Filmausschnitt von "Inside Llewin Davis" der Coen-Brüder mit den Schauspielern Oscar Isaac (l.) und Justin Timberlake (r.) (Quelle: imago/ZUMA Press)

Die Höhen und Tiefen der Regie-Brüder - Guter Coen, schlechter Coen

Einen Coen-Film erkennt man meist sofort, an der speziellen Mischung von Film noir und Groteske, die das Brüderpaar seit mehr als 30 Jahren pflegt. Das wird wohl auch bei "Hail, Caesar!" nicht anders sein, der die Berlinale eröffnet. Doch machen die Coens eigentlich noch gute Filme? Licht und Schatten liegen dicht beeinander, findet Fabian Wallmeier.

Coen-Filme trägt man nicht im Herzen, aber umso mehr auf der Zunge: Die Filme der Brüder Ethan und Joel eignen sich zum stundenlangen Nacherzählen, zum Pingpongspiel mit Zitaten, zum Bewundern ihrer Perfektion im Detail – aber so richtig lieb haben kann man sie eigentlich nicht.

In ihrer "quirkyness", ihrer ganz speziellen Schrägheit, in ihrer Zuneigung zu zwielichtigen Figuren, die allmählich die Kontrolle verlieren, in ihrem Hang zu irrwitzigen Plots und in ihrer Detailverliebtheit sind die Filme der Brüder denen von Wes Anderson verwandt – und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Anders als die liebevoll gearbeiteten Anderson-Filme strahlen die Werke der Coen-Brüder in ihrer Coolness selten eine große Wärme aus, wirken in ihrem Drang zur Extravaganz nicht selten kalkuliert, scheinen bewusst auf den eigenen Kultstatus zu schielen. Die Figuren, wenngleich von exquisiten Stammschauspielern wie Frances McDormand, Steve Buscemi, John Turturro oder George Clooney gespielt und mit knackigen punch lines ausgestattet, bleiben fast immer unnahbar, verweigern sich einer wirklichen Identifikation.

Komödie, Film noir, Groteske, Krimi – das sind die Pole, zwischen denen sich die meisten Coen-Filme bewegen. Die Brüder legen Wert darauf, dass eine eindeutige Zuordnung zu einem Genre meist nicht möglich ist. Doch sie haben im Laufe der Jahre eine Mischung entwickelt, die einen hohen Wiedererkennungswert hat. Wer beim Zappen mitten in einem ihrer Filme landet, wird nach ein paar Minuten mit ziemlicher Sicherheit sagen können: Das ist ein Coen-Film. Sie verbinden düstere Plots mit absurdem Humor, haben (nicht zuletzt dank der typischen Arbeit des Stamm-Kameramanns Roger Deakins) einen charakteristischen Look, edeln Lächerliches mit geschliffenen Dialogen, spielen mit Formen und Versatzstücken, schrecken nicht vor expliziten Gewaltszenen zurück und zelebrieren die ironische Brechung.

Tonfall und Qualität schwanken

Natürlich ist nicht jeder Coen-Film gleich, es gibt starke Schwankungen: Der Tonfall geht von hysterisch überdreht bis introspektiv zurückgenommen  – und auch qualitativ geht es auf und ab: Nach einem schwachen Film folgt genau so zuverlässig irgendwann ein richtig guter, wie umgekehrt auf einen guten früher oder später wieder ein schlechter folgt. Manchmal lagen Licht und Schatten nah beieinander: Auf das für einen Debütfilm verblüffend reife Film-noir-Drama "Blood Simple" (1984) folgte die halbgare Groteske "Raising Arizona" (1987). Der eigensinnige Neo-Noir-Klassiker "Fargo" (1996) ist eingebettet in die grelle Nichtigkeit "The Hudsucker Proxy" (1994) und das völlig unverständlich in manchen Kreisen zu Kultstatus gelangte Gag-Sammelsurium "The Big Lebowski"  (1998). Auf das missratene Klamotten-Remake "The Ladykillers" (2004) folgte die meisterlich düstere und vierfach Oscar-prämierte Cormac-McCarthy-Verfilmung "No Country for Old Men" (2007).

Zuletzt haben die Coens einen für ihre Verhältnisse sehr ruhigen Film gemacht: "Inside Llewyn Davis" (2013) folgt einem Folk-Sänger, der in den frühen Sechzigerjahren in der Musikszene in Greenwich Village Fuß zu fassen versucht. Nach diesem beschaulich-melancholischen Sittengemälde wäre es nun wieder an der Zeit für einen etwas lauteren, pralleren Film. "Hail, Casear!", der am 11. Februar außer Konkurrenz die Berlinale eröffnet, dürfte diesem Schema folgen: Er ist als Komödie angekündigt, eine Reminiszenz an das goldene Zeitalter Hollywoods.

Brüder Joel und Ethan Coen (Quelle: Michael Kappeler/dpa)
Sie sind gern gesehene Gäste auf der Berlinale wie hier im Jahr 2011 als sie mit "True Grit" dabei waren

Schon wieder ein Film über Hollywood

Die Coens haben sich schon einmal mit dem klassischen alten Hollywood befasst: 1991 siedelten sie "Barton Fink" in den frühen 1940er Jahren an, die Geschichte eines New Yorker Theaterautoren (John Turturro), der nach Los Angeles kommt um ein Filmdrehbuch zu schreiben und in einen Mord verwickelt wird. Es ist einer ihrer besten Filme, ein Spiel mit Symbolen und Andeutungen, eine Groteske, die am Ende offen lässt, wieviel wirklich geschehen ist und was sich nur in der Vorstellung des von einer Schreibblockade geplagten Barton Fink abspielt. Der Film war zwar an den Kinokassen ein Flop, schaffte aber das außergewöhnliche Kunststück, in Cannes mit der Goldenen Palme und zugleich mit den Preisen für Regie und Hauptdarsteller ausgezeichnet zu werden – woraufhin die Regularien des Filmfestivals geändert wurden und die maximale Anzahl an Auszeichnungen für einen Film auf zwei begrenzt wurde.  

George Clooney ist nicht mehr auffindbar

Hollywood taucht in "Barton Fink" eher am Rande auf, in Form von überdrehten Filmproduzenten und Studiobossen und ihren pompösen Behausungen. Zu großen Teilen spielt der Film in dem Hotel, in dem Fink unterkommt, einem abgewrackten, fast menschenleeren Alptraum in Braun-Beige. In "Hail, Caesar!" dagegen dürfte es ganz explizit um Hollywood gehen, der Film spielt zu großen Teilen am Set eines Kostümfilms in den 1950er Jahren. Im Mittelpunkt steht ein Mann (Josh Brolin), dessen Job es ist, die Affären und Skandale der Stars aus den Schlagzeilen zu halten – und der ein besonders großes Problem bekommt, als der Star eines Sandalenfilms (George Clooney) während der Dreharbeiten plötzlich verschwindet. Klingt nach einem Film, der vieles sein könnte: Komödie oder Film noir, Groteske oder Krimi – mit ziemlicher Sicherheit wird man aber nach wenigen Minuten sagen können: Natürlich, ein Coen-Film!

Beitrag von Fabian Wallmeier

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