Interview | Julia Jentsch in "24 Wochen" - "Dieses Thema ist aufrüttelnd und aufwühlend"

Julia Jentsch feiert auf der 66. Berlinale ein doppeltes Comeback: Gleich in zwei Filmen ist die Berliner Schauspielerin vertreten. In dem einzigen deutschen Wettbewerbsbeitrag "24 Wochen" spielt Jentsch eine Mutter, die ein behindertes Kind erwartet und sich der Frage stellen muss, ob sie abtreibt. Ein Thema, das die 37-Jährige "wahnsinnig aufrüttelnd und aufwühlend" empfindet.

rbb: Sie sind ja nicht nur mit "24 Wochen" im Wettbewerb vertreten, sondern auch mit "Auf einmal" im Panorama.

Julia Jentsch: Da ist man ein paar Jahre bei der Berlinale nicht präsent und dann hat man gleich zwei Filme, ja.

Es wirkt tatsächlich fast so wie ein kleines Julia-Jentsch-Comeback hier auf der Berlinale.

Nicht jede Sache, die man macht, wird gleich gut oder erweckt eine große Aufmerksamkeit. Ich habe aber die ganze Zeit gearbeitet, immer wieder unterschiedlich intensiv. Mal laufen Sachen parallel, dann ist wieder ein größerer Abstand, mal ist die Rolle kleiner, mal ist sie größer.

Klar, generell ist der Wunsch, immer eine Rolle zu haben, die etwas Neues bietet und spannend ist, eine neue Herausforderung, die gerade zu den eigenen Wünschen passt. Aber das sind Traumvorstellungen - manchmal geht es auf und es passiert. Aber ein Großteil der Zeit ist es so, dass Sachen kommen, die zwar schön sind, aber wo eben nicht alles stimmt. Das ist völlig normal.

Julia Jentsch und Bjarne Mädel in "24 Wochen".

Diesmal hat wieder alles gestimmt. In "24 Wochen" spielen Sie eine junge Mutter, deren Leben aus den Fugen gerät, als sie erfährt, dass ihr ungeborenes zweites Kind einen genetischen Defekt hat und möglicherweise behindert zur Welt kommt.

Ich habe zwar auch ein Kind bekommen, aber ich musste mich dieser Frage vor ein paar Jahren nicht stellen. Dieses Thema ist aber wahnsinnig aufrüttelnd und aufwühlend, egal ob man es erlebt hat oder nicht. Es ist wirklich sehr heftig. Mein spontaner Impuls am Anfang war: ja, natürlich muss sie dieses Kind bekommen! Das klingt selbstverständlich, aber die Wirklichkeit sieht anders aus.

Die meisten Frauen, die erfahren, dass ihr ungeborenes Kind eine Behinderung haben könnte, entscheiden sich für einen Abbruch. Das ist eine so heftige Entscheidung und etwas so persönliches, dass man da niemandem eine Vorschrift machen kann oder sollte. Ich finde es toll, dass dieser Film auch eine sehr offene Haltung zu dem Thema behält und vor allem eine persönliche Geschichte erzählt.

Durch so eine Untersuchung auf genetische Defekte, die ebenfalls ein gewisses Risiko mit sich bringt, wird man als werdende Mutter vor die Entscheidung gestellt, möglicherweise mit einem behinderten Kind zu leben oder es abzutreiben. Heutzutage ist die Diagnostik zwar besser und feiner, aber trotzdem ein Risiko...

Und dann ist diese Diagnose nicht immer sicher und das Ausmaß der möglichen Behinderung auch nicht immer klar. Und das in einem Moment, in dem man sowieso hochemotional ist. Mitten in der Freude über das Kind erfährt man von den verschiedensten Krankheiten, Behinderungen oder was auch immer alles sein kann.

Man muss da versuchen, klar zu denken und eine Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung, die man nicht mehr rückgängig machen kann. Das ist auch das, was mich daran so bewegt hat - es ist eine Extremsituation. So habe ich es verstanden, als ich Gespräche geführt habe mit verschiedenen Paaren, die das erlebt haben. Ich habe auch gemerkt, für wie viele Menschen das ein Thema ist oder war. Man weiß es einfach nur nicht, weil normalerweise wenig darüber geredet wird. Und egal wie sich diese Eltern entschieden haben, merkt man, wie emotional und prägend das für ihr ganzes Leben ist.

Ich hatte auch tatsächlich Angst, so richtig einzutauchen in das Thema, schon bevor ich das Buch gelesen hatte, aber auch danach, als ich dann überlegt habe, ob ich das mache. Ich hoffe, dass der Film das schafft, dass man mutiger wird, sich damit auseinanderzusetzen und darüber zu reden. Das wäre das Schönste, was passieren könnte: eine Art Offenheit diesem Thema gegenüber, egal wie eine Frau oder eine Familie sich in so einer Situation entscheidet.

Regisseurin Anne Zohra Berrached bezeichnet den Film auch als Collage. Sie hat nicht nur mit Schauspielern wie Ihnen und Bjarne Mädel gedreht, sondern auch mit Laiendarstellern, wie zum Beispiel Ärzten. Wie haben Sie diese etwas anderen Dreharbeiten empfunden?

