Die Schauspielerin Lea van Acken auf dem NRW-Empfang 2016 anlässlich der Berlinale 2016 (Quelle: imago/Future Image)

Interview | Lea van Acken spielt Anne Frank - "Mir ist klar geworden, wie wichtig Zivilcourage ist"

Mit 14 war sie das Gesicht von Dietrich Brüggemanns "Kreuzweg" und landete 2014 mit ihrem damals ersten Film gleich im Berlinale-Wettbewerb. Dieses Jahr ist sie in Hans Steinbichlers Verfilmung von "Das Tagebuch der Anne Frank" zu sehen. Der Film hat auf der Berlinale Weltpremiere und die junge Frau auch persönlich aufgerüttelt.

rbb online: Du spielst in Deiner gerade mal zweiten Kinorolle Anne Frank – eine Person von Weltbedeutung. Wie groß war der Druck, alles richtig machen zu wollen?

Lea van Acken: Druck war natürlich immer da. Ich musste mich davon frei machen, dass jeder ein Bild von Anne Frank hat. Man kann gar nicht allen Erwartungen gerecht werden. Im Endeffekt ist das, was wir machen, ja nur eine Interpretation.

War Dir der Name Anne Frank vor den Dreharbeiten ein Begriff?

Klar kannte ich den Namen, hatte das Tagebuch selbst aber noch nicht gelesen. Vor dem ersten Casting habe ich das nachgeholt. Einfach um ein Gefühl für Anne und ihr Leben zu bekommen. Erst da ist mir klar geworden, was das wirklich für eine Geschichte ist.

Wie hast Du Dich der Filmfigur Anne angenähert?

Als ich die Zusage bekam, hatte ich erst Scheu, die Tagebücher noch einmal zu lesen. Ich hatte großen Respekt, so ein Tagebuch ist ja etwas sehr Intimes. Ich habe dann Briefe an Anne geschrieben, um ihr auch etwas von mir zu erzählen. Ich wollte, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen und eine Art freundschaftliches Verhältnis aufbauen. Ich habe ihr also etwas von mir erzählt, erst dann konnte ich das Tagebuch erneut lesen und fand es auch in Ordnung, also nicht anmaßend, mich als Schauspielerin in sie hineinzuversetzen.

Wie sahen die Briefe an Anne aus?

Im ersten Brief habe ich ihr einfach meinen Respekt ausgesprochen und gefragt, ob es in Ordnung für sie ist, dass ich sie spielen möchte. Natürlich habe ich nie eine Antwort bekommen, aber das war mir gar nicht wichtig. Anne schreibt an Kitty, also ihr Tagebuch, und bekommt auch nie eine Antwort. Über das Schreiben konnte ich mich aber ausdrücken. In den nächsten Briefen hab ich ihr von der Schule erzählt, von meiner Familie, von ganz normalen Dingen, die mich beschäftigen und die ich gerne mitteilen wollte.

Warst Du auch im "echten" Hinterhaus in Amsterdam?

Ja, ich war mit meiner Familie in Amsterdam. Da ist mir klar geworden, was Anne Frank der Welt bedeutet - es gab vor dem Haus eine Schlange von zwei Stunden Wartezeit. Schon vor unserem Besuch war ich total angespannt, konnte Amsterdam überhaupt nicht richtig genießen, hatte schlechte Laune und war gefühlsmäßig durcheinander. Im Hinterhaus selbst war es fast unwirklich. Das Haus war von den Nazis leer geräumt worden. Als ich drin stand, war mir gar nicht klar, dass das wirklich Annes Zimmer war. Zum Glück war meine Mutter dabei, sonst hätte ich das nicht überstanden.

Hast Du darüber nachgedacht, was es mit Dir machen würde in eine Situation wie Anne zu kommen?

Ich habe einen Heidenrespekt davor, wie die Familie das ausgehalten hat. Ich weiß nicht, wie ich in so einer Situation reagieren würde, wie ruhig ich sein könnte, wie viel Disziplin ich haben könnte. Aber im Endeffekt war es wohl die Todesangst, die von außen alles zusammengedrückt hat.

Wie schwer war es, die Rolle abends wieder abzulegen?

Mal mehr, mal weniger schwer. Es gab Szenen, da musste ich mich vorher ganz lange konzentrieren, habe mich in Annes Zimmer zurückgezogen und wollte für mich sein. Dann gab es aber auch Szenen, in die ich einfach so rein- und wieder rausspringen konnte. An manchen Abenden saß ich im Auto und konnte nichts sagen. Mir hat immer geholfen, nach dem Dreh in meinem Hotelzimmer zu tanzen. Meine Betreuerin hat immer gesagt: Essen erdet – und das stimmt. Ich musste lernen, mir meine Kräfte einzuteilen, um über den Tag und meine verschiedenen emotionalen Stadien zu kommen. Das war eine Reise zu mir selbst.

Nimmst Du durch die Erfahrung und die intensive Auseinandersetzung mit Anne Frank das aktuelle Geschehen in der Welt anders wahr?

Durch den Film ist mir klar geworden, wie wichtig Zivilcourage ist. Ohne die vier helfenden Mitarbeiter hätten die Hinterhausbewohner die zwei Jahre nicht überstanden. Da gibt es natürlich Parallelen zu heute. Annes Geschichte zeigt, wo Fremdenfeindlichkeit und Rassismus hinführen. Neben dem geschichtlichen Aspekt wird die Geschichte für uns alle greifbar, weil Anne ein junges Mädchen ist, die mit den Problemen heranwächst, die wir auch alle haben. Verliebtheit, Streit mit den Eltern, all diese Dinge eben.

Der Film endet mit einer Szene, in der Dir die Haare abrasiert werden. Was hat das mit Dir gemacht?

Es war ein kompletter Akt der Entweiblichung und Brutalität. Die ganze Szenerie war so unwirklich und schrecklich zugleich - schwierig zu greifen. Als Schauspielerin war es das, was ich dem Film als Authentizität geben musste, was ich dem Film und Anne schuldig war, dass ich hier meine Haare fallen lasse. Es war natürlich auch etwas, was mich im letzten Jahr begleitet hat, meine Haare sind zwar nachgewachsen, aber es hat gedauert.

Das Interview führte Anna Wollner, Radio Fritz

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