Schauspielerin Edith Scob, Regisseurin Mia Hansen-Love, Produzent Charles Gillibert und Schauspielerin Isabelle Huppert auf dem roten Teppich zum Film "L'avenir/ Things to Come" bei der Berlinale 2016 (Quelle: dpa/AP Photo/Markus Schreiber)

Tag 2 der Berlinale - "Ich zeige nichts als die Wirklichkeit"

Das von Festival-Chef Kosslick ausgerufene Motto "Recht auf Glück" ist im Berlinale-Wettbewerb angekommen. So zeigt der Dokumentarfilm "Fuocammare" in teils drastischen Bildern das Schicksal von Flüchtlingen auf Lampedusa. Mit einem ganz anderen Schicksal plagt sich Filmdiva Isabelle Huppert im französischen Wettbewerbsbeitrag, der zu einem Bären-Favoriten avanciert ist.

Die Berlinale ist ein Festival der Kontraste. Auf der einen Seite herrscht der romantisch-verklärte Glanz und Glamour Hollywoods. Auf der anderen Seite greift das Filmfest, das als besonders politisch gilt, in seinem Programm die harte Realität der Flüchtlingskrise auf.

Den Anfang im Wettbewerb machte am Samstag der Dokumentarfilm "Fuocoammare (Fire at Sea)" des italienischen Regisseur Gianfranco Rosi, der als einer von 18 Filmen in den Wettbewerb um den Goldenen Bären eingetreten ist. Die Insel Lampedusa steht in dem Beitrag symbolisch für die ganze Flüchtlingskrise.

Idyllische Momente versus rigorose Szenen

Anlässlich der Präsentation des Films in Berlin sagte Regisseur Gianfranco Rosi: "Mir geht es darum, eine Tragödie zu zeigen, die sich vor unser aller Augen abspielt." Rosi verantwortet die italienisch-französische Co-Produktion nicht allein als Regisseur und Autor. Er ist auch für Kamera und Ton verantwortlich. "Ich glaube, dass wir alle Verantwortung tragen für diese Tragödie, und ich glaube, nach dem Holocaust ist das vielleicht die größte Tragödie, die wir erleben", sagte er weiter.

In dem Film werden idyllische Szenen vom Alltag der italienischen Inselbewohner mit krassen Momenten kontrastiert, die das Grauen der Flucht deutlich zeigen. Dabei blickt die Kamera sogar auf Sterbende. Die Frage, ob das legitim ist, wird auf der Berlinale heftig diskutiert. Rosi verteidigte seine Rigorosität: "Ich zeige, was passiert. Ich zeige nichts als die Wirklichkeit." Auf der Pressekonferenz zum Film bekam Gianfranco Rosi von den internationalen Journalisten enthusiastischen Beifall, Bravo-Rufe und stehende Ovationen.

Schon seit Jahren ist die Insel Lampedusa das Ziel von Frauen, Männern und Kindern, die versuchen mit klapprigen Booten europäisches Gebiet zu erreichen. Sie sehnen sich nach Frieden, Freiheit und Glück – manchmal werden sie aber nur noch tot aus dem Wasser geborgen. Der Film zeigt ihr Schicksal im Vergleich zum Leben der Inselbewohner – zwei getrennte Welten in einem permanenten Ausnahmezustand.

Isabelle Huppert als Intellektuelle

Weiter ging es im Wettbewerb mit dem Beitrag "Things to come", der im Original "L'avenir" heißt. Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert spielt die Philosophie-Lehrerin Nathalie, deren Leben in geordneten Bahnen verläuft. In ihrem intellektuell-kleinbürgerlichen Haushalt muss sich die Endfünfzigerin keine Sorgen um die Zukunft machen - bis ein geballtes Zusammentreffen unvorhergesehener Ereignisse alles verändert und Nathalie dazu gezwungen wird, ihr Leben neu zu erfinden.

