Anna Hartmann (rechts) hat eine sogenannte Flüchtlingspatenschaft für Kheir Allah Sweid (links) übernommen. Am 14.02.2016 sahen sich die beiden den Film "Fuocoammare" auf der 66. Berlinale an. (Quelle: ©Nadine Wojcik)

Willkommenskultur der Berlinale - Die eigene Fluchtroute auf der Leinwand sehen

Die Berlinale versteht sich als politisches Filmfestival. Deshalb zeigt das Fest des internationalen Kinos in diesem Jahr nicht nur Filme über Flüchtlinge, sondern bezieht auch eindeutig Stellung. Zur Willkommenskultur gehören neben einem Spendenaufruf die explizite Einladung an Flüchtlinge zum Filmeschauen. Von Anke Burmeister

Vor jeder Filmvorführung gibt es ein kleines Zeichen: Im Berlinale-Trailer, der vor jedem Filmstart gezeigt wird, taucht die Zeile "Das Festival präsentiert" in mittlerweile sieben Sprachen auf - in diesem Jahr ist Arabisch neu hinzugekommen. Das ist aber nur der Anfang.

Schon Monate vor Beginn der Berlinale hatte sich die Festivalleitung überlegt, wie sie ganz konkret etwas tun kann, erzählt deren Verwaltungsleiterin Adrienne Boros. Sie erinnert sich, wie sie als gebürtige Ungarin die Bilder im vergangenen Sommer aus Budapest verstört haben, als der Bahnhof zu einem Notlager für Flüchtlinge wurde. "Wir haben nicht lange darüber geredet, ob wir etwas tun, sondern was wir tun sollen", so Boros.

Ein Stück Normalität zeigen

"Wir wollen den Flüchtlingen ein Stück Normalität zeigen und ihnen einen Einblick ins Festival ermöglichen." Das wichtigste sei dabei natürlich das Filmegucken. Die Berlinale ermöglicht hunderten Flüchtlingen, die in Berlin leben, Kinobesuche in Begleitung so genannter Paten. Außerdem können Teilnehmer von Integrationskursen der Volkshochschule in Berlin-Mitte ins Kino gehen.

Anna Hartmann steht mit Kheir Allah Sweid im Haus der Berliner Festspiele. Anna arbeitet am Berliner Lageso für das deutsch-arabische Zentrum und ist eine so genannte Flüchtlingspatin für Kheir. Die beiden sind regelmäßig in Kontakt. An diesem Tag haben sie sich den Film "Fuocoammare" angesehen. Der italienische Dokumentarfilm läuft im Wettbewerb. Er beschreibt das alltägliche Leben der Bewohner der Mittelmeerinsel Lampedusa, während sich gleichzeitig täglich hunderte Flüchtlinge in einfachen Booten nach ihrer Überfahrt über das Mittelmeer auf die Insel retten.

Der syrische Flüchtling Hussam Nayef, aufgenommen am 15.02.2016 vor dem Kino International in Berlin. Der Syrer arbeitet während der 66. Berlinale als Filmfestivals im Kino International. (Quelle: dpa)
Hussam Nayef aus Syrien arbeitet als Hospitant auf der Berlinale.

Bilder der eigenen Flucht auf der Leinwand

Kheir stehen nach dem Film die Tränen in den Augen, denn auch er hat eine solche Überfahrt erlebt. Im Sommer vergangenen Jahres ist er aus Syrien geflohen. 2.000 Dollar hat der 24-Jährige dafür gezahlt. Erst ging es in die Türkei und dann mit dem Boot nach Griechenland: "Das Wetter war schlecht und es war gefährlich", erzählt er. Hat er Angst gehabt? "Nein", antwortet er. "Wenn Du fliehst, bist Du nicht mehr auf dieser Welt. Wir haben keine Angst, wir wollen einfach nur weg", erklärt er in einfachen englischen Worten und hängt ein kurzes Lachen an seinen letzten Satz.

Seit einigen Monaten sind Anna und Kheir regelmäßig in Kontakt, treffen sich zum Shisha-Rauchen in Neukölln, schreiben sich regelmäßig Nachrichten. Natürlich habe sie nicht viel Zeit für Kheir, sagt Anna: "Ich habe mein Leben hier, meinen Freund, den Job, die Familie, Freunde." Aber Kheir brauche sie, es sei wichtig für ihn, einen Ansprechpartner zu haben. So war für sie auch klar, dass sie mit ihm ins Kino gehen würde. Natürlich hatte Sie Bedenken, mit ihm einen Dokumentarfilm über die Flucht zu sehen. Umso wichtiger sei es, dass jemand bei ihm ist. "Einfach um über die Dinge zu reden", sagt sie.

Sie findet die Aktion der Berlinale gut: "Es wäre doch komisch, nur Filme über Geflüchtete zu zeigen aber dann die Leute um die es geht, außen vor zu lassen", sagt Anna, die ganz bewusst das Wort Geflüchtete anstatt Flüchtlinge wählt.

Spendenaufrufe und Hospitanzen für Flüchtlinge

"Geflüchtete Menschen brauchen Ihre Hilfe" - dieser orangefarbene Aufruf prangt auch auf der Internetseite der Berlinale. An 14 Standorten des Festivals wird mit Spendenboxen gesammelt, auf den Einladungen zu den Galas wird ebenfalls zu Spenden aufgerufen.

Außerdem können 18 Männer und Frauen, die als Flüchtlinge in Berlin leben, als Hospitanten bei der Berlinale arbeiten. Interviews geben sie leider nicht mehr, das Interesse ist zu groß, die Eindrücke sind zu viel. Aber die Zusammenarbeit klappe gut, versichert Adrienne Boros. Und auch das sei alles nur ein Anfang, versichert sie. Für nächstes Jahr würden schon neue Ideen entwickelt.

Beitrag von Anke Burmeister

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