66. Internationale Filmfestspiele Berlin, 17.02.2016, Fototermin "Hele Sa Hiwagang Hapis" ("A Lullaby To The Sorrowful Mystery"): Bianca Balbuena (l-r), Joel Saracho, Angel Aquino, Piolo Pascual, Cherie Gil, Regisseur Lav Diaz, John Lloyd Cruz, Alessandra De Rossi, Paul Soriano, Susan Africa, Hazel Orencio und Bernardo Bernardo (Quelle: dpa)

Filmkritik | "Hele Sa Hiwagang Hapis" - Überlang, überfordernd, überragend

Ein paar Fakten über "Hele Sa Hiwagang Hapis" von Lav Diaz: Acht Stunden. Schwarz-Weiß. Über den philippinischen Aufstand gegen die spanische Kolonialmacht. Das klingt nicht nur nach einer Zumutung, sondern es ist auch eine – und zugleich das große, alles überstrahlende Meisterwerk, das dem Wettbewerb bislang gefehlt hat. Von Fabian Wallmeier

Ende des 19. Jahrhunderts beginnt auf den Philippinen eine Revolution gegen die spanische Kolonialmacht. Der Schriftsteller und Freiheitskämpfer José Rizal wird ermordet – und der Revolutionär Andrés Bonifacio ist verschwunden. Das ist der Hintergrund, vor dem Lav Diaz seinen neuen Film ansiedelt, den mit acht Stunden längsten, der jemals im Wettbewerb der Berlinale zu sehen war.

Ein großes Ensemble an Schauspielern tritt in mehreren filmischen Erzählungen auf, die sich teilweise überlappen. Zwei Stränge sind dabei die wichtigsten, sie tauchen immer wieder auf (wenn auch teilweise mehrere Filmstunden dazwischen liegen): Zum einen macht sich Bonifacios Frau, die noch nicht einsehen will, dass sie Witwe ist, auf die Reise durch den Dschungel ins Gebirge. Sie will ihren Mann finden oder zumindest seine Leiche. Zum anderen lehnt sich ein verzweifelter Schriftsteller gegen einen Kollaborateur auf, der bewusst Chaos stiftet, verschiedene Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufhetzt.

Hele Sa Hiwagang Hapis | A Lullaby to the Sorrowful Mystery © Bradley Liew
Hele Sa Hiwagang Hapis | A Lullaby to the Sorrowful Mystery © Bradley Liew

Zugegeben, der Film ist um einiges komplizierter, lässt sich aber kaum platzsparend nacherzählen. Nur so viel: Es gibt mehrere kleine und große Subplots, haufenweise geschichtliche Anspielungen (die sich einem Durchschnittseuropäer natürlich nur bedingt erschließen) und allerlei Mystik. Dazu hören wir das Rauschen des Meeres und vor allem wieder und wieder das hypnotische nächtliche Zirpen und Zwitschern des Dschungels.

Rigide und diskrete Kamera

Lav Diaz hat seinen Schwarz-Weiß-Film im Seitenverhältnis 4:3 gedreht. Das gibt ihm eine Enge und zwingt ihn zu einer besonders konzentrierten Bildanordnung. Die Kamera ist meistens rigide. Sie ist nur ganz selten frontal auf die Protagonisten gerichtet, sondern schaut leicht von oben oder leicht von unten auf sie. Auch bleibt sie meist ausgesprochen diskret, wenn es um die extreme Gewalt geht, die die Geschichte des Films unweigerlich mit sich bringt.

Kameramann Larry Manda etabliert seine Szenerie jeweils mit einem Bildausschnitt, der wie ein klassisches Gemälde inszeniert ist, und bewegt die Kamera dann meist nur minimal, in manchen Szenen sogar gar nicht. Schnitte setzt Diaz zudem spärlich ein, etliche Szenen bestehen aus einer einzigen Kameraeinstellung.

Hele Sa Hiwagang Hapis (Bild: John Lloyd Cruz) © Bradley Liew

Lav Diaz hat sich schon oft an seiner Heimat abgearbeitet, mit epischen Filmen über Gesellschaft und Geschichte der Philippinen, die dennoch niemals bloße politische Statements waren. Sie lassen sich auch nicht auf ihre bloße Länge reduzieren, auch wenn die fraglos auffällig ist – mit seinen acht Stunden Länge ist "Hele Sa Hiwagang Hapis" nicht einmal der längste. Was er aber mit dieser Länge macht, ist das Entscheidende. Sie ist niemals Selbstzweck, sondern ergibt sich ganz von selbst aus seiner eigenen ausufernden, weite Bögen schlagenden, viel Luft zum Atmen lassenden Erzählweise.

Glücksbringende Zumutung

Keine Frage: Acht Stunden lang im Kino zu sitzen und einen schwarz-weißen Film über die philippinische Revolution zu sehen, ist anstrengend, manchmal auch überfordernd. Doch wer sich darauf einlässt, hat die Chance auf ein erhebendes Kinoerlebnis – oder schlicht auf die Erkenntnis, dass es glücksbringend sein kann, sich ab und an einmal etwas Kolossales zuzumuten.

Fast unweigerlich kommt man beim Ansehen eines so langen und dazu so langsamen Films der Zeitpunkt, in dem man die Aufmerksamkeit ziehen lassen muss. "Im Kino schlafen heißt dem Film vertrauen", lautet ein wundervoller Satz ungeklärten Ursprungs. Hier trifft er ganz sicher zu. Taucht man bei "Hele Sa Hiwagang Hapis" kurz ab, hat man mit großer Wahrscheinlichkeit keinen großen Handlungsumschwung verpasst und kann sich weiter treiben lassen, immer tiefer ins Herz der Finsternis.

Am Ende dieses achtstündigen Brockens klafft ein brutales schwarzes Nichts. Keine der Figuren hat erreicht, was sie wollte, oder blickt auch nur leidlich positiv der Zukunft entgegen. Lav Diaz hängt sein Land fest am Herzen, das hat er immer wieder gezeigt. Auch in "Hele Sa Hiwagang Hapis" ist diese innige Zuneigung klar erkennbar, und dennoch stellt er dem Land das düsterste Zeugnis aus, das sich denken lässt.

Her mit dem Goldenen Bären!

Vor allem aber ist der Film ein Triumph des Kinos, eine große brutale Zumutung, die in jeder der 485 Minuten einen der größten Regisseure unserer Zeit auf der Höhe seiner Kunst zeigt – der sich zugleich vor seinen Helden verbeugt: vor Andrej Tarkovskij, Béla Tarr und Roberto Rossellini etwa – und vor den Brüdern Lumière, den französischen Vätern der Kinematographie. Deren Erfindung bringt im Film ein spanischer Besatzer aus Paris mit auf die Philippinen – und versetzt in einer wunderbaren Szene eine Festgesellschaft in Angst und Schrecken.

Wenn dieses überbordende, den Rest des Wettbewerbs (selbst die wunderbare chinesische Überraschung "Chang Jiang Tu") mit einem Schlag vom Tisch fegende Meisterwerk am Samstag nicht den Goldenen Bären bekommt, müssen wir ein ernstes Wörtchen reden, Frau Streep.

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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