66. Internationale Filmfestspiele Berlin, 14.02.2016 "24 Wochen": Schauspieler Julia Jentsch (l-r), Anne Zohra Berrached, Bjarne Mädel. Der Film läuft auf der Berlinale im Wettbewerb (Quelle: Kay Nietfeld/dpa)

Filmkritik | "24 Wochen" - Pädagogik statt Filmkunst

Der einzige deutsche Wettbewerbsbeitrag greift ein Tabuthema auf: die Spätabtreibung. Dass es nun mit so prominenten wie überzeugenden Darstellern öffentlich verhandelt wird, ist gut. Doch leider ist Anne Zohra Becharreds "24 Wochen" ein allzu schulmeisterlicher Erklärfilm geworden. Von Fabian Wallmeier

Astrid (Julia Jentsch) ist eine erfolgreiche Kabarettistin leichterer Gangart, Marke "Er-so-ich-so". Sie ist bundesweit bekannt - und sie ist schwanger. Dass sie ein Kind erwartet, zeigt Astrid offensiv, nutzt es auch für ein paar pralle Scherze. Ihr Freund Markus (Bjarne Mädel) ist gleichzeitig ihr Manager, zusammen haben sie eine Tochter, Nele. Doch das perfekte Leben bekommt einen Riss, als die beiden erfahren, dass der Junge, den sie erwarten, das Down-Syndrom hat.

Nach dem Schock ist relativ schnell klar, auch dank eines  - heiter überzeichneten - Tages, den die beiden mit einer Gruppe von fröhlich singenden und tanzenden Down-Syndrom-Menschen verbringen: Sie wollen das Kind behalten, sie entscheiden sich gegen eine Spätabtreibung, wie das Gesetz sie bei behinderten Kindern erlaubt. "Darf man 'Downie' überhaupt sagen", fragt Astrid. "Klar. 'Mongo' darf man nicht sagen – obwohl, als Eltern dürfen wir alles sagen", antwortet Markus. Auch wenn die Reaktionen der Freunde unsensibel bis ablehnend sind und auch Tochter Nele ihre Probleme damit hat: Sie schmieden Pläne, Mutter Beate soll einziehen, sie freuen sich auf das Kind. Doch dann kommt eine weitere Diagnose: Das Kind hat einen schweren Herzfehler, die Aussichten auf ein gesundes Leben sind düster. Astrid und Markus müssen neu überlegen.

In "24 Wochen" ist Bjarne Mädel mal in einer ernsten Rolle zu sehen.

Alle Elemente des Themas durcherklärt

Regisseurin Anne Zohra Becharred hat ein wichtiges Thema aufgegriffen, ein gesellschaftliches Tabu: Darf man ein schwer behindertes Kind abtreiben, auch nach den titelgebenden 24 Wochen? Der überaus feinfühligen Julia Jentsch und auch dem hier ungewohnt ernsten Bjarne Mädel ("Stromberg", "Der Tatortreiniger") nimmt man ihre Qualen durchaus ab. Doch wie Becharred den Film anlegt, ist leider filmästhetisch dürftig und allzu pädagogisch.

Statt einer aus der Geschichte, den Figuren und den filmischen Mitteln heraus strahlenden Auseinandersetzung bekommt man hier größtenteils eine Art "Telekolleg Spätabtreibung" geboten: Bis ins kleinste, oftmals schmerzliche Detail dekliniert der Film die sozialen, rechtlichen und vor allem medizinischen Komponenten durch. Echte Ärzte und andere Experten treten auf, erklären zum Beispiel, dass bei einer Spätabtreibung zunächst dem ungeborenen Kind eine Spritze verabreicht wird und dann die Wehen eingeleitet werden.

Die Ambivalenz, die durch die Ansammlung von Wissen aus allen Richtungen und durch die harten Diskussionen zwischen Astrid und Markus erzeugt werden soll, bleibt letztlich bloße Behauptung. Denn letztlich liefert der Film die Antwort auf die moralischen Fragen unmissverständlich mit: Ja, Spätabtreibung ist in einem solchen Fall in Ordnung und die Mutter allein hat darüber zu entscheiden. Gegen ein solches Statement wäre nichts einzuwenden - wenn der Film nicht gleichzeitig so täte, als überließe er die Antwort dem Zuschauer.

Welterklär-Attitüde schon in Becharreds Erstling

Ihre schulmeisterliche Methode hat Becharred schon in ihrem ersten Film angewandt, er hätte "Telekolleg Elternschaft für Lesben" heißen können, hieß aber "Zwei Mütter". Auch hier treten allerlei Fachleute auf und erklären alles restlos aus. Nur sind dort die Figuren um einiges schablonenhafter gezeichnet.

In "24 Wochen" taucht nun die werdende leibliche Mutter aus Berracheds Erstling (Karina Plachetka) wieder auf, auf einer Frühchenstation, die Astrid und Markus besuchen. Denn sie hat ein schwerkrankes Kind zur Welt gebracht - und redet Astrid gut zu. Dieser unangenehm selbstreferentielle Kniff macht die Welterklär-Attitüde, die beide Filme durchzieht, nicht gerade sympathischer.

Auch ästhetisch ist "24 Wochen" wenig mehr als Malen nach Zahlen. In den emotionalsten Augenblicken geht die Kamera wie auf Knopfdruck ganz nah ran, hier und da wird über Kopf und durch Hände gefilmt. Und zwischendrin tauchen wir immer wieder zu sphärischer Musik ganz tief ins Fruchtwasser, um ein werdendes Kind im Mutterleib zu bestaunen.

Allenfalls ein Debattenanstoß

Unnötig plakativ gerät zudem die zusätzliche Ebene, die Becharred ihrem Film mit Astrids Berufsleben verpasst hat. Astrid muss permanent zwischen Brachial-Entertainment und seelischen Höllenqualen hin und her schalten. Sie steht im Rampenlicht, steht unter ständiger Beobachtung der Medien. Astrid lebt öffentlich und leidet öffentlich - und sieht darin am Ende sogar ihre pädagogische Berufung.

Dass erkennbar so viel Herzblut in den Film geflossen ist, dass Jentsch und Mädel hier alles geben, um den Zuschauer mitleiden zu lassen, ist letztlich verlorene Liebesmüh. Als Aufklärungsfilm für den Schulunterricht mag "24 Wochen" funktionieren, als wichtiger Anstoß für eine Debatte, die ein schwieriges Thema aus der Tabuzone holen könnte, hoffentlich ebenfalls. Als Wettbewerbsbeitrag eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt aber ist er ganz und gar fehl am Platz.

Bärenwürdig? Das sagen die rbb-Kritiker

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