66. Internationale Filmfestspiele Berlin, 15.02.2016, Premiere «Jeder stirbt für sich allein» («Alone in Berlin»): Emma Thompson. Der Film läuft auf der Berlinale im Wettbewerb (Quelle: Gregor Fischer/dpa)

Tag 4 der Berlinale - "Emma, Emma, Emma!"

Die britischen Schauspielerin Emma Thompson ist auf der Berlinale und die Fans stehen Kopf: Mit frenetischen "Emma"-Rufen ist die Britin am Montagabend vor dem Berlinale-Palast empfangen worden. Hier feierte der Wettbewerbsfilm "Alone in Berlin" von Vincent Perez Premiere. Zuvor wurde den europäischen Shooting Stars die Bühne überlassen.

Der vierte Berlinale-Tag gehörte der britischen Schauspielerin Emma Thompson: Unter lautstarkem Jubel der Fans wurde sie am Montagabend vor dem Berlinale Palast zur Wettbewerbs-Premiere von "Alone in Berlin" begrüßt. Begleitet wurde sie von ihren Filmpartnern Brendan Gleeson und Daniel Brühl. Die britische Schauspielerin wurde im Gegensatz zu den männlichen Kollegen am frenetischsten gefeiert. Mit "Emma, Emma, Emma!"-Rufen baten die Menschen am roten Teppich um Autogramme und Selfies.

Die Darsteller spielen in der Neu-Verfilmung von Hans Falladas "Jeder stirbt für sich allein" unter der Regie des Schweizers Vincent Perez die Hauptrollen. Wie in der Romanvorlage stehen darin Anna und Otto Quangel im Mittelpunkt, deren Sohn im Juni 1940 an der Front gefallen ist. Das Arbeiterehepaar aus dem Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg ist dem "Führer" treu gefolgt.

Doch nun kommt die Erkenntnis, dass die Versprechen nur auf Lüge und Betrug beruhen, so dass die beiden zum Widerstand gegen Adolf Hitler und das Nazi-Regime aufrufen. Es dauert nicht lange, bis SS und Gestapo ihnen auf der Spur ist. Das Ehepaar leistet bis 1943 Widerstand, dann werden sie mit dem Fallbeil hingerichtet. Der Roman von Hans Fallada gilt als authentisches Zeugnis des Alltagslebens in Berlin während der NS-Zeit und wurde bereits mehrfach verfilmt. Perez sagte auf einer Presskonferenz zu "Alone in Berlin" auf der Berlinale aber, dass er sich vor den Dreharbeiten keine der Verfilmungen angeschaut habe.

Brühl warnt vor Rechtsruck

In der neuen Version von Regisseur Vincent Perez verkörpern Brendan Gleeson und Emma Thompson das Berliner Ehepaar. Daniel Brühl (mit Schnauzbart) ist ihnen als Polizist auf den Versen. Brühl warnte bei der Berlinale vor einem Rechtsruck. Leider gebe es derzeit in Europa und gerade in Deutschland eine Bewegung zur politischen Rechten, sagte der 37-Jährige, der immer wieder in internationalen Filmen dabei ist. "Wir müssen vorsichtig sein, dass wir uns von rassistischen und faschistischen Ideen nicht vergiften lassen."

Thompson sagte, sie habe erst spät angefangen, über die Zeit zu lesen, und herausgefunden, dass viele Deutsche die Nazis selbst als Besetzer empfunden hätten. "Ich selbst bin ja mit so einer Art Gehirnwäsche groß geworden." London sei ziemlich nüchtern in den Nachkriegszeiten gewesen. Alle Filme, die sie gesehen habe, drehten sich um Deutschland, um den Krieg und "wie toll wir waren und wie wir die Nazis geschlagen haben", so die Britin.

Politische Träume und Albträume in einem Hotel

Am Nachmittag feierte vorher der Wettbewerbsbeitrag "Smrt u Sarajevu / Mort à Sarajevo (Death in Sarajevo)" des bosnischen Filmemachers Danis Tanovic Premiere. Schauplatz des Films ist das Hotel Europa in Sarajevo. Am 100. Jahrestag jenes Attentats, das als Auslöser für den Ersten Weltkrieg gilt, soll von hier aus ein Appell für Frieden und Verständigung gestartet werden. Doch die Hotelangestellten haben andere Sorgen: Seit Monaten ohne Lohn, planen sie einen Streik.