Huppert fand es interessant, eine intellektuelle Frau zu spielen, sagte die Schauspielerin am Samstag auf der Berlinale-Pressekonferent. "Solche Figuren gibt es nicht oft im französischen Kino." Es habe ihr unheimlich gefallen, dass Regisseurin Mia Hansen-Løve bereit gewesen sei, eine intellektuelle Frau zu zeigen. "Ich glaube, viele Regisseure haben Angst, dass sie sich da die Finger verbrennen", sagte Huppert. "Manchmal ist es wie ein Tabu." Für rbb-Kritikerin Ula Brunner überzeugt Isabelle Huppert mit einer großartigen Schauspielleistung, die "L'avenir" zu einem Favoriten auf den Goldenen Bären macht.

Für die Regisseurin ist es ein Film über die Welt, in der sie aufgewachsen sei. Wie Nathalie im Film war auch ihre Mutter Philosophielehrerin. "Ich bin in einem intellektuellen Haushalt groß geworden", so Mia Hansen-Løve. Für Huppert lautet die Botschaft des Films: "Die Antworten (...) auf unsere Probleme kommen von innen."

Zwei Maori-Clans beim Schafschur-Wettbewerb

Der dritte Wettbewerbsbeitrag "Mahana" (englischer Titel: "The Patriarch") lief am späteren Samstagabend im Berlinale Palast, allerdings außer Konkurrenz. Der Film nimmt das Publikum mit an die Ostküste Neuseelands in den 1960er Jahren, wo sich zwei rivalisierende Maori-Clans beim alljährlichen Schafschur-Wettbewerb gegenüberstehen. Der Film sei kein Western, erklärte Regisseur Lee Tamahori am Samstag bei der Pressekonferenz in Berlin,  enthalte aber viele Anspielungen auf klassische Westernfilme. "Der amerikanische Western ist immer mein Lieblingsgenre gewesen und ich wollte immer einen machen. Allerdings schwinden meine Chancen, weil jeder seine Version des amerikanischen Western zu machen scheint", so Tamahori.

Die Hauptfigur im Film, der 14-jährige Simeon, lehnt sich gegen seinen herrschsüchtigen Großvater Tamihana auf und kommt so der Wahrheit hinter der jahrelangen Familienfehde auf die Spur. Gespielt wird Simeon von Akuhata Keefe, der selbst kein großer Western-Fan ist, wie er am Samstag sagte. Als er bei den Dreharbeiten Filmlegende James Stewart ("Winchester ’73", "Vertigo") imitieren sollte, musste er zugeben, Stewart gar nicht zu kennen. Für rbb-Filmkritiker Fabian Wallmeier spielt Akuhata Keefe seine Rolle mit Verve und einer angenehmen Schlitzohrigkeit, die für etwas Komik in diesem ansonsten donnergrollend pathetischen Drama sorgt.

"Mahana"-Pressekonferenz: Regisseur und Darsteller geben einen Maoritanz zum Besten



Ganz ohne Traumfabrik geht's nicht

Noch ein bisschen Hollywoodglanz gab es am Samstagabend im Kino International. Dort wurde der US-amerikanische Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Tim Robbins mit der Berlinale Kamera geehrt.

Im Anschluss folgte sein Berlinale-Gewinnerfilm "Dead Man Walking - Sein letzter Gang" (1995). 2004 wurde Robbins für seine Rolle als "Dave Boyle" in dem Thriller "Mystic River" mit einem Oscar ausgezeichnet. Zusätzlich zu seiner Arbeit im Filmbusiness ist Tim Robbins seit mehr als 30 Jahren Künstlerischer Direktor der Theatergruppe "The Actor’s Gang" in Los Angeles, die mit ihren Produktionen auf fünf Kontinenten gastierte. In dem Projekt "Actors’ Gang Prison Project" setzt die Gruppe Schauspiel als Mittel zur Rehabilitierung kalifornischer Häftlinge ein. Bis zum heutigen Tag nahmen mehr als 500 Gefängnisinsassen an diesem Projekt teil, dem kürzlich die Anerkennung der Strafvollzugsbehörde und der US-amerikanischen Justizbehörde zu Teil wurde.

Als Berlinale Special wurde "The Season in Quincy" am Samstagnachmittag im Haus der Berliner Festspiele gezeigt. In dem Dokumentarfilm bekommt der britische Schriftsteller, Maler und Kunstkritiker John Berger in seinem Rückzugsort in den französischen Alpen Besuch von Freunden - unter anderen von Schauspielerin Tilda Swinton.

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