66. Internationale Filmfestspiele Berlin, 14.02.2016 "24 Wochen": Schauspieler Julia Jentsch (l-r), Anne Zohra Berrached, Bjarne Mädel. Der Film läuft auf der Berlinale im Wettbewerb (Quelle: Kay Nietfeld/dpa)

Tag 3 der Berlinale - Applaus und Tränen für "24 Wochen"

Mit "24 Wochen" ist am Sonntagabend der einzige deutsche Beitrag im Berlinale-Wettbewerb vorgestellt worden. Der Film mit Julia Jentsch und Bjarne Mädel in den Hauptrollen behandelt das Tabuthema Spätabtreibung eines behinderten Babys. Viele Kritiker zeigten sich begeistert und berührt.  

Mit dem Abtreibungsdrama "24 Wochen" (Berlinale Palast, seit 19 Uhr) ist der einzige deutsche Film im Berlinale-Wettbewerb an den Start gegangen. Hauptdarstellerin Julia Jentsch spielt darin eine Kabarettistin, die im sechsten Monat schwanger ist. Als sie und ihr Mann (Bjarne Mädel) erfahren, dass das ungeborene Kind das Down-Syndrom und einen Herzfehler hat, denkt die werdende Mutter über eine Abtreibung nach. Regisseurin des Dramas ist die 33-jährige Erfurterin Anne Zohra Berrached.

Mit ihrem Film wollte Berrached "nichts beschönigen. Wir wollten ganz nah bei einem Paar dabei sein, dass diese schreckliche Erfahrung durchmacht", sagte die 33-Jährige bei der Pressekonferenz. "24 Wochen" habe sie zwei Kindern gewidmet: eines, dessen Eltern sich für und eines, dessen Eltern sich gegen das Kind entschieden haben. Mit beiden Paaren habe Berrached während der Recherche intensiv geredet. "Stundenlang saßen wir in einem Café in Berlin und haben geheult", so Berrached.

Echte Ärzte und Hebammen vor der Kamera

Für "24 Wochen" standen die Schauspieler zusammen mit realen Ärzten, Pränataldiagnostikern, Hebammen und Beratern vor der Kamera – das verleiht dem Film große Authentizität. Anne Zohra Berrached habe lange nach einem Abtreibungsarzt gesucht, der bereit ist, mitzuspielen. Er wollte aber nicht direkt zu sehen sein und auch nicht mit echten Namen genannt werden. Daher habe sie ihm ihren eigenen Namen, Berrached, gegeben.  

Bei der Arbeit am Drehbuch, sagt Co-Autor Carl Gerber, sei nur eins von Anfang an fest gewesen: das Ende. "Aber das verrate ich hier jetzt erst mal nicht", so Gerber. Hauptdarstellerin Julia Jentsch, die selbst Mutter ist, habe beim Lesen des Buches geweint. Sie habe die Rolle des schwierigen Themas wegen nicht sofort übernehmen wollen. Allein die emotional extrem schwierige Geburtsszene, so Julia Jentsch, sei 45 Minuten lang in Gänze gedreht worden - zweimal.

"Tatortreiniger" Bjarne Mädel mal nicht lustig

Beeindruckt waren viele Kritiker auch von Jentschs Filmpartner Bjarne Mädel, der sonst eher aus lustigen Rollen wie in "Tatortreiniger" bekannt ist. "Sie sehen mich ab jetzt viele Jahre auf der Berlinale", sagte Mädel. Er habe sich über die Rolle gefreut und überhaupt nicht gezögert, sie anzunehmen. Bei dem Film habe er tolle Frauen um sich gehabt - und versucht, nicht zu stören.

Das Fachpublikum nahm "24 Wochen" bei der Pressevorführung am Nachmittag mit betroffenem Applaus auf. Für die Filmcrew gab es viele lobende Worte, viele zeigten sich betroffen und bewegt. Bei rbb-Filmkritiker Fabian Wallmeier kam der Film hingegen alles andere als gut an: Als Aufklärungsfilm für den Schulunterricht könne "24 Wochen" funktionieren, als Wettbewerbsbeitrag eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt sei er aber ganz und gar fehl am Platz.

