Regisseur Danis Tanovic, erhielt den Silbernen Bären (Großer Preis der Jury) für seinen Film DEATH IN SARAJEVO, beim RadioEins Berlinale-Nighttalk zum Abschluss der 66. Internationalen Filmfestspiele Berlin 66. Internationale Filmfestspiele in Berlin (Quelle: imago/Seeliger)

Filmkritik |"Smrt u Sarajevu/ Death in Sarajevo" - Chaos in Sarajevo

In Danis Tanovićs Wettbewerbsbeitrag treffen Vergangenheit und Gegenwart Bosnien-Herzegowinas im "Hotel Europa" aufeinander. Der Film ist etwas schematisch, überzeugt jedoch als unterhaltsame satirische Parabel auf die heutige bosnische Gesellschaft. Von Ula Brunner

Danis Tanović ist ein Sohn Sarajevos. Als er dreiundzwanzig Jahre alt war, ging dort die erste serbische Bombe hoch. Später war Tanović Soldat, Filmarchivar und Dokumentarfilmer in der bosnischen Armee. Der Krieg und seine Folgen haben ihn geprägt. Heute ein preisgekrönter Regisseur, begreift er seine Filme auch als Vehikel der Aufklärung im heutigen Bosnien. Nach der Doku-Fiction "Aus dem Leben eines Schrotthändlers" - 2013 mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet - wurde er nun zum zweiten Mal in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen.

Für seinen neuen Film geht Tanović weit in die konfliktreiche Geschichte zurück, verhaftet ihn jedoch in der nicht weniger verworrenen Gegenwart: "Death in Sarajevo". Ausgangspunkt der satirischen Parabel ist der 28. Juni 2014, der 100. Jahrestag des Attentats von Sarajevo. Damals lösten die Schüsse des jungen serbischen Nationalist Gavrilo Princip auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger den Ersten Weltkrieg mit aus. 100 Jahre wird das historische Jubiläum Anlass sein, in Sarajevo mit einer Gedenkfeier für Frieden und Verständigung zu werben.

Europa in Sarajevo

Tanović montiert in seinem Film zwei Haupterzählstränge, die über lange Strecken parallel laufen und erst am Ende ineinandergreifen. Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist das Hotel Europa mitten in Sarajevo. Auf dem Dach des Hauses diskutiert eine Fernsehjournalistin mit Historikern, Journalisten und Experten die Hintergründe und weitreichenden Folgen des Attentats vor 100 Jahren. Um bei den Streigesprächen und dem Galopp durch die Historie einigermaßen mithalten zu können, müsste man schon selbst ein Balkanexperte sein. Aber der Film ist natürlich viel mehr als ein Streifzug durch die Geschichte.

Die zweite Erzählebene spielt sich im Hotel ab. Hier bereitet man sich derweil auf den Empfang der internationalen Ehrengäste für die Gedenkfeier vor. Und dabei geht es alles andere als friedvoll her. Seit Monaten haben die Angestellten keinen Lohn erhalten. Im Blitzlicht der Öffentlichkeit wollen sie nun endlich auf ihre missliche Situation aufmerksam. Hatidza aus der hauseigenen Wäscherei ist zum Streiken entschlossen und lässt sich das auch von ihrer Tochter Lamija, die an der Rezeption arbeitet, nicht ausreden. Doch ein Streik bedeutet das Aus für das wirtschaftlich marode Hotel. Und das versucht Direktor Omer mit allen Mittel zu verhindern.

