66. Internationale Filmfestspiele Berlin, 20.02.2016, Verleihung der Bären, Preisträger Goldener Bär für den Besten Film: Gianfranco Rosi (Buch und Regie "Fuocoammare") (Quelle: dpa)

Filmkritik | "Fuocoammare" - Das Feuer auf dem Meer

Spendenaufrufe, Filmvorführungen für Flüchtlinge und "Recht auf Glück" als Motto – die Berlinale engagiert sich stark in der aktuellen Flüchtlings-Debatte. Doch wie spiegelt sich das in den Filmen wider? Der italienische Wettbewerbsbeitrag "Fuocoammare" bringt das Thema auf die Leinwand – drastisch und mit großer Empathie. Von Andreas Kötzing

Bis vor einigen Jahren war Lampedusa nur der Name einer italienischen Insel im Mittelmeer. Heute ist er ein Synonym für die Situation von Hunderttausenden von Flüchtlingen in aller Welt. Maßlos überfüllte Boote, auf denen unmenschliche Bedingungen herrschen, gestrandet vor einer Küste, die – trotz aller Widrigkeiten – für die Menschen die letzte Hoffnung auf ein besseres Leben verkörpert. Tagtäglich sehen wir neue Bilder von Lampedusa und anderen Mittelmeerinseln im Fernsehen, aber diese sind meist sehr flüchtig. In den Nachrichten ist selten Zeit, um das Geschehen zu vertiefen.

Der italienische Regisseur Gianfranco Rosi hat sich diese Zeit genommen. Für seinen Dokumentarfilm "Fuocoammare" hat er sich nach Lampedusa begeben und sich mit dem Alltag auf der Insel beschäftigt. Es geht dabei nicht nur um die Situation der Flüchtlinge vor Ort, sondern vor allem um die Menschen, die auf Lampedusa leben. Der 12-jährige Samuele baut mit seinem Freund Steinschleudern, klettert über Felsen und sucht nachts in den Bäumen nach Vögeln. Ein Radiomoderator erfüllt die Wünsche seiner Anrufer und spielt für sie alte italienische Schlager. Ein Fischer leidet unter dem schlechten Wetter, weil es dann Nichts zu fangen gibt.

Rosi nähert sich diesen Menschen behutsam, ohne sich aufzudrängen. Vieles, was der Film zeigt, wirkt im ersten Moment banal, manches auch komisch, aber die Szenen verdichten sich schnell zu einem sehr persönlichen Porträt einzelner Menschen, deren Leben scheinbar wenig mit dem zu tun hat, was tagtäglich vor der Küste der Insel geschieht.

Aufnahmen aus zwei getrennten Welten

Dagegen setzt Rosi die Bilder der Flüchtlinge auf offener See, schonungslos und drastisch, aber ohne vordergründigen Voyeurismus. Die Aufnahmen dehydrierter und entkräfteter Menschen sind schwer zu ertragen, aber sie sind wohl noch harmlos gegen die Schreckensbilder, von denen der Arzt aus Lampedusa berichtet, der seit Jahren an den Rettungseinsätzen beteiligt ist. Seine Schilderungen wirken noch wesentlich eindringlicher als jede Filmaufnahme. Rosi zeigt darüber hinaus aber auch Bilder, die zumindest etwas Hoffnung zulassen, beispielsweise wenn die geretteten Menschen sich in ihrer Unterkunft zu einem gemeinsamen Fußballspiel zusammenfinden.

Die Gegenüberstellung der beiden Lebenswelten auf Lampedusa macht "Fuocommare" zu einem komplexen und streitbaren Dokumentarfilm, der lange nachwirkt. Der beinahe idyllisch wirkende Alltag auf der Insel schließt die humanitäre Katastrophe vor der Küste nicht aus. Schade ist lediglich, dass Rosi den persönlichen Zugang, den er für die Inselbewohner gefunden hat, nicht auf die geflüchteten Menschen übertragen hat. Sie bleiben im Film dadurch deutlich anonymer als die Einwohner der Insel.

Bärenwürdig? Das sagen die rbb-Kritiker

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