Colin Firth bei einer Pressekonferenz in Peking (Quelle: dpa)

Interview | Colin Firth auf der Berlinale mit "Genius" - "Ein bisschen Besessenheit ist in Ordnung"

Der Film "Genius" feiert bei der Berlinale am Dienstag im Wettbewerb Premiere. Jude Law spielt in dem Film den amerikanischen Autor Thomas Wolfe und Colin Firth den legendären Lektor Max Perkins. Inwieweit Firth zum Thomas-Wolfe-Experten geworden ist und wieviel Moral und Besessenheit in ihm stecken, verriet der britische Filmstar im Interview.

rbb online: Kannten Sie Thomas Wolfe?

Colin Firth: Nein, ich hatte noch nie von ihm gehört. Tatsächlich erst, glaube ich, als ich das Angebot für diesen Film bekam.

Aber jetzt sind Sie wahrscheinlich schon fast so etwas wie ein Thomas Wolfe-Experte durch die Arbeit an "Genius"?

Ich habe wahrscheinlich mehr von Wolfe gelesen als die meisten anderen Menschen. Das stimmt auf jeden Fall. Es kann ziemlich anstrengend sein, ihn zu lesen. Auf der einen Seite hat er eine unglaublich schöne Sprache, aber eigentlich hat man bei seinen Werken doch eher das Gefühl, dass es bei ihm gar keinen Lektor gab. (lacht) Max Perkins, den ich im Film spiele, hat so viel rausgenommen und mit ihm gekürzt… Trotzdem: Thomas Wolfes erster Roman "Schau Heimwärts, Engel" ist ein wundervolles, ein bemerkenswertes Buch, aber mit einer nicht nachlassenden, unerbittlichen Energie, die einen ermüden kann.

In seinen späteren Büchern ist der Effekt noch ausgeprägter. Manchmal entstand bei mir auch der Eindruck, dass der Autor voller Selbstmitleid ist, mit einer Portion Größenwahn - dann wollte ich einfach nur aufhören zu lesen. Auf einmal aber wird man mit voller Wucht von so viel Einsicht und Eleganz erwischt, dass diese Erschöpfung verfliegt und man nicht genug bekommen kann von seinen Worten. Ich habe ein kompliziertes Verhältnis zu Wolfe.

So wie im Film, in dem Sie seinen Lektor Max Perkins spielen, der selbst eine Art Star war, auch wenn er es nie sein wollte. Genauso spielen Sie ihn ja.

Max Perkins wäre begeistert, das zu hören. Er war bekannt für seine Bescheidenheit und er spricht ja auch im Film darüber. Er hielt es für keine gute Idee, als Lektor einen gewissen Bekanntheitsgrad zu überschreiten. Dass er mehr und mehr zu einer Legende wurde, fand er problematisch. Es blieb natürlich nicht aus, dass die Leute von diesen besonderen Lektor-Autor-Beziehungen hörten, die er mit Hemingway, Fitzgerald und Wolfe hatte. Und da gab es natürlich viele junge Autoren, die sich genau danach sehnten: nach einer Vaterfigur, die das Genie in einem herauskitzelt.

Drehbuchautor John Logan, den man in jeder Hinsicht als Vater von "Genius" bezeichnen kann, wollte Sie unbedingt für die Rolle, weil Sie für ihn schon automatisch eine "moralische Größe" mitbringen.

Ich bin moralisch perfekt. (lacht) Nein, im Ernst: Jemand hat diese moralischen Worte für mich geschrieben, ich habe sie nur ausgesprochen. In meinen anderen Filmen - und auch hier.

In "Genius" geht es auch um die Besessenheit eines Künstlers. Wie besessen sind Sie, wenn Sie arbeiten?

Ich bin kein Thomas Wolfe, aber ein bisschen Besessenheit ist in Ordnung. Mir macht es viel mehr Angst, wenn ich nicht besessen bin. Vielleicht ist das ja auch nicht gesund, aber wenn ich das Gefühl habe, ich gehe 'bloß' zur Arbeit und werde nicht dazu 'getrieben', dann fehlt mir etwas.

Ich liebe es, komplett mitgerissen zu werden. Und wenn das passiert, dann ist das bestimmt auch nicht leicht, mit mir zu leben. Aber ich habe da großes Glück. Wenn meine Kinder ein seltsames Geräusch aus dem Badezimmer hören, dann wissen sie, was los ist und denken nicht, dass ich angefangen habe, mit mir selbst zu sprechen.

Das Interview führte Alexander Soyez, Inforadio-Filmkritiker

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