66. Internationale Filmfestspiele Berlin, 20.02.2016, Abschluss und Preisverleihung: Preisträger Gianfranco Rosi (l) / Goldener Bär für den besten Film für "Fuocoammare". Die Berlinale findet vom 11.-21.02.2016 statt. (Quelle: dpa)
Video: Berlinale Studio | 20.02.2016 | Birgit Wolske

Berlinale-Preisverleihung 2016 - Goldener Bär für Flüchtlings-Doku "Fuocoammare"

Feuer und Wasser - zwei Elemente, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Diese Gegensätze zeigt Gianfranco Rosi in seiner Dokumentation "Fuocoammare" – übersetzt "Das Feuer auf dem Meer": Hier die Insel-Idylle, dort das Elend der Flucht. Ein Jahr lang begleitete Rosi das Leben und Sterben auf Lampedusa und gewann dafür den Goldenen Bären.

Als Jury-Präsidentin Meryl Streep ansetzte, den Gewinner des "Goldenen Bären" zu nennen, da ging die zweite Silbe schon fast im Beifall des Publikums unter. Und schon eilte Gianfranco Rosi auf die Bühne, klemmte die kleine goldene Statue unter den Arm und schüttelte erst einmal der Internationalen Jury die Hände. Die hatte dem italienischen Regisseur den wichtigsten Preis der 66. Berlinale verliehen: den Goldenen Bären für "Fuocoammare" – ein Dokumentarfilm über die Flüchtlingskrise auf der italienischen Insel Lampedusa. Meryl Streep nannte ihn als Jury-Vorsitzende das "Herz der Berlinale". Damit gewann seit vielen Jahren eine Doku die wichtigste Bären-Trophäe.

Noch vor den Bären gab es für "Fuocoammare" bereits drei Preise

Rosi lebte ein Jahr auf Lampedusa

Schon seit Jahren ist die Insel das Ziel von Frauen, Männern und Kindern auf der Suche nach Frieden, Freiheit und Glück - manchmal werden sie aber nur noch tot aus dem Wasser geborgen. Diesen Ort, wo Hoffnung und Verzweiflung so eng beieinander liegen, hat Rosi ein Jahr lang mit der Kamera dokumentiert. Zeigt auf der einen Seite das Leben der Einwohner Lampedusas, auf der anderen Seite die Not der Flüchtlinge. Hier der 12-jährige Samuel, der mit seinen Freunden Steinschleudern baut und auf Felsen klettert - dort dehydrierte Menschen, die sich mit letzter Kraft an Land schleppen. Hier ein Radiomoderator, der italienische Schlager spielt - dort Menschen, die auf den letzten Metern der Flucht sterben.

"Ich zeige nichts, als die Wirklichkeit"

Auch diese Szenen zeigt der in Eritrea geborene Rosi, der als Kind selbst vor dem Unabhängigkeitskrieg in dem afrikanischen Staat geflohen ist. Ob es legitim sei Sterbende zu zeigen, wurde auf der Berlinale heftig diskutiert, doch Rosi verteidigte seine Rigorosität: "Ich zeige, was passiert. Ich zeige nichts, als die Wirklichkeit". Als Rosi den Goldenen Bären im Berlinale-Palast annahm, widmete er ihn den Menschen, die es nie geschafft haben, "die Insel zu erreichen."  

Wenige Stunden vor der Vergabe des Goldenen und der Silbernen Bären wurden traditionell die Preise der unabhängigen Jurys verliehen. Auch dabei räumte Gianfranco Rosis Flüchtlingsdoku "Fuocoammare" ab. Rosi wurde mit dem Preis der ökumenischen Jury ausgezeichnet und erhielt auch den Filmpreis von Amnesty International. Auch eine Leserjury einer lokalen Zeitung kürte seinen Film zum Sieger.

Als die Berlinale in diesem Jahr begann, da hatte man nicht wirklich den Eindruck, es handele sich um ein politisches Festival. Hollywood-Star George Clooney, Hauptdarsteller des Eröffnungsfilms "Hail, Caesar!", war zu Anfang das Zentrum der Aufmerksamkeit. Für ordentlich Furore sorgte sein Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und mit syrischen Flüchtlingsfamilien. Nach zwei Tagen "Clooneynale" war das Verlangen nach Glanz und Glamour bei den meisten dann aber erst mal gestillt.