Mit ihrem ersten Langfilm "Zwei Mütter" über ein lesbisches Paar mit Kinderwunsch war Regisseurin Berrached 2013 auf der Berlinale in der Sektion Perspektive Deutsches Kino vertreten und gewann damals den DFJW-Preis Dialogue en perspective der französischen Jury. Berrached ist Jahrgang 1982, stammt ursprünglich aus Erfurt und hat an der Filmakademie Baden-Württemberg Regie studiert.

Jentsch: "Film hat eine sehr offene Haltung"

Auch Julia Jentsch wurde bereits bei den Filmfestspielen ausgezeichnet: 2005 gewann die Berlinerin den Silbernen Bären als beste Schauspielerin für ihre Rolle in "Sophie Scholl – Die letzten Tage".

Das Thema Abtreibung empfindet die 37-Jährige Jentsch, die in der Schweiz lebt, als "wahnsinnig aufrüttelnd und aufwühlend". Abtreibung sei eine "so heftige Entscheidung und etwas so Persönliches, dass man da niemandem eine Vorschrift machen kann oder sollte", sagte Jentsch zuvor im Interview mit dem rbb. "Ich finde es toll, dass dieser Film auch eine sehr offene Haltung zu dem Thema behält und vor allem eine persönliche Geschichte erzählt."

Das mörderische Gesicht des Krieges

Am Sonntagnachmittag feierte zuvor ein portugiesischer Film seine Premiere im Wettbewerb: "Cartas Da Guerra (Letters from War)" von Ivo M. Ferreira ist ein Drama über den portugiesischen Kolonialkrieg in Angola. Der junge Militärarzt António wird im Januar 1971 an die Front geschickt. Er schreibt regelmäßig Briefe an seine schwangere Frau, die geprägt sind von einer tiefer Sehnsucht. Zugleich skizziert António auch den Alltag in der Fremde. Doch immer mehr zeigt der Krieg sein mörderisches Gesicht. Und die Briefe nach Hause werden auch zu spirituellen Botschaften aus einem Universum des Untergangs.

Auf Grundlage der unter dem Titel "Leben, auf Papier beschrieben" (2005) veröffentlichten Briefe von António Lobo Antunes inszeniert Ivo M. Ferreira eine Parabel, in der sich Realität und Imagination vereinen. In flirrenden schwarz-weißen Bildern, zwischen Tagebuch, Kriegsbericht und Liebesgeständnis, entwirft der Regisseur einen poetischen Essay, in dem die Bilder und die Aufzeichnungen des Arztes in einem besonderen Spannungsverhältnis stehen.

Briefe aus dem Krieg waren für viele Familien wichtig

Viele der Journalisten in der Pressekonferenz gratulierten dem Team um Regisseur und Autor Ivo M. Ferreira. Wegen der Authentizität hätten sich die Schauspieler auch mich echten portugiesischen Soldaten getroffen. Ihre Darstellung hat anscheinend überzeugt. Ein Journalist aus Portugal berichtete von seinem eigenen Vater, der ebenfalls im Krieg in Angola war und Briefe nach Hause geschrieben hätte. "Diese Briefe waren wirklich sehr wichtig für meine Mutter!"

Damit sich die Schauspieler in ihrer Rolle entwickeln können, habe der Regisseur nicht chronologisch zur Geschichte gedreht. "Also mussten sich die Schauspieler immer wieder neu orientieren", so Ferreira. Weil die Hauptfigur so gut wie immer raucht, vor allem auch beim Briefe schreiben, musste sich der Regisseur fragen lassen, welche spezielle Rolle die Zigarette hatte. Einerseits sei früher mehr geraucht worden, der Film spiele ja auch in den 70er Jahren. Andererseits ist die Zigarette aber auch der treue Begleiter der Hauptfigur, wie der Regisseur erläuterte. "Ich finde es gut gegen die Mode zu gehen - also viel zu rauchen", fügte er hinzu.

