66. Internationale Filmfestspiele Berlin, 14.02.2016, Fototermin "Cartas da guerra" ("Letters from War"): die Schauspieler Ricardo Pereira (l-r), Margarida Vila-Nova, Miguel Nunes und Regisseur Ivo Ferreira. Der Film läuft auf der Berlinale im Wettbewerb. (Quelle: dpa)

Filmkritik | "Cartas da guerra" - Liebe in Zeiten des Krieges

Mit "Cartas da guerra" von Ivo M. Ferreira schickt die Berlinale einen verfilmten Briefroman in den Wettbewerb um den Goldenen Bären. Der portugiesische Film ist ein tiefgründig trauriger Blick auf ein Leben im Krieg und zugleich eine der zärtlichsten Liebesgeschichten dieser Berlinale. Von Patrick Wellinski

Portugal im Krieg. Die koloniale Auseinandersetzung mit Angola findet 1971 statt. Mitten in der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung. Für den portugiesischen Militärarzt Antonio ist das eine schwere und belastende Zeit. Er musste seine hoch schwangere Frau zu Hause zurücklassen. Im Krieg schreibt er ihr regelmäßig Briefe. Es sind Dokumente einer tiefen Sehnsucht nach Ruhe, Frieden und Liebe. Seine Texte erfassen aber auch seine Ängste, seine Sorgen und seine Wut auf die unsichere Lage der Soldaten. Aber: Nur die Liebe zu seiner Frau hält ihn am Leben.

Mitten im Herz der Finsternis

Der portugiesische Regisseur Ivo M. Ferreira hat für seinen Film auf echte Briefe des ehemaligen Militärarztes Antonio Lobo Antunes zurückgegriffen. Aus dem Off liest eine Frauenstimme diese Briefe. Es ist wohl Antonios Frau, die wir aber nie zu Gesicht bekommen. Doch die Tonebene dieses schwarz-weiß fotografierten Films trennt sich schon sehr bald von der Bildebene. So werden Antonios Liebestexte zu einem Kommentar auf die zerstörerische Kraft des Krieges, der den Soldaten zu schaffen macht. Die unbändige Hitze Angolas, das undurchdringbare Land, die Angst vor Fremde und auch Fremden machen die Soldaten bald zu Hüllen ihrer selbst. Als Arzt ist Antonio aber verpflichtet für alle zu sorgen. Doch das ist schon bald nicht mehr möglich. Der Lagerkoller droht. Sie merken – sie sind im Herz der Finsternis.  

Durch diese Collage-Form gewinnt "Cartas da guerras" einen unwiderstehlichen Sog. Die schrittweise Verzweiflung Antonios schlägt sich langsam auf die Art und Weise nieder, wie er seiner Frau schreibt. Der Gedanke an seine Liebe und an seine mittlerweile geborene Tochter, halten Antonio zwar am Leben, doch in der Ferne stellt er sich bald die Frage, ob die beiden überhaupt existieren, ob nicht alles jenseits der Fremde eine Illusion ist. Damit dringt der junge portugiesische Regisseur ganz tief in die koloniale Vergangenheit seines Landes ein und legt den Finger mitten in die nicht aufgearbeiteten Wunden. Das ist hoch politisch ohne wirklich politisch sein zu wollen. In dieser Stille und Unaufdringlichkeit liegt seine ganze Kraft.

Zärtlichste Liebesgeschichte der Berlinale

Dabei hat der Film durchaus auch seine sperrigen Momente. Die Bildebene ist sehr puristisch arrangiert. Es gibt keinen Dialog, sondern fast ausschließlich den Off-Kommentar. Das ist gewöhnungsbedürftig und erinnert manchmal allzu sehr an einen frühen Terrence Malick (beispielsweise an "Thin Red Line"). Aber Ferreira ist ein Bilderkünstler für sich. Er nimmt sich Zeit, weil er weiß, dass wir nur so den Schmerz dieses Militärarztes nachfühlen können. So wird Antonios Schicksal aber auch sehr universell lesbar.

Zudem ist dieser wunderbare Film sicherlich eine der zärtlichsten Liebesgeschichten dieser Berlinale. Wer den Glauben an die romantische Liebe noch nicht begraben hat, wer daran glaubt, dass die Sehnsucht und die Treue zu einem anderen Menschen essentiell und im wahrsten Sinne des Wortes "überlebenswichtig" sein können, der wird "Caratas da guerres" nicht nur sofort verstehen, der wird diesen Film auch nicht so schnell vergessen.

Bärenwürdig? Das sagen die rbb-Kritiker

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Beitrag von Patrick Wellinski

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