Ausstellung eröffnet ohne großen Andrang - Darf Ai Weiwei doch nach Berlin?
Es ist seine weltweit bislang größte Ausstellung – an einem Ort, an dem er noch nie war. Weil Regimekritiker Ai Weiwei keine Ausreisegenehmigung bekam, musste er die 18 Räume im Gropius-Bau aus der Ferne bespielen. Das Ergebnis kann sich trotzdem sehen lassen - auch wenn der Besucherandrang sich am ersten Ausstellungstag in Grenzen hielt. Jetzt weckt Kunstförderer Raue Hoffnung, dass Ai Weiwei doch noch nach Berlin reisen darf.
Nur per Videobotschaft konnte Ai Weiwei am Mittwochabend die Premierengäste seiner weltweit bislang größten Einzelausstellung begrüßen. Die chinesische Regierung erteilte dem bekannten 56-jährigen Regimekritiker keine Ausreisegenehmigung. Die 18 Ausstellungs-Räume, die er zur Hälfte mit neu geschaffenen Werken füllte, konzipierte er von China aus.
Doch nun weckt der Kunstförderer Peter Raue doch noch Hoffnung, dass Ai Weiwei nach Berlin kommen kann. "Das er diese Ausstellung sehen wird, davon bin ich eigentlich fest überzeugt", sagte Raue am Donnerstag im rbb. Er glaube, dass Ai Weiwei schon in Kürze einen Pass ausgehändigt bekomme. Neben dem starken Einsatz von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier gebe es von Seiten des chinesischen Botschafters entsprechende Hinweise. Kulturstaatssekretärin Monika Grütters hatte vorab erklärt, Ai Weiwei sei zu einem Symbol für den Widerstandsgeist der Kunst geworden. "Wir alle versichern diesem unbeugsamen und freien Geist unsere tiefe Solidarität."
Museumsdirektor hatte an Reisegenehmigung gezweifelt
Gereon Sievernich, Direktor des Martin-Gropius-Bau, hatte am Mittwoch noch bezweifelt, dass Ai Weiwei eine Reisegenehmigung erhält."Ich weiß nicht, ob die politischen Bemühungen das Herz der Regierung erreichen. Ich habe meine Zweifel, aber wir hoffen."
Für Sievernich war die Ausstellung wegen der Abwesenheit des Künstlers eine große Herausforderung. "Ai Weiwei kennt den Gropius-Bau überhaupt nicht, er war nie hier," sagt er. Doch trotz der räumlichen Distanz haben die Museumsverantwortlichen bei der Konzeption der Ausstellung eng mit Ai Weiwei zusammengearbeitet.
Sievernich flog mehrfach nach Peking, um mit dem Künstler über die Ausstellung zu beraten. "Wir haben ihm alle Räume, die Wände und die alten Decken erklärt. Er hat lange als Architekt gearbeitet und über 60 Häuser gebaut. Er kann also Pläne lesen und hat sich so für jeden Raum etwas ausgedacht", berichtet Sievernich. "Ich bin beeindruckt wie er das geschafft hat, das alles aus dieser Entfernung in dieses gar nicht unkomplizierte Gebäude hinein zu applizieren."
Symbolkräftige Konzeptkunst
Etwa die Hälfte der Kunstwerke erschuf der Künstler neu, bespielte im Gropius-Bau insgesamt 18 Räume und den Lichthof. Dort sind 6.000 antike Holzschemel aufgereiht, die einst in alten Bauernhäuser standen, jedoch von ihren ehemaligen, in die Städte abgewanderten Bewohnern zurückgelassen worden. Sie sollen symbolisieren, wie die Chinesen bei der Landflucht ihre Vergangenheit zurücklassen - eine für Ai Weiwei typische Metapher für sein Land zwischen Tradition und Moderne.
"Die Bauern haben diese Stühle vielleicht sogar selber gebaut. Dann gehen sie in die Stadt und lassen die Stühle und ein Stück ihrer Individualität zurück. Wenn sie zurückkommen wollen, ist ihr Dorf vielleicht schon weg, weil es sich irgendein Immobilienhai gegriffen hat. Auch darüber spricht Ai Weiwei. Er sagt, wir Chinesen haben keinen Besitz, wir haben kein Geld, jeder kann uns jederzeit alles nehmen. Es ist auch eine gewisse Melancholie, die in dieser Ausstellung darin mitschwingt", sagt Kurator Gereon Sievernich.
In einem anderen Ausstellungssaal ist ein leuchtend blaues Meer mit Inseln zu sehen, die auf Stelzen und damit auf dem Trockenen stehen - Ai Weiweis Kommentar auf den chinesisch-japanischen Streit um die Diaoyu-Senkaku-Inseln im Pazifik.
Chinesische Behörden verweigern Ausreise
Es sind solche Kunstwerke, die seinen Wunsch ins Ausland zu reisen, bisher wiederholt vereitelt haben. Ai Weiwei ist seit Jahren mit einem Reiseverbot belegt. Vor mehr als drei Wochen soll er einen neuen Antrag gestellt haben, doch eine eindeutige Antwort von den chinesischen Behörden blieb bisher aus.
Ai Weiwei wurde vor drei Jahren von den chinesischen Behörden festgenommen und für drei Monate an einem unbekanntem Ort festgehalten. Dabei wurde ihm auch der Reisepass abgenommen. Trotz mehrerer Anträge wurde ihm die Rückgabe des Passes bisher verweigert. Seit seiner Freilassung wird er von den Behörden in China überwacht.
Generell sei die Situation für ihn etwas einfacher geworden, sagte der 56-Jährige vergangene Woche in einem ARD-Hörfunkinterview in Peking. Zwar dürfe er seine Kunst im Land selbst nicht zeigen, aber niemand hindere ihn daran, im Ausland Ausstellungen zu organisieren. Auch die Sicherheitshörden würden ihn nicht mehr regelmäßig vorladen.
In der Berliner Ausstellung setzt Ai Weiwei auch Erfahrungen aus dieser Zeit in Kunst um. Zu sehen ist etwa der originalgetreue Nachbau seiner Zelle, in der er unter folterähnlichen Bedingungen in Isolationshaft gehalten wurde. "Er will mit seinem Konzeptkunstwerk die Wahrheit beweisen. Er will sie unvergänglich machen", erklärt der Direktor des Martin-Gropius-Baus, Gereon Sievernich, den Anspruch Ai Weiweis.
Mit Informationen von Maria Ossowski, Barbara Wiegand und Ruth Kirchner







