Der 18-jährige Palästinenser Mohammed (Hussein Eliraqui) (Quelle: rbb / credo:film GmbH / Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“)

Acht rbb-Koproduktionen auf der Berlinale - Von Glaube, Geschichte und gewaltigen Landschaften

Ein gutes Berlinale-Jahr für die Filminitiative "Leuchtstoff" vom rbb und dem Medienboard Berlin-Brandenburg: Der Film "Meteorstraße" eröffnet die Sektion "Perspektive Deutsches Kino". Er ist im Rahmen dieser Initiative entstanden. Insgesamt laufen acht rbb-Koproduktionen bei den Filmfestspielen.

Der semi-dokumentarische Film "Meteorstrasse" (Fr 12.02. 20.30 Uhr, CinemaxX 1) eröffnet auf der Berlinale 2016 die Sektion "Perspektives Deutsches Kino". Die Regisseurin Aline Fischer hat den Film in engem Kontakt mit den zwei Hauptdarstellern entwickelt. Hussein Eliraqui spielt den 18-jährigen Palästinenser Mohammed, der mit seinem exzentrischen, draufgängerischen Bruder Lakhdar (Oktay Özdemir) in der heruntergekommenen ehemaligen Familienwohnung am Flughafen Berlin-Tegel lebt. Die Eltern mussten Deutschland verlassen. Mohammed sucht nach Orientierung in einer Welt von Männern, ständig konfrontiert mit Misstrauen und Unberechenbarkeit. Er beschließt, ein Mann zu werden und begibt sich auf einen einsamen Weg. "Meterostrasse" nimmt die Zuschauer mit in die Erfahrungswelt eines jungen Mannes, der staunt, glaubt, enttäuscht wird, wieder hofft und wieder ernüchtert - bis er es nicht mehr aushält.

"Wir sind die Flut" von Sebastian Hilger

Ebenfalls in der Sektion "Perspektive Deutsches Kino" läuft auf der Berlinale der Film "Wir sind die Flut" von Sebastian Hilger (Fr 19.02. 19.30 Uhr CinemaxX 3). Vor 15 Jahren ist vor der Küste von Windholm das Meer verschwunden, an einem Morgen, einfach so. Die Ursache ist bis heute ungeklärt. Micha (Max Mauff) und Jana (Lana Cooper), zwei junge Physiker aus Berlin, brechen auf, um der naturwissenschaftlichen Anomalie auf den Grund zu gehen.

Schauspieler von "Wir sind die Flut" (Quelle: rbb | Anna Wendt Filmproduktion (AWFP))
Das Schauspiel-Team von "Wir sind die Flut".

In Windholm werden die jungen Wissenschaftler mit dem kläglichen Rest einer Dorfgemeinschaft konfrontiert, die ihr eigenes Trauma verarbeitet. An dem Tag, an dem das Meer verschwand, hat es ihre Kinder mit sich genommen. Das behaupten die Dorfbewohner. Doch ertranken die Kinder damals wirklich? Ihre Leichen wurden nie gefunden. Stück für Stück kommen die Nachwuchswissenschaftler einem Geheimnis auf die Spur und stellen sich dabei auch ihrer eigenen Geschichte.

Über das Minenfeld deutsch-deutsche Geschichte

Im Panorama-Programm läuft "Der Ost-Komplex" (Sa 13.02. 17 Uhr, International) von Jochen Hick. Hick beobachtet in dem Film Mario Röllig, der 1967 in ein SED-treues Elternhaus geboren wurde. Röllig ist schwul und ein gefragter "DDR-Zeitzeuge". Er macht Führungen in dem zur Gedenkstätte umgewandelten ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen, in dem er selbst 1987 einsaß.

Der ehemalige Kellner am Ost-Berliner Flughafen und spätere Zigarrenverkäufer im West-Berliner KaDeWe hält Vorträge vor Schulklassen, an US-Universitäten und vor der konservativen Partei, in der er selbst Mitglied ist. Röllig diskutiert mit Politikern, beteiligt sich an Mahnwachen und Demonstrationen. Einer, der auf Entschuldigungen von seinen ehemaligen Peinigern wartet, während sich diese nicht schuldig fühlen. Regisseur Hick begleitet Röllig zu seiner Familie, zu ehemaligen Kollegen und Gegenspielern und erzählt die dramatische Lebensgeschichte, aus der er seine Antriebskraft bezieht. Der Film wirft auf, wie Verständigung, Streit und Konfrontation auf dem Minenfeld deutsch-deutscher Geschichtsaufarbeitung funktionieren.

