Jenseits des Wettbewerbs stöbern - Die Filmtipps der rbb-Kritiker

Orientierung gefällig im Programm-Dschungel der Berlinale mit seinen insgesamt 434 Filmen? Die rbb-Kritiker geben täglich Tipps, welche Filme Sie nicht verpassen sollten. Zum Beispiel  "Maggies Plan" mit Greta Gerwig: Herzenswarme, kluge, leichte Kost - die man sich nach all der Filmkunststrenge des Festivalalltags redlich verdient hat.

Die Berlinale-Empfehlungen von Fabian Wallmeier

Fabian Wallmeier (Foto: Karo Krämer/Grafik: rbb)

"Maggie's Plan" von Rebecca Miller | Panorama

Wenn in einem Film Greta Gerwig die Hauptrolle spielt und Julianne Moore und Bill Hader wichtige Nebenrollen, hat er schon viel richtig gemacht. "Maggie's Plan" hat dazu noch größtenteils witzige Dialoge und einen sanft gegen den Strich gebürsteten Wohlfühl-Plot. In dessen Mittelpunkt steht Maggies titelgebender Plan (Mutter werden ohne Vater), der aber bald einem neuen weicht (den neuen Mann zurück in die Arme seiner Ex bugsieren). Herzenswarme, kluge, leichte Kost - die hat man sich nach all der Filmkunststrenge des Festivalalltags redlich verdient.

Aufführungen:

16.02. 12:45 CinemaxX 7 (Gebärdensprache)

17.02. 17:00 Cubix 9

21.02. 21:30 Zoo Palast 1

"Le fils de Joseph" von Eugène Green | Forum

Einer dieser glücklich machenden Filme, wie sie nur im Forum zu sehen sind: Eugène Green klopft biblische Motive auf ihre Aktualität ab, aber ganz ohne zur Schau getragene Gedankenschwere, dafür unaufdringlich skurril, überaus klug und sehr lustig. Im Mittelpunkt des Films steht der junge Vincent, der sich auf die Suche nach seinem (ihm von der Mutter vorenthaltenen) Vater macht. Green lässt seine Figuren beim Sprechen mit seltsam reglosen Gesichtern steif beieinander stehen, was den warmen Witz seiner Dialoge noch verstärkt. Ein enorm einfallsreicher, mehrere Ebenen scheinbar beiläufig verflechtender und gänzlich unprätentiöser Film.

Aufführungen:

13.02. 22:30 Cubix 9

14.02. 19:30 CinemaxX 4

21.02. 21:30 Delphi Filmpalast

"Uncle Howard" von Aaron Brookner | Panorama Dokumente

Aaron Brookner war sieben Jahre alt, als sein Onkel Howard 1989 starb. Wegen Onkel Howard ist Aaron später Regisseur geworden - und nun spürt er dem früh Verstorbenen nach: Howard Brookner hatte zwei gefeierte Dokus gemacht, über William S. Burroughs und Theatermacher Robert Wilson, als er mitten in der Arbeit an seinem ersten Spielfilm an AIDS erkrankte. Der Neffe durchstöbert Archive, spricht mit Weggefährten wie Jim Jarmusch - und setzt dem bewunderten Onkel liebevoll ein Denkmal, ohne je kitschig zu werden.

Aufführungen:

13.02. 14:30 CineStar7

13.02. 20:00 HAU Hebbel am Ufer (HAU1)

17.02. 22:30 CineStar 7

19.02. 17:30 Cubix 7

 

"Liliom Ösvény" ("Lily Lane") von Bence Fliegauf | Forum

Der Ungar Bence Fliegauf war zuletzt 2012 mit "Csak a szél" in Berlin zu Gast, einem berührenden Film über den Mord an einer Roma-Familie, der den Großen Preis der Jury gewann. Sein neuester Film ist deutlich weniger klar strukturiert: "Liliom Ösvény" erzählt im Grunde eine einfache Geschichte über das Scheitern einer Familie. Doch Fliegauf spielt meisterlich mit Erinnerungen, schneidet assoziativ zwischen den Zeiten hin und her – und lässt den Film dennoch verblüffend gleichmäßig fließen.

