Colin Firth, Jude Law und Guy Pearce beim "Genius"-Fotocall beim 66. Berlin International Film Festival (Quelle: imago/Future Image)

Filmkritik |"Genius" - Unter Männern

Wer ist das Genie? Der Autor, der einen famosen Text verfasst, oder der Lektor, der aus dem Rohdiamanten den fertigen Roman schleift? "Genius" entführt uns in die New Yorker Schriftstellerwelt der 1920er Jahre und erzählt mit großer schauspielerischer Kunst über eine Männerfreundschaft. Von Andreas Kötzing

Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald waren zweifelsohne zwei der genialsten Schriftsteller. Doch was wäre aus ihnen geworden, wenn sie keinen Verleger gefunden hätten, der ihr Talent erkannt hätte? Der Mann, der beiden zu ihrem Weltruhm verhalf, war Max Perkins, Lektor im New Yorker Verlag "Charles Scribner's Sons". Perkins veröffentlichte Fitzgeralds Debut "This Side of Paradise" und später auch den "Great Gatsby" sowie Hemingways ersten Roman "The Sun also Rises".

Colin Firth und Jude Law in "Genius" (Quelle: Marc Brenner © Pinewood Films / Berlinale)
Geschäftsmann Boris will ein besserer Mensch werden.

"Die Menschheit braucht Poeten. Wozu ist das Leben sonst gut?", ist Perkins Credo als Lektor. Er hat sich darauf spezialisiert, Talente zu entdecken. Eines Tages klopft ein weiterer Autor an seine Bürotür. Er ist jung, mittellos und sichtlich am Ende seiner Kräfte. Sein ellenlanges Roman-Manuskript liegt wie ein Ziegelstein auf dem Schreibtisch. Alle anderen Verlage haben es bereits abgelehnt. Auch diesmal macht sich der Autor keine Hoffnungen.

Viel Platz für intellektuelle Rededuelle

Doch es kommt anders. Perkins (Colin Firth) entscheidet sich, den Roman zu veröffentlichen - "Look Homeward, Angel" wird ein famoser Erfolg und begründet den Ruf von Thomas Clayton Wolfe als einen der genialsten amerikanischen Romanautoren der damaligen Zeit. Jude Law spielt den Schriftsteller als hippelig überdrehten Chaoten, der vor Ideen nur so sprudelt, aber allein nicht in der Lage ist, sein Manuskript zu überarbeiten. Perkins leitet ihn schließlich mit väterlicher Nachsicht an und hilft ihm, den richtigen Stil zu finden.

Für beide - Colin Firth und Jud Law - sind dies Paraderollen, in denen sie sich gegenseitig anstacheln können, nicht zuletzt, weil ihnen der Film viel Platz für ihre Rededuelle lässt und sich ganz auf die aufkeimende Freundschaft zwischen Autor und Lektor einlässt. Es macht großen Spaß den beiden zuzuschauen, auch weil ihr Verhältnis ständig schwankt und beide gezwungen sind, über ihren Lebenswandel nachzudenken.

Nebenrollen sind hochkarätig besetzt, bleiben aber blass

Aber nicht nur die schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller machen "Genius" zu einem sehr sehenswerten Film. Auch die atmosphärische Ausstattung und die klugen Dialoge fügen sich im Spielfilmdebut von Michael Grandage zu einem stimmigen Gesamtbild. Der renommierte Theaterregisseur hat dabei viel von seiner Bühnenerfahrung in den Film eingebracht: Fast alle Szenen spielen in geschlossenen Räumen, die Kamera ist immer nah bei den Protagonisten, so dass die Handlung auch als Kammerspiel funktionieren würde.

Die Fokussierung auf Perkins und Wolfe als zentrale Figuren führt allerdings dazu, dass die Nebenrollen - trotz hochkarätiger Besetzung - fast durchweg blass bleiben. Dies gilt vor allem für Nicole Kidmann als hysterische Geliebte von Wolfe und Laura Linney als Ehefrau von Perkins, aber auch für Guy Pearce und Dominic West, die als Scott Fitzgerald bzw. Hemingway nur in wenigen Szenen zu sehen sind.

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Beitrag von Andreas Kötzing

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