"And-ek Ghes" von Philip Scheffner und Colorado Velcu

Die rbb-Koproduktion "And-ek Ghes ..." (So 14.02. 16.30 Uhr, Delphi Filmpalast) ist die Fortsetzung einer außergewöhnlichen Zusammenarbeit der Co-Regisseure Philip Scheffner und Colorado Velcu. Sie begann mit dem Film "Revision" (Berlinale, Forum 2012). Der Versuch, einen gemeinsamen filmischen Raum zwischen Protagonisten, Filmemachern und Publikum zu eröffnen, wird in "And-ek Ghes …" erweitert.

"And-ek ghes … Eines Tages …", lautet der Refrain des Titelsongs, in dem ein Junge seiner Geliebten eine gemeinsame Zukunft in Berlin verspricht. Das Lied stammt von Colorado Velcu, einem charismatischen Multitalent, alleinerziehendem Vater von sieben Kindern sowie Herz, Motor und Chronist einer Großfamilie aus Faţa Luncii in Rumänien. Der Film zeigt eine Welt, in der Humor, Chuzpe und Zusammenhalt gegen Armut und Ausgrenzung antreten - und eine Welt, in der Realität und Fiktion manchmal nur ein Lachen weit auseinanderliegen. Dabei leuchtet Berlin in den flirrenden Farben von Bollywood-Produktionen. 

Szene aus dem Film "And-ek Ghes" (Quelle: rbb | PONG)
Berlin in flirrenden Bollywood-Farben? Zu sehen in "And-ek ghes …"

"Landstück" von Volker Koepp

In der risikofreudigsten Sektion der Berlinale, dem Forum, läuft "Landstück" (Mi 17.02. 18.45 Uhr, Delphi Filmpalast) von Volker Koepp. Der Film zeigt die hügelige Endmoränenlandschaft Brandenburgs, eine seit Jahrhunderten als Agrarland genutzte Kulturlandschaft im Nordosten Deutschlands. "Landstück" nimmt diesen geschichtlichen Bogen auf und setzt Lebensläufe der Menschen damals und heute mit Landschaftsbildern in Beziehung zueinander.

Seit der Finanzkrise hat auch hier der staatlich betriebene Ausverkauf großer Flächen an Investoren begonnen. Windräder und Monokulturen dominieren an vielen Stellen das Landschaftsbild. Im Namen der Energiewende ist die industrielle Landwirtschaft wieder auf dem Vormarsch. Kleinere Landwirte, die ihren Boden nur gepachtet haben, sind nun in ihrer Existenz ebenso bedroht wie Naturschutz und ökologischer Anbau. Koepp stellt Einheimische und Zugezogene vor, Landwirte, Umweltschützer und Dorfbewohner, die von ihren Lebensvorstellungen, Sehnsüchten, Sorgen und Visionen erzählen. Sie alle fühlen sich eng verbunden mit einer Landschaft, die es vielleicht bald so nicht mehr geben wird.

Eine Landschaftsaufnahme aus dem Film "Landstück". (Quelle: rbb | Volker Koepp)
In "Landstück" geht es um die Lebensvorstellungen und Sehnsüchte von Landwirten, Umweltschützern und Dorfbewohnern.

Mammutvorführung eröffnet "Forum"

Das Forum wird dieses Jahr mit einer Mammutvorführung eröffnet. Ulrike Ottingers zwölfstündiger Film "Chamissos Schatten" läuft am Freitag 12. Februar. (10 Uhr, Haus der Berliner Festspiele). Auf den Spuren von Adelbert von Chamisso, James Cook und anderen frühen Weltreisenden hat die Künstlerin Ulrike Ottinger eine Reise von Alaska über Tschukotka nach Kamtschatka unternommen.

Wie ihre Vorgänger führt sie ein Logbuch, geprägt von ihrem vertrauten ethnografischen und künstlerischen Interesse, das sich auch in Bildern zeigt: Wasser, Fische, Seeotter, Steine, Vulkane, Tundra, Häuser, Dörfer, Fotografien, Objekte, Landkarten. Menschen, die sie trifft, sprechen über ihr Leben, über Vergangenheit und Gegenwart. Zum Ende des Festivals wird das beispiellose Werk in drei Teilen im CineStar am Potsdamer Platz wiederholt.

LOLA at Berlinale mit zwei rbb-Koproduktionen

In der Reihe "LOLA at Berlinale", die Fachbesuchern die Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis zeigt, läuft der mit rbb-Unterstützung produzierte Film "Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen" (Di 16.02. 16 Uhr, Zoo Palast 3, Nur für Akkreditierte). Es ist ein Filmessay über den einzigartigen Kritiker und seinen Einfluss auf die deutsche Filmlandschaft.

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