Spike Lee beim "Chi-Raq"-Fotocall beim 66. Berlin International Film Festival (Quelle: imago/Future Image)

Filmkritik |"Chi-Raq" - No peace, no pussy

Spike Lee trifft Aristophanes - der US-amerikanische Regisseur verlegt den Kriegsschauplatz der antiken Komödie "Lysistrata" ins heutige Chicago. Entstanden ist ein sinnlicher, frecher Stilmix aus Agitationsfilm und Hiphop-Musical. Von Ula Brunner

Es gibt keinen Moment, in dem dieser Film nicht vor purer Lebenslust und Spaß vibriert. Und das, obwohl er uns von Anfang an seine Message geradezu in den Kopf hineinhämmert. "Please pray for my city - too much hate in my city - but I love my city", der atemlose Sprechgesang füllt minutenlang ein schwarzes Bild.

Die Stimme gehört der männlichen Hauptfigur, dem Gangsterrapper Chi-Raq (Nick Cannon). Sein Song ist wütende Liebeserklärung und Hilfeschrei in einem, gewidmet einer Stadt, nach der er sich stolz nennt: Chicago. Hier werden mehr Amerikaner erschossen als im Irak-Krieg oder in Afghanistan, weswegen sie im Hip-Hop-Jargon auch Chi-Raq heißt ("Chi" für Chicago, "Raq" für Irak). "Es herrscht ein nationaler Notstand" ist in knallroten Großbuchstaben auf der Leinwand zu lesen.

Die schöne Lysistrate heckt einen Plan aus, der den Männern gar nicht gefällt.

Der Rap hämmert weiter, das Bild öffnet sich auf eine nächtliche Straßenszene, die Kamera treibt uns in die hitzige Enge eines Hip-Hop-Clubs, es fällt ein Schuss und schon sind wir mitten im Leben von Gangleader Chi-Raq (Nick Cannon) und "sexy sexy babe" Lysistrata (Teyonah Parris).

Alle "babes" halten zusammen

Spike Lees neuer Film "Chi-Raq" ist ein Stilmix aus Agitationsfilm und Musical, ein wilder Ritt durch die afroamerikanische Musik und eine schrille, sinnliche Adaption von Aristophanes' "Lysistrata". Gemeinsam mit Autor Kevin Willmott hat Lee die Komödie aus dem alten Griechenland an das heruntergekommene South-End des heutigen Chicago transferiert. Der Peloponnesische Krieg ist lange vorbei, ein anderer Krieg tobt auf den Straßen: Junge Schwarze töten sich gegenseitig, auch Kinder geraten ins Kreuzfeuer.

Wie in der antiken Vorlage heckt die schöne Lysistrate einen Plan aus, um den seit Jahren andauernden Bandenkrieg zu beenden: Sie überredet die Frauen im Viertel, sich den Männern solange zu verweigern, bis die endlich Ruhe geben und Frieden schließen: "No peace, no pussy" heißt ihr Slogan. Chi-Raq und seinem Rivalen Cyclops (Wesley Snipes mit Glitzeraugenklappe) gefällt das gar nicht. Aber alle, wirklich alle "babes" halten zusammen und schnallen sich den Keuschheitsgürtel um - sogar die Ladies aus dem Horizontalgeschäft.

Zwar schafft es sein Film nicht gänzlich, den straffen Spannungsbogen bis zum Ende zu halten. Doch es ist schon meisterlich, mit welcher Selbstverständlichkeit Lee Grundkonstellationen der antiken Komödie in sein Hiphop-Musical einfließen lässt. Der einleitenden Hiphop-Song erklärt, wie im klassichen Prolog, den Grundkonflikt der Handlung, Angela Bassett gibt die weise Beraterin Lysistratas, Samuel L. Jackson den Erzähler Dolmedes, und Jon Cusack - der einzige Weiße - die ethisch-moralische Instanz, den Priester. Und selbstverständlich werden alle Dialoge rezitiert. Der Kampf der Geschlechter ist auf kreativste Weise als Mischung aus Videoclip und Musical inszeniert, mit einem mitreißenden Soundtrack und einer dichten Kameraführung.  

 

Ein selbstbewusster und lebensstrotzender Film

Spike Lee, die Frontfigur des New Black Cinemas, ist ein bekennender Agitator und Provokateur. Nachdem er im letzten November den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk erhalten hat, empörte sich der schwarze Regisseur, Produzent und Schauspieler über die diesjährige Nominiertenliste: Weil zum zweiten Mal in Folge ausschließlich weiße Schauspieler nominiert wurden, werde er die Oscar-Preisverleihung am 28. Februar boykottieren. Das hätte man auch nicht anders erwartet, der Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Rassismus ist Mittelpunkt seines Lebens und seiner Kunst.

Über dreißig Filme hat Lee im Laufe seiner fast 40-jährigen Karriere gedreht, darunter das herausragende Biopic "Malcolm X" über den gleichnamigen Black-Muslim-Aktivisten. Er ist einer der wenigen schwarzen Künstler mit Weltruhm, und hat afroamerikanischen Schauspielern wie Halle Berry, Denzel Washington oder Samuel L. Jackson zu Weltruhm verholfen. Sein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein schlug sich künstlerisch allerdings nicht immer positiv in seinem Werk nieder. Das ist in "Chi-Raq" zum Glück anders. Auch dieser Film ist unzweideutig in seiner Botschaft: Die Gewalt in den schwarzen Gemeinden muss ein Ende haben. Doch "Chi-Raq" strotzt  vor Witz und Rhythmus, ist  frech, unterhaltsam und natürlich politisch völlig "unkorrekt". Ein Film, der vor Leben nur so kracht. Das ist Gossen-Poesie vom Feinsten.

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