Mikrokosmos des heutigen Sarajevo

Gerade in den im Hotel spielenden Szenen treibt Tanović den Plot voran, folgt mit einer dynamischen Kamera den Protagonisten durch Gänge, Küche und Foyer, bis hin zum Keller, wo die Monitore der versehentlich installierten Überwachungskamera für den französischen Ehrengast installiert sind. Viel zu sehen gibt es für die übermüdeten Polizeibeobachter nicht, übt der Mann doch nur seine Rede über die Bedeutung Europas für das ehemalige Jugoslawien. Mit pointierten Dialogen, skizzierten Figuren und Lebensgeschichten, leichthändig und einem ausgeprägten Gespür für groteske Momente, entfaltet sich ein sehr lebendiger Mikrokosmos der bosnischen Gesellschaft: von den Angestellten, die um ihren Lohn kämpfen, bis zum Provinzjournalisten, der stolz denselben Namen wie der Attentäter von 1914 trägt, vom den erschöpften Hotelmanager bis hin zur intellektuellen Fernsehjournalistin.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

"Ich hoffe, dass wir mit diesem Film etwas bewegen können in Bosnien. Wir sind noch immer viel zu viel mit unserer Geschichte beschäftigt, wir vergessen die Gegenwart darüber und auch die Zukunft", erklärte Tanović auf der Berlinale. Genau davon erzählt er in seinem Film: Auf dem Hoteldach wird erbittert über die Vergangenheit gestritten – War Gavrilo Princip ein serbischer Märtyrer oder ein Krimineller? Wer stand wo während des Bosnienkriegs? – während man sich im Hotel mit der unerfreulichen Gegenwart herumschlagen muss. Dieser narrative Schematismus wirkt natürlich sehr konstruiert, doch zugleich funktioniert sie als Parabel auf die verworrene gesellschaftspolitische Situation im ehemaligen Jugoslawien erstaunlich gut: Der Kopf analysiert, man streitet sich, aber dadurch wird nichts anders und schon gar nicht besser. Die ganze Geschichte ist heute nicht weniger verfahren als vor hundert Jahren.

RSS-Feed
  • Carsten Beyer (Quelle: rbb/ Dieter Freiburg)

    Carsten Beyer

  • Patrick Wellinski (Quelle: rbb)

    Patrick Wellinski

  • Reiner Veit (Quelle: rbb)

    Reiner Veit

  • Harald Asel (Quelle: rbb)

    Harald Asel

  • Hannelore Heider (Quelle: rbb)

    Hannelore Heider

  • Andreas Kötzing (Quelle: dpa)

    Andreas Kötzing

  • Ursula Brunner (Foto: Karo Krämer/Grafik: rbb)

    Ula Brunner

  • Knut Elstermann (Quelle: rbb/radio eins)

    Knut Elstermann

  • Stephan Karkowsky (Quelle: rbb/radio eins)

    Stephan Karkowsky

  • Anke_Sterneborg (Quelle: rbb/ Gregor Baron)

    Anke Sterneborg

  • Anna Wollner (Quelle: rbb)

    Anna Wollner

  • Christine Deggau (Quelle: dpa)

    Christine Deggau

  • Fabian Wallmeier (Foto: Karo Krämer/Grafik: rbb)

    Fabian Wallmeier

Beitrag von Ula Brunner

Das könnte Sie auch interessieren

Verleihung der Bären am 20.02.2016: Preisträger Goldener Bär für den Besten Film: Gianfranco Rosi ("Fuocoammare") (Quelle: dpa)

Bilanz | Berliner Filmfestspiele 2016 - Berlinale zeigt sich politischer denn je

An diesem Thema ist auch die 66. Berlinale nicht vorbei gekommen: Mit dem Goldenen Bären wurde am Samstag die Flüchtlings-Doku "Fuocoammare" von Gianfranco Rosi ausgezeichnet. Obwohl einige Bären-Kandidaten von der Jury nicht bedacht wurden, zeichnete sich diese Berlinale durch Qualität und Vielfalt aus. Von Knut Elstermann

Moderatorin Anke Engelke (li.) spricht am 21.02.2016 mit den Mitgliedern der Berlinale-Jury (Quelle: dpa)

Kommentar | Berlinale-Bilanz - Besser kann es keine Jury machen

Die Berlinale hatte in diesem Jahr wieder großartige Filme im Angebot. Die Jury war - mit Meryl Streep als deren Präsidentin - hochkarätig und charismatisch besetzt.  Doch ein Schwachpunkt war der Wettbewerb. Daraus treffsichere Entscheidungen zu treffen, verdient auch eine Auszeichnung meint Reiner Veit.