Bei diesem Film war Vieles sehr besonders und auch neu, gegenüber anderen Sachen, die ich bisher gemacht habe. Anne hat für sich einen Stil gefunden, Filme zu machen, der zwischen Realität und Fiktion angesiedelt ist, indem sie zwar mit Schauspielern arbeitet, gleichzeitig aber für bestimmte Rollen Menschen besetzt, die das entsprechende Berufsbild auch in ihrem wirklichen Leben verkörpern.

Sie treten in der Funktion ihres Berufes auf. Das war sehr speziell und aufregend für Bjarne Mädel und mich, denn wir hatten ja unsere Szenen und unseren Text. Und dann haben wir Anne gefragt, wie machen wir das denn jetzt, haben die denn auch ihren Text gelernt? Und Anne meinte dann nur so: "Nö, natürlich nicht. Ich kann denen doch nicht Text geben, sie würden sich dann nur unwohl fühlen. Aber sie wissen, worum es in dieser Szene geht."

Sie müssen dann einfach so reden, wie sie normal mit einer Patientin reden würden, und sich so verhalten, wie sie sich eben verhalten würden, wenn sie jemanden eine Diagnose mitteilen. Wir hatten als roten Faden unseren Verlauf der Szene im Kopf, wussten aber, dass wir ganz frei damit umgehen müssen. Wenn wir dazu kommen, genau die Sätze zu sagen, dann tun wir das und wenn nicht, dann sagen wir etwas anderes und schauen, wo die Reise hingeht.

Wie fühlte sich das an?

Das war toll. Ich war im Vorfeld aufgeregt und skeptisch, aber dadurch, dass die Menschen, mit denen wir da zusammen arbeiten durften, das so toll gemacht haben, hat es sehr viel Spaß gemacht und es hat wirklich funktioniert.

Echter als bei normalen Dreharbeiten zu einem Spielfilm?

Es gibt dem Film einen bestimmten Stil, eine bestimmte Atmosphäre - etwas, das man so gar nicht benennen kann. Natürlich glaube ich, dass man ähnliche oder gleiche Szenen genauso mit Schauspielern hätte spielen können und auch an diese Punkte gekommen wäre. Aber von der Atmosphäre her kommt etwas anderes dazu, weil man diese Menschen nicht kennt und sie sich auf eine bestimmte Art so ganz selbstverständlich in diesem beruflichen Umfeld bewegen.

Ich glaube, dass man diesen leichten Unterschied spürt, so dass man zwischendrin das Gefühl haben kann, es könnte eine Dokumentation sein. Das kann nicht jeder, es ist eine besondere Qualität von Anne, diese Menschen zu finden, die dann vor der Kamera so normal und natürlich bleiben. Sie hat da wirklich viel für gearbeitet, um die richtigen Leute zu finden. Für den einen Chirurgen, hat sie vorher mit 40 anderen gesprochen.

Interessant, wie schwierig es manchmal sein kann, natürlich zu sein.

Absolut. Das ist das, was wir als Schauspieler immer anstreben und suchen, worauf man in diesem Beruf ja hinarbeitet. Es klingt so absurd, wenn man sagt: "Sei doch einfach natürlich". Auch im Alltag geht es ja immer darum, in welcher Situation man sich wie verhält und ob man sich natürlich verhalten kann.

Können Sie die Berlinale genießen oder überwiegt die Aufregung, wie der Film ankommt?

Ich finde Festivals an sich großartig, egal ob ich da jetzt mit einem Film bin oder im Publikum oder in der Jury. Das ist ja das, was ich gerne mache und was ich liebe: Filme an sich, Filme gucken, Filme machen und mit Menschen darüber reden - und das ist auf Festivals immer gebündelt. Da ist immer eine große Energie, eine große Neugierde. Und es macht mir auch einfach Spaß, in volle Kinosäle zu gehen.

Ich liebe es bei Festivals, wenn die Leute in die Kinosäle strömen und manchmal noch auf den Treppen sitzen. Die Berlinale ist für mich auch deshalb besonders, weil es meine Heimatstadt ist und ich immer gerne hier bin. Das hat etwas sehr Persönliches für mich, mit meiner eigenen Herkunft und meiner eigenen Geschichte. Ich habe schon tolle und großartige Erlebnisse hier gehabt.

Gibt es einen speziellen Ort, wo Sie immer hingehen, wenn Sie in Berlin sind?

Wenn es mich nicht beruflich weggezogen hätte, wäre ich wahrscheinlich nie weg von hier. Ich wollte immer wieder zurück nach Berlin, es hat bloß nicht geklappt. Ich bin in Charlottenburg aufgewachsen, insofern verbringe ich dann viel Zeit dort. Wenn ich mich mit Freunden treffe, dann eher dort, aber es kommt natürlich auch darauf an, wo ich gerade unterwegs bin.

Ich genieße es einfach, in der Stadt zu sein und ich kenne viele Orte und Bezirke in Berlin, sodass ich inzwischen mit vielen Bezirken Sachen verbinde. Aber Charlottenburg ist natürlich mein Bezirk! Das Kant-Café in der Kantstraße ist so ein Ort, das kenne ich noch aus Schulzeiten.

Das Interview führte Alexander Soyez, Inforadio-Filmkritiker

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