"Wir waren gepackt und gebannt bis zum Ende"

Und auch die Jury machte mit der Verteilung der Bären klar: der politische Charakter des Festivals ist und bleibt Leitfaden für die Verleihung der Preise. Von "Smrt u Sarajevu" (Death in Sarajevo) "gepackt und gebannt bis zum Ende", verlieh sie dem bosnischen Regisseur Danis Tanović den Silbernen Bären für den Großen Preis der Jury.

Der Film gewährt Einblicke in die konfliktreiche Geschichte Sarajevos, verhaftet ihn jedoch in der nicht weniger verworrenen Gegenwart. Ausgangspunkt ist der 100. Jahrestag des Attentats von Sarajevo, als die Schüsse auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger den ersten Weltkrieg mit auslösten. Tanović hofft, mit diesem Film etwas bewegen zu können in Bosnien: "Wir sind noch immer viel zu viel mit unserer Geschichte beschäftigt, wir vergessen die Gegenwart darüber und auch die Zukunft", erklärte er auf der Berlinale. Als er sich für den Silbernen Bären – den zweiten seiner Karriere – bedankte, wollte Tanović zwar keine Namen nennen, zwei Personen hob er dann aber doch besonders hervor: "Mama und Papa".

"Danke, Meryl Streep!"

Nicht nur die Journalisten auf der Pressekonferenz zu "Kollektivet" (Die Kommune) lobten Trine Dyrholms Darstellung der Nachrichtensprecherin Anna in Vinterbergs tragikomischen Wettbewerbsbeitrag, auch Jury-Präsidentin Meryl Streep nannte ihr Spiel "großartig" und überreichte der Dänin den Silbernen Bären als beste Darstellerin. Die outete sich bei ihrer Dankesrede gleich als großer Fan der Schauspielerin und der Berlinale: "Das ist das beste Festival der Welt".

66. Internationale Filmfestspiele Berlin, 20.02.2016, Abschluss und Preisverleihung: Preisträgerin Mia Hansen-Løve / Silberner Bär für beste Regie («L·avenir»). Die Berlinale findet vom 11. - 21.02.2016 statt. (Quelle: dpa)
Jung und erfolgreich: Die französische Regisseurin Mia Hansen-Løve.

Streep-Fan ist auch die als Regie-Wunderkind gefeierte Mia Hansen-Løve. Für ihr Seelendrama "L'avenir" erhielt die französische Regisseurin den Silbernen Bären für die beste Regie.

Den Bären in der Hand, konnte sie ihre Bewunderung für die Jury-Präsidentin nicht verbergen: "Danke Meryl Streep, ich könnte mir nichts Besseres vorstellen, also von Dir einen Preis zu bekommen."

Die mit dem Bären tanzen

Zwei Preise für "Inhebbek Hedi"

Ein Silbernes Bären-Paar nahm das Team von "Inhebbek Hedi" mit nach Tunesien. Majd Mastoura bekam für seine "brillante Darstellung" des jungen Mannes Hedi, der erst aus seinem vorbestimmten Leben ausbrechen kann, als er sich verliebt, den Silbernen Bären für den besten Darsteller. Jury-Mitglied Clive Owen schwärmte von der "Zärtlichkeit seiner Darstellungskraft", man sehe jede emotionale Wandlung, die seine Figur durchlebt. Mastoura widmete seinen Bären dem tunesischen Volk: "Ich hoffe, dass wir weiterhin frei und glücklich bleiben."

66. Internationale Filmfestspiele Berlin, 20.02.2016, Verleihung der Bären, Preisträger Silberner Bär für den Besten Darsteller: Majd Mastoura (Schauspieler "Inhebek Hedi"). Die Berlinale findet vom 11. · 21.02.2016 statt. (Quelle: dpa)
Silberner Bär als bester Darsteller: Majd Mastoura in "Hedi".

Regisseur Mohamed Ben Attia, der bei der Preisverleihung erklärte: "für die Rolle des Hedi hätte ich mir keinen anderen vorstellen können", bekam für "Inhebbek Hedi" – der erste tunesische Beitrag im Wettbewerb seit 20 Jahren – den Preis für den besten Erstlingsfilm. Attia war von der Entscheidung sehr gerührt: "Ich bewundere euch alle, das ist ein Geschenk an uns alle".

