US-Schauspieler Bob Odenkirk kommt am 10.02.2015 in Berlin während der 65. Internationalen Filmfestspiele zur Premiere von «Better Call Saul» (Quelle: Jens Kalaene/dpa)

Kommentar | Serien auf der Berlinale - Better watch Netflix

Keine Frage: "Better Call Saul", das Spin-off des Serien-Meilensteins "Breaking Bad", gehört zu den spannendsten derzeitigen Fernsehformaten. Die erste Folge der zweiten Staffel kann man sich nun auf der Berlinale anschauen. Der Rest ist Netflix. Warum das Serienkonzept der Berlinale so fragwürdig ist. Von Fabian Wallmeier

Jimmy McGill (Bob Odenkirk), die Hauptfigur von "Better Call Saul" ist ein ziemlich erbärmliches Würstchen. Er hat es mit Ach und Krach vom Aktenträger zum Anwalt gebracht und schlägt sich mehr schlecht als recht durch. Kaum jemand nimmt ihn ernst, sogar sein eigener Bruder, ein ehemals erfolgreicher Anwalt, der nach einem Zusammenbruch aus Angst vor Strahlung das Haus nur noch eingewickelt in Alufolie zum Reinholen der Zeitung verlässt, hat ihn über den Tisch gezogen. Doch Jimmy hat immer weiter gekämpft, er hat die eine oder andere krumme Nummer gedreht, aber im Grunde ist er ein rechtschaffener Kerl geblieben.

Jimmy McGill, die Hauptfigur von "Better Call Saul", ist ein ziemlich erbärmliches Würstchen

Wie aus Jimmy McGill Saul Goodman wird

Wer die vielfach prämierte Serie "Breaking Bad" gesehen hat, deren Vorgeschichte die Serie erzählt, der weiß: Dieser Jimmy McGill wird einige Jahre später überaus erfolgreich sein in dem, was er tut: Er wird, unter dem Namen Saul Goodman, Klein- und Großkriminelle vertreten, er wird sich dabei winden wie ein Aal, er wird die Grenzen der Legalität nicht nur streifen, sondern bewusst und mit System überschreiten.

Am Ende der ersten Staffel von "Better Call Saul" ist der Wendepunkt erreicht. "Ich weiß, was mich aufgehalten hat", sagt Jimmy ganz am Ende der ersten Staffel zu seinem späteren Handlanger Mike (Jonathan Banks). "Und weißt du was? Es wird mich nie wieder aufhalten." Dann fährt er in seinem Auto davon, grimmig summt er das Riff aus "Smoke on the Water" - und wir wissen: Der rechtschaffene Loser Jimmy McGill ist Geschichte, aus ihm wird nun bald der windige Kriminelle Saul Goodman.

Wie genau es dazu kommt, das wird nun die zweite Staffel der Serie erzählen. Nach der phänomenalen ersten Staffel, einem der wenigen Fälle eines wirklich gelungenen, eigenständigen und eigenwilligen Spin-offs in der langen Geschichte des Fernsehens, dürften diese zehn Folgen zu den großen Highlights des Jahres zählen.

"Better Call Saul" braucht die große Leinwand nicht

"Better Call Saul" ist für das Fernsehen gemacht. Sie ist hervorragend fotografiert - aber eben so, dass sie auf einem kleinen Bildschirm glänzen kann, mit vielen Closeups und einer kompakten Bildsprache. Mag sein, dass sie auch auf der großen Kinoleinwand toll aussieht - aber sie braucht diesen großen Rahmen nicht.

Die Berlinale zeigt "Better Call Saul" trotzdem, auch in diesem Jahr. 2015 zeigte sie die ersten beiden Folgen der ersten Staffel, dieses Jahr ist die erste Folge der zweiten Staffel dran. Genau: eine Folge. Mehr nicht. Und die ist am selben Tag in Deutschland auf Netflix zu sehen, zwei Tage nach der Erstausstrahlung im US-Fernsehen.

Die internationale Premiere dieser einen Folge hat also denkbar wenig Exklusivität an sich, sie ist erkennbar kaum mehr als ein PR-Instrument: Die Macher und Stars der Serie dürfen die Werbetrommel für ihre neue Staffel rühren, die Berlinale darf sich dafür in blinder Begeisterung auf die Schulter klopfen und den Anschein erwecken, ganz vorn mitzuspielen, wenn es um Fernsehserien geht.

Spektakel um des Spektakels willen

Zugegeben, unter den anderen Serien, die im Berlinale Special Series laufen, könnte es die eine oder andere interessante Begegnung geben: "The Night Manager" etwa, die neue Serie mit "House M.D."-Star Hugh Laurie etwa, oder die von Nick Hornby geschriebene Serie "Love, Nina". Beide feiern auf der Berlinale ihre Weltpremiere. Aber beide sind eben auch sichere Star-Vehikel - und von beiden gibt es nur Appetizer, jeweils die ersten beiden Folgen. Bis sie im deutschen Fernsehen zu sehen sein wird, werden die Zuschauer deutlich länger warten müssen als die eine Woche, die ihnen das Fernsehen in Prä-Online-Streaming-Zeiten beigebracht hat.

Dass die Berlinale dazu in der Lage ist, serielles Erzählen zu feiern, ihm einen angemessenen Raum zu geben, hat sie früher schon einmal gezeigt: 2010 etwa, als sie Dominik Grafs fulminante Berlin-Serie "Im Angesicht des Verbrechens" in Gänze uraufführte. Oder 2013, als sie Jane Campions Sechsteiler "Top of the Lake" zeigte. Die Häppchenkultur dagegen, die sie in diesem Jahr mit "Better Call Saul" und anderen Serien betreibt, wird der Kunstform Serie nicht gerecht und riecht allzu deutlich nach eitlem Spektakel um des Spektakels willen.

Das könnte Sie auch interessieren

Verleihung der Bären am 20.02.2016: Preisträger Goldener Bär für den Besten Film: Gianfranco Rosi ("Fuocoammare") (Quelle: dpa)

Bilanz | Berliner Filmfestspiele 2016 - Berlinale zeigt sich politischer denn je

An diesem Thema ist auch die 66. Berlinale nicht vorbei gekommen: Mit dem Goldenen Bären wurde am Samstag die Flüchtlings-Doku "Fuocoammare" von Gianfranco Rosi ausgezeichnet. Obwohl einige Bären-Kandidaten von der Jury nicht bedacht wurden, zeichnete sich diese Berlinale durch Qualität und Vielfalt aus. Von Knut Elstermann

Moderatorin Anke Engelke (li.) spricht am 21.02.2016 mit den Mitgliedern der Berlinale-Jury (Quelle: dpa)

Kommentar | Berlinale-Bilanz - Besser kann es keine Jury machen

Die Berlinale hatte in diesem Jahr wieder großartige Filme im Angebot. Die Jury war - mit Meryl Streep als deren Präsidentin - hochkarätig und charismatisch besetzt.  Doch ein Schwachpunkt war der Wettbewerb. Daraus treffsichere Entscheidungen zu treffen, verdient auch eine Auszeichnung meint Reiner Veit.