
Porträt eines Unbequemen - Ai Weiwei in China: Macht und Ohnmacht der Kunst
Im Berliner Martin-Gropius-Bau wird am Mittwochabend die große Werkschau von Ai Weiwei eröffnet. Er ist Chinas bekanntester Künstler der Gegenwart, zugleich ein scharfer Kritiker der Pekinger Regierung. Daher darf er in China seit Jahren nicht ausstellen, wird im Internet zensiert und von den staatlichen Medien ignoriert. Trotzdem mischt er sich ein in gesellschaftliche Debatten. Allerdings etwas leiser als früher. Ein Porträt von Ruth Kirchner, ARD-Korrespondentin in China.
Ai Weiwei wird vom offiziellen China seit Jahren tot geschwiegen, doch in Peking kommt man an ihm nicht vorbei. Die gewaltige Stahlkonstruktion des Olympiastadions wurde von ihm mit entworfen. Auch die graue Backstein-Architektur des Künstlerviertels Caochangdi trägt seine Handschrift. Dort – zwischen Flughafenautobahn und einer Bahnstrecke – liegt hinter einer Stahltür "Fake", sein Atelier. Leicht zu erkennen an der Überwachungskamera vor der Tür. Ai trägt es mit Fassung: "Ich habe immer gesagt, ich habe keine Geheimnisse. Ich habe [den Sicherheitsbehörden, Anm. d. Red.] sogar gesagt, sie könnten bei mir einziehen oder in meinem Büro sitzen. Ich habe nichts zu verbergen", erklärt er.
Das Publikum ist wichtig
In seinem Atelier herrscht immer ein reges Kommen und Gehen. Bernsteinfarbene Katzen sonnen sich im Hof – als gäbe es den Trubel nicht. Ai Weiwei ist ein Künstler, der Öffentlichkeit und Auseinandersetzung sucht. Schon deshalb trifft ihn das Ausstellungs- und Reiseverbot der chinesischen Behörden besonders hart: "Als Künstler ist die Kommunikation, die eigene Botschaft, auch die Kritik an einer Ausstellung ein wichtiger Teil des Schaffensprozesses. Dieser Prozess endet ja nicht mit dem Werk. Die Kommunikation mit dem Publikum gehört zum Leben des Kunstwerks dazu. Das Ausstellen ist nur die Hälfte der Arbeit."

Kunst für Bürgerrechte
Berühmt wurde Ai 2007, als er 1.000 und einen Chinesen – darunter einfache Bauern –zur documenta nach Kassel brachte. Ein Globalisierungsmärchen und perfektes Beispiel seines Verständnisses von Kunst: Kunst müsse dem wirklichen Leben begegnen, sagte er damals. Auf offenen Konfrontationskurs ging er erst später – mit seinen Blogs, die daraufhin geschlossen wurden, und mit einer politischen Aktion, die bis heute in seinem Atelier hängt: 5.000 Namen von Schulkindern, die 2008 beim schweren Erdbeben in Sichuan in Pfuschbauten ums Leben kamen. Ai und seine Mitarbeiter hatten die Namen gesammelt – um das offizielle Schweigen über die Tragödie zu brechen. "Wir müssen uns selbst und anderen beibringen, mit so einer Situation umzugehen", sagte er 2009. "Es geht um Bürgerrechte. Es geht darum, dass auch wir als Bürger Verantwortung übernehmen müssen."
Schikanen und Einschränkungen
Doch wie machtlos die Kunst ist, hat Ai Weiwei in der eigenen Familie erfahren. Sein Vater, der berühmte Dichter Ai Qing, wurde während der maoistischen Kampagnen aus Peking verbannt und musste während der Kulturrevolution Toiletten putzen. Ai Weiwei wurde spätestens seit 2008 schikaniert, dann verfolgt und 2011 schließlich monatelang verschleppt. Die Behörden verdächtigten ihn, dass er ein Drahtzieher von Aufrufen zu Massenprotesten sein könnte, die letztlich nie stattfanden.
Es folgten Vorwürfe wegen Steuerhinterziehung gegen seine Kunstproduktionsfirma, kafkaeske Auseinandersetzungen mit einer undurchschaubaren und politisch gegängelten Justiz; Interviewverbote, strengste Überwachung und das Reiseverbot. Ai Weiwei stellt trotz all der Einschränkungen weiter im Ausland aus, hat auch im eigenen Land viele Unterstützer, arbeitet rastlos wie eh und je. Dennoch sagte er, er sei müde. "Ich habe n den letzten Monaten seltener auf Twitter kommentiert. Ich äußere mich weniger. Denn immer wieder laufe ich gegen eine Wand. Ich denke, man darf nicht nur reden, sondern muss auch etwas tun. Aber dann bekomme ich sofort Schwierigkeiten."

6.000 Hocker an einem Ort
Seine Überzeugungen haben sich gleichwohl nicht geändert: China brauche mehr Freiheit, sagt er, freie Medien, mehr Transparenz, Rechtsstaatlichkeit. In Interviews hält er damit weiterhin nicht hinterm Berg. Seine Erfahrungen mit dem Einparteienstaat hat er auch in seiner Kunst verarbeitet. Eine Nachbildung seiner Gefängniszelle ist in Berlin zu sehen. Andere Werke bleiben seinem großen Lebensthema verpflichtet, den Spannungen zwischen Individuum und Masse, Geschichte und Moderne in der chinesischen Kultur – etwa die Millionen von handbemalten Sonnenblumenkernen aus Porzellan, die er 2010 in London zeigte.
Oder, jetzt in Berlin, eine Installation mit 6.000 Hockern: "Diese 6.000 Hocker stammen von ganz normalen chinesischen Familien. Sie sind ganz einfache Möbelstücke. Sie haben alle die gleichen Form, sind praktisch. Ihre Existenz ist so bescheiden, dass wir sie im Alltag gar nicht wahrnehmen. Sie haben sonst nie die Möglichkeit zusammen an einem Ort zu sein. Aber ihre Zahl beeindruckt mich immer wieder."
Ein unbequemer Zeitgenosse
Die alten Hocker symbolisieren auch Familienstrukturen – und ihren Zerfall, das Auseinanderdriften der Gesellschaft, die Entwurzelung im heutigen China. Solche Prozesse sichtbar zu machen, zeichnet Ais Werke aus. Gefährlich wird er damit den Machthabern in China eigentlich nicht.
Trotzdem bleibt Ai Weiwei den Behörden ein Dorn im Auge – als unbequemer Zeitgenosse, der Anpassung und Unterordnung verweigert. Er sei doch nur ein Künstler, sagt der 56jährige augenzwinkernd. Aber halt einer, der einige Wahrheiten sehr viel offener ausspricht als andere Künstler.


