Ausstellungsansicht: Das Forum Deutsche Fernsehgrößen stellt ausgewählte Fernsehschaffende (Regisseure, Schauspieler, Produzenten) mit Kurzbiografien und ausgewählten Filmen vor. (Quelle: Deutsche Kinemathek)

Interview | Ausstellung zur Retrospektive "Deutschland 1966" - "Das Fernsehen war 1966 wie Youtube heute"

Die Retrospektive der Berlinale widmet sich einem Schicksalsjahr des deutschen Films: 1966 herrschte Aufbruchstimmung - in Ost und West, doch mit ganz unterschiedlichen Folgen. Anlässlich dessen wirft die Deutsche Kinemathek in einer kleinen Sonderausstellung auch einen Blick auf das Fernsehen in Ost und West. Kuratorin Klaudia Wick über das damals neue Massenmedium, über Straßenfeger und Experimente.

Die Retrospektive der Berlinale widmet sich dem Jahr 1966 und damit einem Wendepunkt im deutschen Kino. Damals herrschte Aufbruchstimmung: Im Westen stellen sich Autorenfilmer den Widersprüchen der Wirtschaftswunderzeit, im Osten hinterfragen junge Regisseure den sozialistischen Alltag. Doch während dem Neuen Deutschen Film der internationale Durchbruch gelang, wurden in der DDR infolge des 11. Plenums des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) im Dezember 1965 rund die Hälfte aller DEFA-Spielfilme verboten, die 1966 in die Kinos hätten kommen sollen.

Während im Programm der Retrospektive etwa 20 Filme aus West und Ost gezeigt werden, hat sich die Kuratorin der Ausstellung "Deutsches Fernsehen 1966", Klaudia Wick, das vorgenommen, was damals über die Bildschirme in den deutsch-deutschen Wohnzimmern flimmerte.

rbb online: Frau Wick, wenn ich an das deutsche Fernsehen im Jahr 1966 denke, fällt mir auf Anhieb nur "Raumpatrouille Orion" ein...

Klaudia Wick: Das ist in jedem Fall einer der wichtigen Programmpunkte des Jahres 1966. Science Fiction war ein neues Thema für das Fernsehen – auch wegen der Ankündigung, auf dem Mond zu landen. Im selben Jahr ist in den USA übrigens "Raumschiff Enterprise" gestartet.

Wenn man sich das heute anschaut, wirken einige Ideen ja schon ziemlich komisch. War die Serie denn damals auf der Höhe der Zeit?

Ich glaube, dass das Fernsehen 1966 deswegen so interessant ist, weil es nach seinem Selbstverständis auf der einen Seite schon ein unterhaltsames, gemütliches Fernsehen war, wie wir es bis heute kennen. Aber es war auch noch eine Experimentierbühne. Und die "Raumpatrouille Orion" liegt ziemlich genau auf der Mitte. Auf der einen Seite ist es aufwändig produziertes Science-Fiction-Fernsehen, auf der anderen Seite hat dort aber auch schon mal der Szenenbildner einfach gesagt: Nehmen wir doch das Rowenta-Bügeleisen hier, das  ohnehin so spacig aussieht, und tun so, als wäre das der Warp-Antrieb!

Als Sie sich für die Ausstellung durch das Fernsehjahr 1966 gewühlt haben, was waren da Ihre größten Überraschungen?

Ich fand zum Beispiel wirklich interessant, dass Samuel Beckett "He Joe" das erste Fernsehspiel seines Lebens beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart gemacht hat – und dass so etwas dann auch mit großer Selbstverständlichkeit ausgestrahlt wurde. Das ist experimentelles Fernsehen, das uns heute auch noch berührt und verstört.

Wie kann man sich Ihre Ausstellung denn konkret vorstellen? Gibt es da nur Filmausschnitte zu sehen oder gibt es auch Ausstellungsstücke?

Es gibt sechs Fernsehinseln, das sind Stationen zu verschiedenen Themenblöcken. Als Besucher können Sie sich vor einem Monitor hinsetzen, die Füße hochlegen, den Kopfhörer aufsetzen und das Programm ansehen. Es gibt immer einen kleinen Zusammenschnitt von elf Minuten, man kann sich dann aber auch weiter durchklicken und die einzelnen Filme in kompletter Länge ansehen. Wenn Sie an allen sechs Stationen nur diese Showreels gesehen haben, sind Sie nach 66 Minuten durch. Und wenn Sie sich alle Filme angucken, müssen Sie sich höchstwahrscheinlich Butterbrote mitbringen, weil es dann Tage dauert. (lacht) Aber Buttebrote sind im Museum verboten.

Mit welchem Themenblock geht es los?

Die erste Insel heißt "Fenster zur Welt" und erzählt die Geschichte des Reportage-Fernsehens. Das war ja noch relativ neu für die Zuschauer: Man konnte zu Hause bleiben und sich trotzdem ansehen, was anderswo in der Welt passiert. Es war damals noch nicht ganz so einfach zu reisen wie heute und das Fernsehen holte einem die Welt nach Hause ins Wohnzimmer.

