Filmkritik |"Mahana" - Scher mir das Schaf vom Tod

Der neuseeländische Star-Regisseur Lee Tamahori erzählt in "Mahana" eine epische Familienfehde unter Maori-Farmern. Die ist hübsch anzuschauen und hat einen überzeugenden Hauptdarsteller, kommt aber in ihrer krachledernen Überdeutlichkeit oft einer Intelligenzbeleidung des Zuschauers nahe. Von Fabian Wallmeier

Lee Tamahori ist 1994 mit "Once Were Warriors" auf einen Schlag weltberühmt geworden und hat dann mit mehr oder weniger Erfolg internationale Produktionen wie den Bond-Film "Stirb an einem anderen Tag" (2002), aber auch mehrere Fernseh-Episoden (unter anderem "The Sopranos") gedreht. Nun ist er mit seinem neuesten Film nach Neuseeland zurückgekehrt. "Mahana", nach dem Roman von "Whale Rider"-Autor Witi Ihimaera, ist ein unter Maoris in den 1960er Jahren angesiedeltes Familienepos, zum Bersten gefüllt mit Dramatik: ein übermächtiger Großvater, ein düsteres Familiengeheimnis, Verbannung und Tod.

Die Filmgeschichte ist nicht gerade arm an unerbittlichen Patriarchen. Dieser hier, der mit "Mahana" jetzt neu hinzukommt, spielt ganz klar in der ersten Liga mit: Was Tamihana Mahana (Temuera Morrison) befiehlt, das ist für seine Kinder und Kindeskinder Gesetz - und er wähnt Gott auf seiner Seite. Als einige für die geplante Abfahrt zu einer Beerdigung eine Minute zu spät kommen, weist er sie zurecht: "Glaubt ihr etwa, Gott lässt euch rein, wenn ihr eine Minute zu spät in den Himmel kommt?" Wer Tamihana den Gehorsam verweigert, wird enterbt und verbannt - und um die Übermacht des Patriarchen zu unterstreichen, krachen in der nächsten Szene gleich Blitze und Donner vom Himmel.

Hauptdarsteller sorgt für etwas Komik

Haupt- oder gar Identifikationsfigur des Films ist aber nicht Tamihana, sondern einer seiner Neffen: Simeon heißt er, der Gottestreue des Großvaters nach zu urteilen benannt nach dem Propheten, der im kindlichen Jesus den Messias erkannte. Anders als sein Name vermuten lassen würde, ist Simeon kein frommer Getreuer des Patriarchen, sondern ein rebellischer Geist: Er lässt sich die Haare ein Stück zu lang wachsen, wagt es bei einer Exkursion seiner Schulklasse einen Richter zu fragen, warum es im Gerichtssaal verboten ist, Maori zu sprechen. Akuhata Keefe spielt Simeon mit Verve und einer angenehmen Schlitzohrigkeit, die für etwas comic relief in diesem donnergrollend pathetischen Drama sorgt.

Simeon liebt das Kino – und Tamahori ganz offensichtlich auch: "Mahana" ist voll von direkten und indirekten Zitaten, vor allem aus amerikanischen Western-Klassikern. Einmal platzt sogar ein junger Mann mit einem weißen Pferd in eine Kinovorführung von "3:10 to Yuma", als käme ein Fremder in einen Saloon, um einen Streit anzuzetteln. Doch wenn es in "Mahana" zum Showdown kommt, trifft man sich nicht zum Pistolenduell im Morgengrauen, sondern man tritt in Teams zum Wett-Schafscheren an.

Zu viel erklärt

Es ist nie gut, wenn ein Regisseur seinem Zuschauer zu wenig zutraut. Tamahori scheint ihm fast nichts zuzutrauen, denn er erzählt seine Geschichte überdeutlich, oft sogar ausgesprochen penetrant. Wenn es Simeon und seiner vom Patriarchen verbannten Kernfamilie gelungen ist, mit nachmittäglichem Gebüsch-Roden ein wenig Geld zu verdienen und das zusammengehäufte Geäst von ihnen in Brand gesetzt wird, schwillt die Musik so dramatisch an, als wäre gerade mindestens die Welt an einem anderen Tag gestorben. Ja, schon gut: Dieses gemeinsame Anpacken war von großer Wichtigkeit für den Zusammenhalt der Geächteten. Das hätten wir aber auch verstanden, wenn Tamahori einfach der Kraft seiner Bilder vertraut hätte. Neuseeländische Naturaufnahmen liefern diese Kraft ja quasi von selbst.

Auch eine in Sepia stilisierte Rückblende, die das große Familiengeheimnis offenbart, erklärt zu viel: Elegisch umkreist am Ende der Szene die Kamera das Haus der Großmutter und fährt dann auf das Dachfenster zu, um noch einmal in aller Klarheit zu zeigen, was jeder Zuschauer längst verstanden hat.

Tamahori hat gut daran getan, diesen Film außer Konkurrenz in Berlin zu zeigen. Die Enttäuschung über nicht gewonnene Bären, die ihn unweigerlich hätte ereilen müssen, hat er sich damit erspart.

Bärenwürdig? Das sagen die rbb-Kritiker

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