66. Internationale Filmfestspiele in Berlin, 13.02.2016. Roter Teppich. L'Avenir (Things to come): Mia Hansen-Løve. Der Film läuft auf der Berlinale im Wettbewerb. (Quelle: dpa)

Filmkritik |"L'avenir" - Die bewegte Frau

"L'Avenir" erzählt philosophisch-leicht vom Umbruch im Leben einer Frau. Der französische Wettbewerbsbeitrag von Regisseurin Mia Hansen-Løve mit einer wunderbaren Isabelle Huppert in der Hauptrolle könnte damit einer der Favoriten auf den Goldenen Bären sein. Von Ula Brunner

Klack, klack, klack - der energische Schritt, das Klacken der Pumps von Isabelle Huppert geben in diesem Film das Tempo und die Richtung vor. Von der ersten Filmminute an rückt sie die Kamera in den Fokus des Blicks: ein Buch lesend, wo es gerade möglich ist, mit ihrer Familie, ihren Schülern, ihrer Mutter, meist in Bewegung.

Ein erfülltes Leben

Isabelle Huppert spielt die Philosophielehrerin Nathalie, eine selbstbestimmte, neugierige und nicht mehr ganze junge Frau. Die beiden Kinder sind schon erwachsen, kommen aber immer noch ebenso gerne in das diskutierfreudige Elternhaus wie Nathalies Schüler. Die langjährige Ehe mit Ehemann Heinz (André Marcon), ebenfalls Philosophiedozent scheint stabil, auch wenn man sich oft nur zwischen Tür und Angel trifft. Der Beruf füllt sie aus, und lässt ihr genügend Zeit, um philosophische Bücher zu publizieren, und sich um ihre alte Mutter Yvette (Edith Scob) zu kümmern. "Ich habe ein erfülltes intellektuelles Leben, das macht mich glücklich", sagt sie an einer Stelle im Film.  An diesem Glück will sie festhalten, darum kämpft sie mit jedem Schritt.

In einer assoziativen klaren Bildsprache fließen die Momente dieses prall gefüllten Alltags nahtlos ineinander. Seinen dynamisch-gelassenen Tonfall behält der Film auch bei, als seine Protagonistin mit existenziellen Veränderungen konfrontiert wird: Ihr Mann hat sich in eine andere Frau verliebt, und wird mit ihr zusammen leben. Wenig später muss Nathalies Mutter in ein Altersheim verlegt werden, wo sie stirbt.

Keine Tränenausbrüche, keine Seelendramen

Solche Umbrüche geben häufig den Filmstoff für ein konfliktbeladenes Seelendrama her. Doch in diese Richtung entwickeln sich weder Handlung noch Protagonistin. Nathalie akzeptiert die Veränderung in ihrem Leben mit äußerer Gelassenheit: "Ich dachte, du liebst mich für immer", sagt sie zu ihrem Mann, als er ihr erklärt, dass er sie verlassen wird. Keine Tränenausbrüche, keine Seelendramen, sie will glücklich bleiben. Dafür setzt sie Puzzlesteine ihres Lebens neu zusammen schlägt emotionale Türen hinter sich zu und panzert sich mit entschlossener Resolutheit gegen den Schmerz, macht einfach weiter. Und stellt irgendwann fest: "Ich bin zum ersten Mal wirklich frei, das ist wirklich außergewöhnlich."

Wäre Isabelle Huppert eine weniger großartige Schauspielerin, wäre diese philosophisch-pragmatische Lebenshaltung bloße Behauptung. Doch Huppert kann mit einem zuckenden Mundwinkel und einer winzigen Geste Einsichten in Gefühlswelten gewähren.

Das Kommen und Gehen

In "L'Avenir" bricht die als Regiewunderkind gefeierte Mia Hansen-Løve das zigfach filmisch reproduzierte Klischee des psychischen Totalzusammenbruchs nach Scheidung, Trennung oder Tod. Wie in ihrem Drama "Der Vater meiner Kinder" ("Le père de mes enfants") erweisen sich die Beziehungen der Charaktere im Handlungsverlauf als fragiler, als sie zunächst den Anschein haben. Aber noch konsquenter entstehen hier aus dem Bruch mit dem Vergangenen neue Freiräume.  

Unaufgeregt beschreibt Hansen-Løve in den drei aufeinanderfolgenden Zeitabschnitten des linearen Plots die Veränderungen, das Kommen und Gehen in Nathalies Leben. "L'Avenir" ist starkes Frauenporträt und zugleich eine lebendige und warmherzige Reflektion über Umbrüche, Älterwerden und Sinnsuche. Sehnsucht, Abschied, Glück und Trauer liegen nahe beeinander. Die Dinge ändern sich, es bleibt die Neugier und Lust auf das was kommt. Das Leben geht weiter - Schritt für Schritt.

Bärenwürdig? Das sagen die rbb-Kritiker

RSS-Feed
  • Ursula Brunner (Foto: Karo Krämer/Grafik: rbb)

    Ula Brunner

  • Hannelore Heider (Quelle: rbb)

    Hannelore Heider

  • Harald Asel (Quelle: rbb)

    Harald Asel

  • Knut Elstermann

  • Anke_Sterneborg (Quelle: rbb/ Gregor Baron)

    Anke Sterneborg

  • Fabian Wallmeier (Foto: Karo Krämer/Grafik: rbb)

    Fabian Wallmeier

  • Reiner Veit (Quelle: rbb)

    Reiner Veit

  • Frauke Gust (Quelle: rbb)

    Frauke Gust

  • Patrick Wellinski (Quelle: rbb)

    Patrick Wellinski

  • Anna Wollner (Quelle: rbb)

    Anna Wollner

  • Carsten Beyer (Quelle: rbb/ Dieter Freiburg)

    Carsten Beyer

  • Christine Deggau (Quelle: dpa)

    Christine Deggau

  • Filmbewertung Silke Mehring 2 (Quelle: rbb)

    Silke Mehring

Beitrag von Ula Brunner

Das könnte Sie auch interessieren

Verleihung der Bären am 20.02.2016: Preisträger Goldener Bär für den Besten Film: Gianfranco Rosi ("Fuocoammare") (Quelle: dpa)

Bilanz | Berliner Filmfestspiele 2016 - Berlinale zeigt sich politischer denn je

An diesem Thema ist auch die 66. Berlinale nicht vorbei gekommen: Mit dem Goldenen Bären wurde am Samstag die Flüchtlings-Doku "Fuocoammare" von Gianfranco Rosi ausgezeichnet. Obwohl einige Bären-Kandidaten von der Jury nicht bedacht wurden, zeichnete sich diese Berlinale durch Qualität und Vielfalt aus. Von Knut Elstermann

Moderatorin Anke Engelke (li.) spricht am 21.02.2016 mit den Mitgliedern der Berlinale-Jury (Quelle: dpa)

Kommentar | Berlinale-Bilanz - Besser kann es keine Jury machen

Die Berlinale hatte in diesem Jahr wieder großartige Filme im Angebot. Die Jury war - mit Meryl Streep als deren Präsidentin - hochkarätig und charismatisch besetzt.  Doch ein Schwachpunkt war der Wettbewerb. Daraus treffsichere Entscheidungen zu treffen, verdient auch eine Auszeichnung meint Reiner Veit.