Aufführungen:

14.02. 20:00 Cubix 9

15.02. 22:00 Cinemaxx 4

21.02. 22:00 CineStar 8

"Ranenyy Angel" ("The Wounded Angel") von Emir Baigazin | Panorama Special

Drei Jahre nach seinem triumphalen Debüt "Harmony Lessons" kehrt der Kasache Emir Baigazin zurück zur Berlinale, mit dem zweiten Teil einer geplanten Trilogie. "Harmony Lessons" erzählte von der Brutalität einer trostlosen Dorfjugend und brannte sich vor allem durch seine prägnante Bildanordnung ins Gedächtnis. Das ist auch dieses Mal wieder so, obwohl nun ein anderer die Kamera bedient. Immer wieder sehen wir angeschnittene Fenster, die aus karg verputzten Räumen die Perspektive auf das beiläufige Geschehen in einem beige-grauen tristen Draußen öffnet. Drinnen derweil leiden dieses Mal gleich vier Jugendliche, deren traurige Geschichten erst in der letzten Szene so schlüssig wie eindrücklich zusammenlaufen.

Aufführungen:

17.02. 10:00 CinemaxX 7

18.02. 14:00 Cubix 9

19.02. 22:00 Zoo Palast 2

"Die Prüfung" von Till Harms | Perspektive Deutsches Kino

Fast 700 junge Männer und Frauen bewerben sich an der Staatlichen Schauspielschule Hannover, nur zehn Plätze sind zu vergeben. Anders als etwa in Andres Veiels wunderbarem Dokumentarfilm "Die Spielwütigen" (2004) stehen bei Till Harms nicht die angehenden Schauspieler im Mittelpunkt, sondern die neun Prüfer. Zehn nervenzehrende Tage lang sieben sie aus, streiten sich, offenbaren ihre Eitelkeiten – während die Kandidaten kämpfen, als ginge es um ihr Leben. "Die Prüfung" gibt einen enorm kurzweiligen Einblick in den Ausnahmezustand Aufnahmeprüfung.

Aufführungen:

18.02. 12:00 Colosseum 1

18.02. 20:30 CinemaxX 1

Die Berlinale-Empfehlungen von Anna Wollner

Anna Wollner (Quelle: rbb)

"Girl Asleep" von Rosemary Meyers | Generation 14plus

"Ich glaube mit 15 wird alles anders". Genau daran glaubt Greta nicht so richtig. Kurz vor ihrem 15. Geburtstag würde sie am liebsten davon laufen. Doch ihre Eltern richten eine Überraschungsgeburtstagsparty aus. Statt mitzufeiern, taucht Greta ein in einen mystischen Wald hinter dem Haus. Die Kostüme und die Ausstattung des Films sind eingetaucht in den Zeitgeist der Siebziger. Traumfragmente treffen auf die Party-Realität. "Girl Asleep" ist mal ein Musical, mal ein Film über das Seelenleben eines Mädchens zwischen Kindheit und Pubertät. Ein wunderbar verschrobenes Märchen für und über die Jugend.

Aufführungen:

13.02. 16:30 Cinemaxx 3

16.02. 13:00 HKW

21.02. 20:00 HKW

"Jonathan" von Piotr J. Lewandowski | Panorama

"Jonathan" ist ein Film, in dem viel Unausgesprochenes in der Luft liegt. Eine Vater-Sohn-Beziehung auf einem Bauernhof. Mit vertauschten Rollen. Der Vater ist schwer krank, der Sohn muss ihn pflegen, sein eigenes Leben auf Eis legen. Es gibt diesen einen Moment, da sitzt Jonathan einfach da, schaut in die Sonne und sagt "Ich kann nichts machen". In der Resignation liegt die Chance auf einen Neubeginn. Im letzten Jahr war Jannis Niewöhner noch Shooting-Star. Davor vor allem in seichten Teenie-Komödien zu sehen. Hier beeindruckt er durch die unterdrückte Kraft seines Spiels. Fast schon wie der junge Marlon Brando.

Weitere Aufführungen:

13.02. 20:15 CineStar 3

14.02. 20:00 Cubix 7

14.02. 20:00 Cubix 8

15.02. 22:30 Colosseum 1

17.02. 21:30 Kino UNION 1

20.02. 14:00 International

"Lotte" von Julius Schultheiß | Perspektive Deutsches Kino

Einen festen Plan hat Lotte nicht von ihrem Leben. Auch keinen festen Platz. Mit ihrem Rollkoffer zieht sie von Bleibe zu Bleibe durch die Straßen der Stadt. Eine schicksalhafte Zufallsbegegnung bereitet ihrem Treiben ein Ende. Es sind nur sechs Wörter, die alles verändern: "Marcel sagt, dass du meine Mutter bist". Auf einmal muss sie Verantwortung übernehmen, dabei ist sie doch diejenige, die Hilfe braucht.

Es sind die Momentaufnahmen Leben, die Julius Schultheiß Regiedebüt zu etwas Besonderem werden lassen. Ohne Filmförderung, dafür aber per Crowdfunding finanziert ist "Lotte" eine sehr leise Tragikomödie, die zurückhaltend das Seelenleben ihrer Figuren auslotet.