Ergriffen durch verzwickte Geschichte

Als Tomasz Wasilewski mit gegelter Tolle und schwarzer Hipster-Brille auf die Bühne stürmte, um den Silbernen Bären für das beste Drehbuch abzuholen, war er wohl noch voller Elan vom Vortag. Erst da hatte sein Film "Zjednoczone stany miłości" (United States of Love) - ein Portrait von vier Frauen in der polnischen Provinz – Premiere gefeiert. Laut Tomasz Wasilewski eine Nacht, die er niemals vergessen werde – die Nacht als er den Silbernen Bären für das beste Drehbuch bekam vermutlich auch nicht.

rbb-Kritiker liegen daneben

Die rbb-Kritiker sahen in diesem Jahr das asiatische Kino ganz weit vorne. Favorit auf den Berlinale-Hauptpreis seit 1951 - den Goldenen Bären - war im Kritikerspiegel der chinesische Wettbewerbsfilm "Chang Jiang Tu" ("Crosscurrent") von Yang Chao. Der metaphysisch-rätselhafte Film über eine Schifffahrt auf dem Jangtse brachte es im Schnitt auf gut 3,7 Punkte. Für die Fotografie des Beitrags wurde explizit Kameramann Mark Lee Ping-Bing mit dem Silbernen Bären für "herausragende künstlerische Leistung" geehrt. Voller Stolz widmete er den Preis seiner Frau.  

Auf dem zweiten Platz im Ranking kam der deutsche Beitrag "24 Wochen" von Anne Zohra Becharred - er ging bei der 66. Preisverleihung allerdings komplett leer aus, wurde aber mit dem Preis der Gilde Deutscher Filmkunsttheater ausgezeichnet 

66. Internationale Filmfestspiele Berlin, 20.02.2016, Abschluss und Preisverleihung: Preisträger Lav Diaz / Silbener Bär Alfred-Bauer-Preis für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet. Die Berlinale findet vom 11. · 21.02.2016 statt. (Quelle: dpa)
Fasste sich bei der Preisverleihung überraschend kurz: Lav Diaz.

Neue Perspektiven in acht Stunden

"Episch". So beschreibt die Jury bei der Preisverleihung den philippinischen Film "A Sorrowful Mystery", der sowohl inhaltlich, als auch formell neue Einsichten gewährt. Mit acht Stunden Spieldauer, ist der Beitrag von Regisseur Lav Diaz der längste Film, der je im Berlinale-Wettbewerb gezeigt wurde. Als er den Silbernen Bären "für Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet" entgegen nahm, zeigte Diaz sich selbstironisch. Er verzichte darauf, jedem namentlich zu danken: "Das würde jetzt 40 Stunden dauern." Er widmete den Bären aber allen, "die glauben, dass das Kino die Welt verändern kann".

Insgesamt waren bei dem elftägigen Festival mehr als 400 Filme und reichlich Stars zu sehen. Schon vor Tagen waren über 300.000 Karten verkauft. Streep sagte: "Wir sind beschwingt und energiegeladen angesichts all der tollen Filme, die wir gesehen haben."

Der Berlinale-Liveticker

Das könnte Sie auch interessieren

Verleihung der Bären am 20.02.2016: Preisträger Goldener Bär für den Besten Film: Gianfranco Rosi ("Fuocoammare") (Quelle: dpa)

Bilanz | Berliner Filmfestspiele 2016 - Berlinale zeigt sich politischer denn je

An diesem Thema ist auch die 66. Berlinale nicht vorbei gekommen: Mit dem Goldenen Bären wurde am Samstag die Flüchtlings-Doku "Fuocoammare" von Gianfranco Rosi ausgezeichnet. Obwohl einige Bären-Kandidaten von der Jury nicht bedacht wurden, zeichnete sich diese Berlinale durch Qualität und Vielfalt aus. Von Knut Elstermann

Moderatorin Anke Engelke (li.) spricht am 21.02.2016 mit den Mitgliedern der Berlinale-Jury (Quelle: dpa)

Kommentar | Berlinale-Bilanz - Besser kann es keine Jury machen

Die Berlinale hatte in diesem Jahr wieder großartige Filme im Angebot. Die Jury war - mit Meryl Streep als deren Präsidentin - hochkarätig und charismatisch besetzt.  Doch ein Schwachpunkt war der Wettbewerb. Daraus treffsichere Entscheidungen zu treffen, verdient auch eine Auszeichnung meint Reiner Veit.