Interview | Regisseurin Aline Fischer über das Thema Flucht - Wenn das Ankommen voller Hürden ist

"Das Recht auf Glück" hat Dieter-Kosslick als diesjähriges Motto der Berlinale ausgerufen und damit das Thema der Flucht aufgegriffen. Regisseurin Aline Fischer eröffnet nun mit ihrem Film "Meteorstraße" die Sektion "Perspektive Deutsches Kino". Die Hauptfiguren sind zwei aus dem Libanon geflüchtete Brüder.

In ihrem semi-dokumentarische Film Meteorstraße hat die Regisseurin Aline Fischer in engem Kontakt mit den zwei Hauptdarstellern entwickelt. Hussein Eliraqui spielt in der rbb-Koproduktion den 18-jährigen Palästinenser Mohammed, der mit seinem exzentrischen, draufgängerischen Bruder Lakhdar (Oktay Özdemir) in der heruntergekommenen ehemaligen Familienwohnung am Flughafen Berlin-Tegel lebt.

rbb online: Ihre Hauptfigur Mohammed ist vor dem Krieg im Libanon nach Deutschland geflohen und versucht in Berlin anzukommen. Er will sich hocharbeiten, stößt aber immer wieder an Grenzen. Sein älterer Bruder Lakhdar dagegen, der schon länger in Berlin wohnt, lebt in den Tag hinein, hat keinerlei Ambitionen, gerät ständig in Schwierigkeiten. Warum haben Sie sich für Ihre beiden Hauptfiguren so ein großes Gegensatzpaar ausgedacht?

Aline Fischer: Ich war viel unterwegs und habe auch Freunde aus arabischen Familien, bei denen es auch so ist, dass der ältere Bruder eine größere Leichtigkeit hat, auch die Sprache besser beherrscht als der kleinere Bruder. Das ist wirklich oft so. Vor allem aber wollte ich zwei unterschiedliche Physiognomien im Film einsetzen, die sich ergänzen. Für mich waren diese Polarisierungen sehr wichtig, überhaupt haben wir viel mit Wechselwirkungen gespielt. Ich finde es interessant, dass da ein Kontrast entsteht zwischen einem jüngeren Bruder, der vom Leben ziemlich abgeschottet ist und eine Art Reinheit, vielleicht sogar Jungfräulichkeit hat. Auf der anderen Seite ergab der ältere Bruder einen starken Kontrast: Er mag es turbulent, verliert immer wieder die Kontrolle, obwohl er der Ältere ist und eigentlich die Verantwortung übernehmen hätte sollen.

Nicht nur die Hauptfiguren, sondern auch ihre Darsteller kommen ja aus ganz unterschiedlichen Richtungen...

Ja, das stimmt. Als Darsteller hat Hussein Eliraqui, der Mohammed spielt, ein laienhafteres Profil, er reagiert auf die anderen, ist den anderen, dominanteren Männern im Film gegenüber wortlos. Dem gegenüber habe ich in der Rolle des Lakhdar einen professionellen Schauspieler gestellt, der Führungsstärke ausstrahlt, aber auch etwas Überdrehtes, die Suche nach der Grenzüberschreitung. In der Hinsicht war Oktay Inanç Özdemir die ideale Wahl.

Wie sind Sie auf die beiden gestoßen?

Ich habe ein Casting gemacht, habe Leute in Schulen, in Friseurläden und in Shisha-Bars angesprochen. Hussein, der die Rolle dann bekommen hat, hatte schon Kunstprojekte gemacht, vor allem im Theaterbereich. Er war in der Jugendgruppe vom Heimathafen Neukölln, hat auch an der Volksbühne beim Stück "Verbrennungen" mitgemacht. Er war also kein totaler Laie mehr. Aber er hatte natürlich noch keine Karriere am Start wie Oktay.

Oktay ist für mich in der Schauspiellandschaft etwas ganz Besonderes. Er hat eine krasse Kapazität, sich in Emotionen hineinzustürzen. Er ist jemand, der extrem spürt. Er hat eine sehr starke körperliche Präsenz, auch eine politische Meinung, die mich interessiert hat. Es gibt insofern im Film durchaus eine dokumentarische Dimension, weil er selbst sich auch ein bisschen als Persönlichkeit gibt. Nicht komplett natürlich, es ist schon größtenteils gespielt.

In "Meteorstraße" wird ein Berlin der Peripherie gezeigt: Der Film spielt in Reinickendorf, in der Nähe des Flughafens Tegel. Es gibt die Werkstatt, in der Mohammed schwarz arbeitet, ansonsten herrscht in den Schauplätzen des Films eine ziemliche Leere, auch Menschen sind dort kaum zu sehen. Warum haben Sie den Film dort angesiedelt und damit ein ganz anderes Berlin ausgewählt als das, in dem Sie und ich uns jeden Tag bewegen?

Das mache ich grundsätzlich so bei Projekten. Ich muss immer einen Ort finden, den ich nicht so gut kenne, Randgebiete. Für meine Filme musste ich immer wegfahren aus Berlin: mal nach Polen, mal nach Halle oder Beelitz. Ich habe immer das Bedürfnis, eine Reise zu machen. Reinickendorf war für mich interessant, weil es mir unbekannt war. Wichtig war mir auch die Nähe des Flughafens. Die Flieger stehen für einen gewissen Romantizismus, aber auch etwas Modernes. Wir haben einfache Nicht-Orte gesucht, die eine Flucht haben, einen Horizont. In die Meteorstraße kommen Leute, um Flugzeuge zu beobachten. Darin spiegelt sich auch Mohammeds Sehnsucht nach seiner Heimat wider. Außerdem sollten die ständigen Turbinengeräusche die Protagonisten unter Druck setzen.

Würden Sie sagen, dass Mohammed in Berlin scheitert?

Ich möchte über das Ende des Films gar nicht viel sagen, weil ich den Zuschauern auch vorab nicht alles verraten will. So viel aber: Ich finde, dass das Ende unklar bleibt und dass es die Zuschauer beunruhigt. Mohammed lässt sich entmutigen - und es ist mir ganz wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass die Gesellschaft etwas dafür tun muss, dass sie Jugendliche wie ihn nicht verliert.

Der Film wird wahrscheinlich auch vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise wahrgenommen werden. Ist das in Ihrem Sinne?

Die Flüchtlingskrise ist natürlich da - und gewisse Elemente lassen sich bestimmt auch in meinem Film erkennen. Mohammed und Lakhdar sind aber nicht die Flüchtlinge, die jetzt hier ankommen. Sie haben schon einen Teil der deutschen Kultur in sich. Darin finde ich als Französin mich auch wieder: halb deutsch, halb etwas anderes. Aber es würde mich natürlich freuen, wenn sich auch die Flüchtlinge von heute im Film wiederfinden könnten. Filme bieten Emotionsräume an, neue Zugänge zum Leben. Man kann Dinge spüren, die man vielleicht gar nicht ganz genau thematisieren, in Worte fassen kann. Deswegen macht es mich sehr glücklich, dass der Film nun so im Fokus steht.

Das Interview führte Fabian Wallmeier

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