Regisseur Danis Tanović, der mit "Aus dem Leben eines Schrottsammlers" im Wettbewerb der Berlinale 2013 vertreten war, inszeniert ein satirisches Gleichnis auf politische Träume und Albträume.

Die Situation in Bosnien sei immer noch sehr schwierig, erklärte das Filmteam am Vormittag auf der Pressekonferenz. Die Schauspielerin Vedrana Seksan sagte, "wir reden im Film über Dinge, über die wir zuhause nicht reden. Das ist wichtig." Und Regisseur Denis Tanivic erklärte, er sei sicher, dass der Film in Bosnien einiges aufrühren werde.

Von Anfang an waren auch die Schauspieler am Script beteiligt. Es habe nur Szenen im Drehbuch gegeben, keine Dialoge, erklärte das Team. Sie hätten ständig improvisieren müssen. Die Charaktere und das was sie sagen, seien aus ihnen heraus entstanden. Das habe ihnen die Arbeit enorm erleichtert.

Reise durch Zeit und Raum

Auch ein chinesischer Beitrag läuft in diesem Jahr im Wettbewerb: In "Chang Jiang Tu (Gegenströmung)" von Yang Chao verschmelzen chinesischer Alltag, Politik und Poesie, Außen- und Innenwelt zu einem magischen Universum.

"Das Projekt hat so lange gedauert, wie der Fluss Jangste lang ist", sagte der Regisseur Yang Chao in der Pressekonferenz. Die erste Idee für den Film habe er 2005 gehabt. Schauspieler Wu Lipeng war für den Dreh zum ersten Mal an dem Mammut-Fluss - und diese Erfahrung habe ihn verändert, betonte er. Der Fluss habe eine andere Seele in ihm hervorgerufen.

In dem Film fährt der junge Kapitän Gao Chun seinem Frachtschiff auf dem Jangtse flussaufwärts. Sein Vater ist vor kurzem gestorben, und sein Glaube besagt, dass der Sohn für die Befreiung der Seele des Vaters Sorge tragen muss. Zugleich sucht Gao Chun nach der Liebe seines Lebens. Doch alle Frauen, die er trifft, sind eine einzige Person: ein Zauberwesen, das immer jünger wird, je näher er dem Quellgebiet des Jangtse kommt. Die Flussfahrt wird zur Reise durch Zeit und Raum.

Jella Haase gehört zu den Shooting Stars

Im Rahmen der Berlinale wurde auch wieder der europäische Filmnachwuchs geehrt: Millionen Kinobesucher haben sie als prollige Chantal in "Fack Ju Göhte" kennengelernt: Die Schauspielerin Jella Haase wurde am Montagabend auf der Berlinale als aufstrebendes Talent ausgezeichnet. Das Netzwerk europäischer Filmorganisationen ehrte sie als einen von zehn Shooting Stars. "Wenn es darum geht, forsche, rebellische und ein wenig trashige Charaktere mit einem Herzen aus Gold zu spielen, liegt Jella das deutsche Publikum zu Füßen", urteilte die Jury. Haase spielte auch im Neonazi-Drama "Kriegerin" und in "4 Könige" über Jugendliche in der Psychiatrie mit.

Ihre Tage sind durchgeplant: Pressekonferenzen, Foto-Shootings sowie Partys und Treffen mit Casting-Direktoren und Produzenten. Die gebürtige Berlinerin freut sich aber: "Ich glaube es wird eine sehr spannende, aber auch sehr anstrengende Zeit", sagte sie im rbb-Interview.

City West wegen Netanjahus Staatsbesuch dicht

Den Staatsbesuch des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu werden am Montag und Dienstag auch die Berlinale-Besucher zu spüren bekommen. In der City West wird es rund um das Luxushotel Waldorf Astoria am Bahnhof Zoologischer Garten umfangreiche Einschränkungen geben. Wer also mit dem Auto oder der BVG auf dem Weg in den Zoo Palast ist, sollte mehr Zeit einplanen.

Bereits im Vorfeld wurde die für Montagabend geplante Premiere von "Maggie's Plan" (19 Uhr) mit Julianne Moore, Greta Gerwig und Ethan Hawke vom Zoo Palast in den Friedrichstadt-Palast verlegt. Wer einen Platz am roten Teppich ergattern konnte, hatte Gelegenheit die Hollywood-Stars Julianne Moore und Greta Gerwig zu sehen.

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