66. Internationale Filmfestspiele Berlin, 14.02.2016 «Quand on a 17 ans/Being 17»: Die Schauspieler Corentin Fila, Sandrine Kiberlain, Kacey Mottet Klein (Quelle: Kay Nietfeld/dpa)

Filmkritik | "Quand on a 17 ans" - Das Spiel von Anziehung und Widerstand

In "Quand on a 17 ans", dem zweiten Wettbewerbsbeitrag aus Frankreich, erzählt Regie-Altmeister André Téchiné eine Coming-out-Geschichte zwischen zwei jungen Männern. Entstanden ist ein sinnlicher, intensiver und doch wunderbar leichter Film. Von Ula Brunner

André Téchiné, Jahrgang 1943, ist ein Großer der Großen des französischen Kinos. Fast 25 Filme hat er gedreht und alle, alle haben sie in seinen oftmals sehr persönlichen Werken mitgespielt: Jeanne Moreau, Gérard Depardieu, Cathérine Deneuve, Emmanuelle Béart und Isabelle Huppert, die gestern mit dem ersten französischen Wettbewerbsbeitrag "L'Avenir" dabei war. Seine Geschichten sind einfühlsam inszenierte Milieu- und Charakterporträts, rau und sinnlich.

Oft begegnet Téchiné seinen Figuren zunächst mit Distanz, im Laufe der Ereignisse wandelt sich der Tonfall und immer wieder entstehen dann Momente von einer berührenden Kraft. Das ist auch in "Quand on a 17 ans" ("Being 17") nicht anders. Der Film erzählt die Liebesgeschichte zwischen Damien (Kacey Mottet Klein) und Thomas (Corentin Fila) auf eine sehr direkte, physische Weise.  

Aggressionen mit durchaus komischen Zügen

Beide gehen in dieselbe Gymnasialklasse irgendwo in der großartigen Berglandschaft im Südwesten Frankreichs. Der blonde Damien lebt alleine mit seiner Mutter Marianne (Sandrine Kiberlain), weil der Vater, ein Militärpilot, in einem Kriegsgebiet im Ausland stationiert ist. Ein Kerl mit Ohrring und James-Dean-Attitüde, der gerne kocht und zum Boxtraining geht. Thomas hat maghrebinische Wurzeln und hilft neben der Schule seinen Eltern auf dem abgelegenen Berghof. Ein verschlossener muskulöser junger Mann, der später einmal Tierarzt werden möchte.

Schon die früheren Filme Téchinés zeichnen sich durch nuancierte Charakterzeichnungen und geschickte Spannungsbögen aus. In "Quand on a 17 ans" genügen Gesten und Blicke, um die liebevolle Nähe innerhalb der Familien, die Geborgenheit, in der die beiden aufwachsen, spürbar zu machen. In Kontrast dazu stellt Téchiné die Beziehung zwischen Damien und Thomas. Von Anfang an können sie sich nicht ausstehen. Sie können sich aber auch nicht in Ruhe lassen. Das Spiel zwischen Anziehung und Verweigerung nimmt seinen Anfang mit Schulhofprügeleien und hat durchaus auch komische Züge.

Im 73-jährigen Téchiné schlägt ein junges wildes Herz

In diesem Testosterongefecht ist von Anfang an die Figur der Marianne als ausgleichende Komponente gesetzt. Sie drängt die Rauflustigen zur Versöhnung und setzt durch, dass Thomas während eines Krankenhausaufenthalts seiner Mutter bei ihnen wohnen kann. Irgendwann in dieser Zeit, gesteht Damien Thomas, dass er sich in ihn verliebt hat. 

Auch in diesem Film hat Téchiné, der Schauspielerregisseur, sein Geschick bei der Wahl seiner Darsteller bewiesen. Sandrine Kiberlain gibt die zupackende und lebensbejahende Mutter mit jenem Hauch von Melancholie, der eine tragische Wende in diesem Film vorausahnen lässt.  Die beiden hochbegabten jungen Darsteller Kacey Mottet Klein und Corentin Fila spielen mit einer solchen Präsenz, dass das Begehren und eine Sehnsucht, die sie nicht benennen können, echt ist. Immer wieder erzählt das Kino von den Unwegsamkeiten des Erwachsenwerdens und von dem Entdecken der Liebe, das Thema ist nicht neu. Doch in "Quand on a 17 ans" hat Téchniné Kinomemente geschaffen, die wir nicht vergessen wollen: schroffe Bergpanoramen, umschlungene Männerkörper, ein verletzter Blick. Gerade die letzten Bilder des Films sind von einer ungeheuren Intensität und doch zauberhaft leicht - ein bisschen wie die Jugend selbst. Wie schön, dass in Téchiné auch mit fast 73 Jahren noch immer so ein wildes junges Herz schlägt.

Bärenwürdig? Das sagen die rbb-Kritiker

RSS-Feed
  • Ursula Brunner (Foto: Karo Krämer/Grafik: rbb)

    Ula Brunner

  • Hannelore Heider (Quelle: rbb)

    Hannelore Heider

  • Anna Wollner (Quelle: rbb)

    Anna Wollner

  • Knut Elstermann

  • Frauke Gust (Quelle: rbb)

    Frauke Gust

  • Stephan Karkowsky (Quelle: rbb/radio eins)

    Stephan Karkowsky

  • Anke_Sterneborg (Quelle: rbb/ Gregor Baron)

    Anke Sterneborg

  • Fabian Wallmeier (Foto: Karo Krämer/Grafik: rbb)

    Fabian Wallmeier

  • Harald Asel (Quelle: rbb)

    Harald Asel

  • Patrick Wellinski (Quelle: rbb)

    Patrick Wellinski

  • Andreas Kötzing (Quelle: dpa)

    Andreas Kötzing

  • Reiner Veit (Quelle: rbb)

    Reiner Veit

Beitrag von Ula Brunner

Das könnte Sie auch interessieren

Verleihung der Bären am 20.02.2016: Preisträger Goldener Bär für den Besten Film: Gianfranco Rosi ("Fuocoammare") (Quelle: dpa)

Bilanz | Berliner Filmfestspiele 2016 - Berlinale zeigt sich politischer denn je

An diesem Thema ist auch die 66. Berlinale nicht vorbei gekommen: Mit dem Goldenen Bären wurde am Samstag die Flüchtlings-Doku "Fuocoammare" von Gianfranco Rosi ausgezeichnet. Obwohl einige Bären-Kandidaten von der Jury nicht bedacht wurden, zeichnete sich diese Berlinale durch Qualität und Vielfalt aus. Von Knut Elstermann

Moderatorin Anke Engelke (li.) spricht am 21.02.2016 mit den Mitgliedern der Berlinale-Jury (Quelle: dpa)

Kommentar | Berlinale-Bilanz - Besser kann es keine Jury machen

Die Berlinale hatte in diesem Jahr wieder großartige Filme im Angebot. Die Jury war - mit Meryl Streep als deren Präsidentin - hochkarätig und charismatisch besetzt.  Doch ein Schwachpunkt war der Wettbewerb. Daraus treffsichere Entscheidungen zu treffen, verdient auch eine Auszeichnung meint Reiner Veit.