Da "Cartas Da Guerra" auch eine große Liebesgeschichte ist, fühlte sich einer der Journalisten während der Pressekonferenz noch bemüßigt an die Bedeutung des heutigen Tages zu erinnern: "Kein besserer Film hätte am Valentinstag gezeigt werden können."

Von der Liebe zwischen zwei jungen Männern in den Bergen

Der französische Filmemacher André Téchiné war schon mehrfach im Wettbewerb der Berlinale zu sehen. In diesem Jahr ist er mit "Quand on a 17 Ans (Being 17)" vertreten, der am Sonntagabend im Berlinale Palast Premiere feierte. Erzählt wird die Geschichte von zwei Jungen, die in einen unüberbrückbaren Streit geraten. Damien (Kacey Mottet Klein) und Thomas (Corentin Fila) gehen in dieselbe Gymnasialklasse und verstehen sich überhaupt nicht.

Sobald Worte nicht mehr genügen, um sich gegenseitig zu verletzen, prügeln sie aufeinander ein. Als die Mutter von Thomas nach mehreren Fehlgeburten wieder ein Kind erwartet und einer komplizierten Schwangerschaft entgegen sieht, nimmt Damiens Mutter den verschlossenen Jungen für eine Weile bei sich auf. Die beiden jungen Männer müssen nun unter einem Dach leben - und langsam entwickelt sich aus der Antipathie eine Liebesgeschichte.

Regisseur Téchiné hat bei der Geschichte die Selbstfindung Jugendlicher interessiert, vor allem wenn sie entdecken, dass sie von der Norm abweichen, wie er am Sonntag in Berlin erklärte. Für rbb-Filmkritikerin Ula Brunner sind ihm dabei nuancierte Charakterzeichnungen gelungen. Sein neuer Film sei ein sehr körperlicher und trotzdem von einer heiteren Leichtigkeit geprägter Film voller Begehren und Sehnsucht.

Meryl Streep hatte Abba-Liedtext falsch im Kopf

Jurypräsidentin und Oscarpreisträgerin Meryl Streep besuchte am Sonntag die Nachwuchsreihe Berlinale Talents. Die Schauspielerin sprach mit rund 300 jungen Schauspielern aus aller Welt über ihre Zusammenarbeit mit Regisseuren und die Entwicklung starker Beziehungen zu den von ihr verkörperten Figuren. Hier plauderte Meryl Streep auch aus dem Nähkästchen. Nach eigenen Worten habe sie jahrelang den falschen Abba-Liedtext im Kopf gehabt.

Cynthia Nixon spielt in "A Quiet Passion" Dichterin Emily Dickinson

Jeder singe Lieder von Abba - "ich meine, wie kann man da nicht mitsingen?", sagte die Schauspielerin. Sie habe aber feststellen müssen, dass man Popmusik oft Jahre im Kopf habe und sich manche Worte falsch einpräge. "Und das war wirklich nicht gut", sagte Streep zu ihrem Musicalfilm "Mamma Mia!" von 2008. Sie habe einiges neu lernen müssen, was sich zuvor lange in ihr Gehör eingegraben habe.

"Sex and the City"-Star auf der Berlinale

Und auch der dritte Berlinale-Tag ist mit etwas Hollywood-Glamour garniert: In der Sektion Berlinale Special Gala war "Sex and the City"-Star Cynthia Nixon auf dem roten Teppich zu sehen. Die US-Schauspielerin verkörpert in "A Quiet Passion" die Dichterin Emily Dickinson. Die meiste Zeit verbringt die 1803 geborene Dickinson auf dem elterlichen Anwesen in Amherst, Massachusetts. Sie gilt als begabtes Mädchen, muss aber aufgrund seelischer Leiden das Studium abbrechen. Die menschenscheue Frau zieht sich zurück und schreibt Gedichte.

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