Die Welt, zu der das Fernsehen das Fenster öffnete, war in Ost und West ja sicherlich stark unterschiedlich. Wie hat denn das Fernsehen in den beiden Teilen Deutschlands gearbeitet? Welche Welten wurden vermittelt?

Das DDR-Fernsehen war Staatsfernsehen, es war kontrolliert, der Intendant Heinz Adamek  musste sich für das Gezeigte beim Politbüro rechtfertigen. Das ist natürlich eine ganz andere Voraussetzung, um Fernsehen zu machen, als wenn Sie eine öffentlich-rechtliche Anstalt sind, die im Zweifel auch als öffentliche Opposition zur Regierung stehen kann. Und 1966 fiel in die Zeit des Kalten Krieges, die Grenzschließung war gerade fünf Jahre her. Im Westfernsehen berichtete Georg Stefan Troller aus Paris - auch vom dortigen "savoir-vivre". Das DDR-Fernsehen hat sich mit erzieherischen Dokumentarspielen wesentlich mehr nach innen gewandt, auf die Formung der eigenen Gesellschaft bezogen. 1966 war das Fernsehen ja bereits ein Massenmedium, jeder zweite Haushalt in Ost und West hatte einen Fernseher. Ganz anders als noch in den 1950er Jahren erreichte also nun was immer gesendet wurde nicht nur den Zahnarzt, der sich das teure Gerät leisten konnte, sondern wirklich jeden. Das Fernsehen hatte also großen Einfluss auf die Gesellschaft.

Klaudia Wick (Quelle: Deutsche Kinemathek)
Klaudia Wick leitet das Fernseharchiv der Deutschen Kinemathek.

Stichwort Massenmedium: Die 1960er Jahren waren ja auch die Zeit der ganz großen Straßenfegern. Wenn dann etwa "Das Halstuch" oder ein anderer Frances-Durbridge-Krimi lief, waren die Straßen im Westen tatsächlich wie leergefegt. Warum übten diese Filme so eine große Anziehungskraft aus?

Zunächst mal hatte das Medium selbst noch eine sehr große Anziehungskraft. Das Fernsehen war 1966 wie YouTube heute. Es war als Medium noch aufregend, man wusste nicht genau, was als nächstes passiert. Dass der letzte Teil des Durbridge-Dreiteilers "Melissa" 1966 eine Einschaltquote von 89 Prozent verbuchen konnte, hatte natürlich auch etwas damit zu tun, dass es  noch nicht so viele Sender gab.

Gab es solche Straßenfeger auch im DDR-Fernsehen?

Im DSF zeigte es 1966 zum Beispiel "Columbus 64" mit dem jungen Armin Müller-Stahl, einen Mehrteiler über die Bergbauarbeit in der Wismut. Oder es gab "Ohne Kampf kein Sieg", einen Mehrteiler, der aufwändig von der DEFA produziert wurde. Solche großen Produktionen waren immer auch Prestige-Projekte des Politbüros.

1966 fällt ja in eine Zeit, in der der deutsche Film insgesamt im Umbruch steckte, wenn man zum Beispiel an das Oberhausener Manifest von 1962 denkt, bei dem eine Reihe von jungen Regisseuren "Papas Kino" für tot erklärte und den Anspruch formulierte, nun ein neues Kino schaffen zu wollen. Inwieweit hat es denn einen Austausch gegeben zwischen den Pionieren des Jungen Deutschen Films und dem Fernsehen?

Michael Ballhaus, der beim Fernsehen seine Karriere begonnen hat, hat in seiner Biographie die zeitgenössischen Möglichkeiten beschrieben: "Wir sind doch hier beim Fernsehen, wir können hier alles ausprobieren", hieß es in den Redaktionen. Man kann bei vielen Fernsehfilmen aus dem Jahr 1966 den Versuch erkennen, etwas auszuprobieren.

An welchen Film aus dem Jahr 1966 denken Sie da zum Beispiel?

Zum Beispiel an Peter Lilienthals "Der Beginn". Das ist ein Roadmovie über einen jungen Mann, der noch nicht so richtig weiß, was er machen soll: Soll er weggehen oder in seinem alten Leben bleiben? Zwei Jahre später wäre diese Figur ganz unweigerlich in die Studentenrevolte geraten, man hätte gar nicht mehr von einem so zögerlichen, orientierungslosen, unzufriedenen, aber eben noch nicht revolutionären jungen Mann erzählen können. Die Kamera des Films ist aber schon sehr modern und nimmt eigentlich etwas vorweg, das erst später "state of the art" wurde: Das Filmteam ist zum Beispiel auf einen Rummel gegangen, die Kamera ist sehr beweglich, es ist ein Stilwille erkennbar. Später hat es solche Filme im Fernsehen immer seltener gegeben, weil das Medium seit den 1970er Jahren immer populärer und mainstreamiger geworden ist.

Das Interview führte Fabian Wallmeier.

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