Der Kameramann Michael Ballhaus bei den Berlinale Talents auf der Berlinale 2016 (Quelle: dpa)

Ehrenbär der Berlinale für Michael Ballhaus - Erinnerungen aus einem halben Jahrhundert Filmgeschichte

Er ist 80 und etwas wackelig auf den Beinen. Doch von seinem Freund Paul Newmann hat der Kameramann Michael Ballhaus den kämpferischen Spruch "Altwerden ist nichts für Feiglinge" übernommen. Kein Wunder, dass er bei seiner Lebensrückschau anlässlich der Verleihung des Goldenen Ehrenbären oft Adjektive wie "großartig", "lustig" und "wunderbar" gebrauchte. Von Katja Weber

Der 80-Jährige bewegt sich mit Bedacht, er sieht nicht mehr gut - aber er ist ein unglaublicher Erzähler. Manchmal fällt Michael Ballhaus beim Gespräch mit Jim Rakete im Rahmen der Berlinale am Mittwochabend der Name eines Regisseurs oder Darstellers nicht ein - kein Wunder, angesichts der vielen Filme, an denen er mitgewirkt hat. Aber wenn solche Kleinigkeiten mithilfe des Starfotografs Rakete - überwunden sind, erzählt Ballhaus seinen Zuhörern bei den Berlinale Talents im Hebbel-Theater fesselnde Erinnerungen aus mehr als einem halben Jahrhundert Filmgeschichte.

Und er macht klar, dass ein Auftritt im Hebbel für ihn als Berliner etwas Besonderes ist. "Meine Mutter hat auf dieser Bühne gespielt. Ich habe manchmal, als kleiner Junge, zugesehen."

Der junge Ballhaus liebt das Theater und seinen Fotoapparat. Als er als Zwanzigjähriger an ein Filmset kommt, steht sein weiterer Weg schnell fest. "Für mich war das die Kombination von Theater und Fotografie. Nur, dass sich die Bilder jetzt plötzlich bewegten. Es war klar, dass ich von nun an Kameramann werden wollte!"

Der Gentleman Ballhaus und der Rüpel Fassbinder

Ballhaus hat mittlerweile einige körperliche Gebrechen, im Gespräch aber ist er völlig klar. Das weiße Haar trägt er akkurat zurückgekämmt, über dem Mund - wie seit Jahrzehnten - einen bleistiftdünnen Moustache-Schnurrbart. Er ist ein freundlicher Gentlemen. Entsprechend heftig muss die Zusammenarbeit von Michael Ballhaus mit dem Rüpel Rainer Werner Fassbinder gewesen sein. Ballhaus erzählt, wie die allererste Begegnung mit dem Genie Fassbinder verlief: "Er sah mich an und war sehr unfreundlich, weil er eigentlich einen anderen Kameramann gewollt hatte. Er hat mich einen dummen Fernseh-Heini genannt."

Dann hat ihn Fassbinder aber trotzdem als Kameramann für viele seiner Filme gebucht. Der Filmemacher hat ihm fast unmögliche Einstellungen und Kamera-Fahrten abverlangt. Vielleicht war Ballhaus einfach zu sehr Gentleman, um 'Nein' zu sagen: "Er hat mir immer Aufgaben gestellt, die sehr schwierig waren und immer gehofft, dass ich sage, 'das ist zu anstrengend, ich krieg das nicht hin'. Aber das habe ich nie gesagt."

Die Blutlust des Martin Scorsese

In dieser künstlerischen Auseinandersetzung hat Ballhaus seine erste 360-Grad-Kamerafahrt - also einmal im Kreis herum – erfunden: Im Film "Martha" aus dem Jahr 1974. Fassbinder, sagt Ballhaus, sei sauer gewesen, wenn er für andere gedreht habe. An dieser Stelle verliert er ganz kurz die Contenance: "Dieser fiese Motherfucker!". Das "sorry" folgt aber direkt danach.

Ballhaus räumt ein, dass er in dieser harten Schule einiges für seine spätere Karriere gelernt hat. Zum Beispiel für die Zusammenarbeit mit Regisseur Martin Scorsese. Mit ihm verbindet ihn eine produktive künstlerische Freundschaft. Aber, erzählt Ballhaus, es gab für ihn auch bei Scorsese ein Problem: die Gewalt in seinen Filmen. Immer habe Scorsese mehr Blut sehen wollen: "Ich bin nicht gerade verrückt nach Gewalt im Film, aber Marty liebte das. Er wollte mehr Blut und noch mehr Blut."

Paul Newman als Vorbild

Dustin Hoffmann, Robert de Niro, Robert Redford - Ballhaus hat eine Reihe toller Schauspieler kennengelernt. Aber er gerät ins Schwärmen, wenn er über Paul Newman spricht, mit dem er unter Scorseses Regie "Die Farbe des Geldes" gedreht hat. Den habe er bewundert und geliebt, weil der so freundlich und zugewandt gewesen sei. Bei ihm hat Ballhaus zum ersten Mal den Spruch "Altwerden ist nichts für Feiglinge", gehört. Ballhaus betont, dass Newman wirklich danach gelebt habe und fügt hinzu: "Er war mein Vorbild in Sachen Altwerden."

Das Älterwerden, scheint auch Michael Ballhaus gut gelungen zu sein. Er schaut offenkundig gerne auf sein reiches Leben zurück "großartig", "wunderbar", "lustig" sind Worte, die er bei den Schilderungen seiner Erinnerungen oft gebraucht.

Am Donnerstagabend wurde Michael Ballhaus mit dem Goldenen Ehrenbären der Berlinale ausgezeichnet.

Der fabelhafte Berliner Ballhaus

Beitrag von Katja Weber

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