Weitere Aufführungen:

16.02. 12:00 Colosseum 1

16.02. 21:00 CinemaxX 1

"Wir sind die Flut" von Sebastian Hilger | Perspektive Deutsches Kino

Auf einmal ist das Meer nicht mehr da. Vor 15 Jahren verschwand es einfach – und nahm die Kinder von Windholm mit. Der junge Physiker Micha (Max Mauff) begibt sich auf Spurensuche. Wenn er mit seinem Schutzanzug durch das Wattenmeer läuft, dann sieht er aus wie ein gestrandeter auf einem fernen Planeten. Genauso fühlt sich die Generation Y manchmal. "Wir sind die Flut" ist ein verkopfter Science-Fiction Film über das Ende der Kindheit. Ein Film über eine Generation, die ohne Sorgen groß geworden ist, eine Generation denen die Welt zu Füßen liegt. Und die merkt, dass sie betrogen worden ist. Und jetzt ihre filmische Stimme dagegen erhebt.

Weitere Aufführungen:

20.02. 12:00 Colosseum 1

20.02. 20:30 Cinemaxx 1

Die Berlinale-Empfehlungen von Ula Brunner

Ursula Brunner (Foto: Karo Krämer/Grafik: rbb)

"Shelley" von Ali Abbasi | Panorama

Vor fast 200 Jahren erzählte Mary Shelley die Geschichte des Wissenschaftlers Frankenstein, der einen Menschen erschaffen will und ein Monster kreiert. In Abbasis gleichnamigem Film sind es Louise (Ellen Dorrit Petersen) und Kasper, die ihre rumänische Haushaltshilfe Elena (Cosmina Stratan) überzeugen, als Leihmutter ihr Kind auszutragen. Doch die Schwangerschaft verläuft nicht planmäßig, Elena hat Schmerzen, der Fötus in ihr quält sie. Hysterie und Paranoia machen sich in der dänischen Waldhaus-Idylle breit. In "Shelley" mischen sich Naturromantik, Ängste vor der modernen Reproduktionsmedizin und ein verstörtes Weiblichkeitsbild zu einem irritierenden Horrorfilm. Sehenswert ist das allemal.

Aufführungen:

14.02. 19:30 Zoo Palast 2
        
16.02. 22:30 CinemaxX 7
        
17.02. 20:15 CineStar 3
    
18.02. 22:30 Cubix 7

18.02. 22:30 Cubix 8
        
19.02. 22:30 Colosseum 1

"Martha" von Rainer Werner Fassbinder | Hommage

Martha (Margit Carstensen), arrogant, naiv, ist Anfang Dreißig und noch Jungfrau. Überstürzt heiratet sie den gutaussehenden Geschäftsmann Helmut (Karlheinz Böhm). Schnell offenbart ihr Ehemann sadistische Züge. Er quält und isoliert Martha, sie unterwirft sich. Ihr einziger Fluchtversuch führt in die endgültige Abhängigkeit. In hochstilisierten Bildern wirft Fassbinder einen bitterbösen Blick auf die bürgerliche Institution Ehe. Mit einer eleganten Kamerafahrt umkreist Michael Ballhaus, dem die diesjährige Hommage der Berlinale gewidmet ist, das Paar bei seiner ersten schicksalhaften Begegnung. Die 360-Grad-Kamerafahrt, der "Ballhaus-Kreisel", hat ihn berühmt gemacht – und "Martha" unvergesslich.

Aufführung:

16.02. 22:00 Cinemaxx 8

"Litte Men" von Ira Sachs | Generation Kplus

Das Schöne an den Filmen von Ira Sachs ist, dass sie die Dinge nicht einfacher machen, und dabei so unkompliziert echt bleiben. Als sich Tony (Michael Barbieri) und Jake (Theo Taplitz), im Sommer in Brooklyn kennenlernen, entdecken sie schnell, wie viel sie gemeinsam haben: Mädchen, Kunst, Skaten. Ihre Eltern wiederum geraten in einen erbitterten Mietstreit. Mit einem feinen Gespür für emotionale Zwischentöne und menschliche Schwächen bringt uns der Film seine Figuren nahe. Die Jungen-Freundschaft zwischen den Erwachsenenfronten muss am Ende eine Episode bleiben. Aber bei Ira Sachs ist das kein Drama, es ist einfach das Leben.

Aufführungen:

13.02. 15:30 Zoo Palast

14.02. 14:00 CinemaxX 3

16.02. 20:00 International

20.02. 17:00 Cubix 9
        
So 21.02. 10:00 Haus der Kulturen der Welt

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