Forum der Berlinale, für mich der stärkste Film des Festivals, werden wir Zeugen der Hoffnungen junger, afrikanischer Männer, die in die spanische Enklave in Marokko gelangen wollen und dafür alles in Kauf nehmen. Der Blick in die Wartezone auf dem Berg vor dem Grenzzaun öffnet sich in eine überfüllte Hölle. In diesem mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichneten Film arbeiten die Regisseure Estephan Wagner und Moritz Siebert mit Abou Bakar Sidibé zusammen, einem jungen Mann aus Mali, der hier als Co-Regisseur einen direkten Zugang zu seinen Leidensgenossen eröffnete.

Regisseur Philip Scheffner ging einen ähnlichen Weg. Er arbeitete mit der aus Rumänien stammenden Roma-Familie Velcu in Berlin zusammen. Auch der Familienvater Colorado Velcu war Co-Regisseur und lässt uns am Familienalltag teilhaben. Dabei entstand mit "And-Ek Ghes..." , eine rbb-Produktion, ebenfalls im Forum zu sehen, eine ehrliche  Schilderung der Schwierigkeiten, aber auch des Lebensmutes und Zusammenhaltes, die sogar viele heitere Momente hat. Hier ging  es nicht mehr ausschließlich um Flucht, sondern um das Ankommen, das Einleben, und das war dann endlich auch ermutigend.

Jury setzt Zeichen abseits des Flüchtlingsthemas

Ein anderes Zeichen der Jury ging angesichts der drängenden Bilder und Geschichten über Flüchtlinge bei der Preisvergabe fast unter. Das illustre Gremium mit seiner Präsidentin Meryl Streep wollte ganz offensichtlich auch das junge Kino ermutigen. Mia Hansen-Love aus Frankreich erhielt den wichtigen Regiepreis für "L'avenier" mit der wunderbaren Isabell Huppert.

Sie spielt großartig unterkühlt eine von ihrem Mann verlassene Philosophie-Lehrerin, die ihr Leben neu ordnen muss. Die junge Regisseurin inszenierte erstaunlich souverän diese melancholische und ironische Geschichte vom Altern. Auch das junge tunesische Kino wurde gefeiert. "Hedi", dieser sinnliche und sehr differenzierte Film von Mohamed Ben Attia wurde als bester Erstlingsfilm ausgezeichnet.

Lebendiger Nachhall des Arabischen Frühlings

Ein Silberner Bär ging an den jungen Hauptdarsteller Mastoura Majd, der in der Rolle von Hedi  überzeugte, eines sensiblen, unentschlossenen Mannes, der zwischen Tradition und Moderne zerrissen ist. "Hedi" wurde in Berlin als ein sehr lebendiger Nachhall des Arabischen Frühlings verstanden. Und das Wunderkind des polnischen Kinos Tomasz Wasilewski erhielt sehr zu Recht den Drehbuch-Preis für sein düsteres Drama über vier Frauen im postrevolutionären Polen.

Bei diesen deutlichen Würdigungen junger Talente ist es umso bedauerlicher, dass die Jury den einzigen deutschen Beitrag übersehen hat. Anne Zohra Berracheds kontroverser, hoch emotionaler, großartig gespielter Film "24 Wochen" über die Abtreibung eines behinderten Babys war dem Gremium vielleicht doch etwas zu mutig in seiner Schonungslosigkeit.

Ausgeglichene Qualität und ungeheure Vielfalt

Natürlich vermisse ich auch andere Filme auf der Bären-Liste, etwa die jugendfrische Coming-out-Geschichte "Quand on a 17 (Being 17)" des französischen Altmeisters André Techinés, deren Schönheit in der unaufgeregten Genauigkeit und Unauffälligkeit liegt. Auch so etwas wird leider leicht übersehen. Allerdings musste die Jury aus einem breiten Feld sehr guter Filme wählen. Denn dieser Jahrgang zeichnete sich durch ausgeglichene Qualität und durch ungeheure Vielfalt aus. Es hätte viele Preiskandidaten gegeben. Dass die Jury sich schließlich für "Fuocoammare" entschied, setzt ein politisches Zeichen, dass wohl jeder Besucher dieser 66. Berlinale verstanden hat. 

Beitrag von Knut Elstermann

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