
Interview in Peking - "Wir streben alle nach Freiheit"
Er ist Chinas bekanntester Künstler der Gegenwart, zugleich ein scharfer Kritiker der Pekinger Regierung. Deswegen wird er vom offiziellen China seit Jahren totgeschwiegen. ARD-Korrespondentin Ruth Kirchner hat im Vorfeld seiner Berliner Werkschau mit Ai Weiwei gesprochen.
Herr Ai, wann bekommen Sie Ihren Pass zurück?
Ai Weiwei: Bislang habe ich ihn noch nicht. Sie haben mir nicht klar und deutlich gesagt, ob ich ihn bekomme oder nicht. Es gibt keinen klaren Grund, mir Reisen ins Ausland zu verweigern. Daher denke ich, die Möglichkeit besteht. Aber ich weiß nicht wann.
Haben Sie noch Hoffnung?
Ich habe meinen Koffer schon gepackt. Sobald ich meinen Pass bekomme, werde ich losfahren, um an meiner Ausstellung teilzunehmen. Ich würde gerne einen halben Monat in Berlin bleiben.
Würde man Sie denn nach China zurücklassen?
Ich denke, wenn man mich reisen lässt, lässt man mich mit Sicherheit auch wieder zurück.
Werden Sie weiterhin streng überwacht?
Seit über einem Jahr bin ich nicht mehr zum Tee trinken eingeladen worden ["Tee trinken" ist eine Umschreibung für eine Vorladung zur Polizei oder zu anderen Sicherheitsbehörden, Anm. d. Red.]. Sie belästigen mich nicht. Sie behandeln mich besser als andere.

Wie steht es um Ihre persönliche Freiheit?
Ich denke, in Peking habe ich noch die größten Freiheiten. Natürlich werden die Telefone abgehört, aber das ist ja auch bei Frau Merkel so (lacht). Ich habe immer gesagt, ich habe keine Geheimnisse. Ich habe gesagt, die Sicherheitsbehörden können bei mir einziehen oder in meinem Büro sitzen. Ich habe nichts zu verbergen. Ich werde nicht mehr so streng überwacht wie noch vor ein oder zwei Jahren, aber wenn ich Peking verlasse, dann werde ich kontrolliert.
Für viele Menschen ist ein Pass nichts anderes als ein amtliches Dokument. Was bedeutet er für Sie?
Für Chinesen ist ein Pass immer noch ein Luxus. Sicher, mehr und mehr Chinesen reisen ins Ausland – aus allen möglichen Gründen. Aber grundsätzlich ist es so, dass Leute mit Reisepässen ein Privileg genießen. Viele Menschen haben nach wie vor nicht die Möglichkeit, jemals ins Ausland zu reisen. Und für mich als Künstler geht es auch um die Kommunikation, um die Botschaften, um die Kritik an einer Ausstellung – das ist sehr wichtig. Es ist Teil des Schaffensprozesses. Die Fertigstellung eines Kunstwerkes ist ja noch nicht das Ende. Die Beziehung und die Verbindung mit dem Publikum gehören zum Leben des Kunstwerkes dazu. Das Ausstellen ist nur die halbe Arbeit.
Ihrer Firma "Fake" wurde Steuerhinterziehung vorgeworfen. Sie selbst und viele Unterstützer sahen dahinter einen Versuch der Behörden, Sie zum Schweigen zu bringen. Kam es jemals zur Anklage?
Es sieht so aus, als hätten sie den Fall einfach vergessen. Die Sache wird überhaupt nicht mehr erwähnt. Ich habe nichts bezahlt, und niemand fragt jemals danach. Der Fall ist vielleicht noch nicht abgeschlossen, aber sie haben ihn für immer aufgeschoben.
In Ihrer Ausstellung zeigen Sie ein Modell Ihrer Zelle, in der sie 2011 fast drei Monate an einem unbekannten Ort festgehalten wurden. Welche Rolle spielen diese Erfahrungen heute noch?
So eine Erfahrung kann niemand vergessen. Aber vielen Menschen widerfährt ganz Ähnliches. Auf mich persönlich hat es keine Auswirkungen mehr. Außer, dass ich manchmal nervös bin und mich frage, ob mir so etwas noch einmal passieren könnte. Keiner möchte so etwas erleben. Wir streben alle nach Freiheit. Aber vielleicht ist es beim zweiten Mal leichter auszuhalten, weil man es schon kennt. Vielleicht ist es wie ein Buch, das man zum zweiten Mal liest. Man kennt bereits die Einzelheiten.
Sie zeigen in Berlin auch eine Installation mit 6.000 Hockern. Was hat es damit auf sich?
Die 6.000 Hocker stammen von ganz normalen chinesischen Familien. Sie gehören zur Grundausstattung. Sie haben die gleiche Form, sind einfach und praktisch. Ihre Existenz ist so bescheiden, dass wir sie im Alltag kaum wahrnehmen. Sie haben sonst nie die Möglichkeit zusammen an einem Ort zu sein. Aber ihre Anzahl beeindruckt mich immer wieder.

Sie äußern sich in letzter Zeit pessimistischer als früher über die chinesische Gesellschaft. Haben Sie weniger Hoffnungen auf Veränderungen?
Vieles entwickelt sich in die richtige Richtung. Wenn Menschen mehr Rechte haben, übernehmen sie mit Sicherheit auch mehr Verantwortung. Und mit dem wachsenden Wohlstand fordern sie mehr Rechte ein. Aber diese Entwicklung ist sehr langsam. Und der Wandel ist nicht unumkehrbar.
Grundsätzlich bin ich nicht sehr optimistisch. Es fehlt in China seit langem an einer effektiven Struktur, die es zur Entwicklung einer komplexen Gesellschaft braucht. Zum Beispiel die Ökologie. Die Umwelt hat in den letzten Jahrzehnten schwere Schäden davon getragen, aber das umzukehren ist sehr schwer. Der Prozess dauert sehr lange. In einer Gesellschaft ohne Meinungsfreiheit und ohne eine unabhängige Justiz kann man auch die Umwelt nicht wiederherstellen.
Nehmen Sie den Smog in Peking. Nicht nur in Peking, sondern auch in der Nachbarprovinz Hebei und vielen anderen Städten. Die Politik muss dafür die Verantwortung übernehmen. Aber wenn die Öffentlichkeit von der Politik ausgeschlossen ist, woher sollen wir dann wissen, ob eine neue Politik nicht zu neuen Problemen führen wird? Weil in der Vergangenheit kurzfristige Interessen verfolgt wurden, müssen wir jetzt alle die Folgen tragen. Aber wir haben keine Plattform, dies öffentlich zu diskutieren. Stattdessen muss jeder für sich mit den Folgen leben: den Gesundheitskosten, der kürzeren Lebenserwartung. Wenn jemand darüber öffentlich spricht, gilt er als Störer der sozialen Harmonie. Als Künstler kann ich zwar meine Ansichten ausdrücken, aber auch meine Möglichkeiten sind begrenzt.
Sie halten sich mit öffentlichen Äußerungen mehr zurück als früher?
Ich äußere mich viel weniger. Denn immer wieder laufe ich gegen eine Wand, wenn ich etwas sage. Man darf nicht nur reden, sondern muss auch etwas tun, aber sobald ich etwas tue, bekomme ich Schwierigkeiten. Ich habe daher in den letzten drei Monaten auf Twitter weniger kommentiert. Ich bin müde. Ich brauche Ruhe.

Es heißt oft, im Ausland werden Sie gefeiert, in China kennt Sie niemand. Stimmt das?
Es stimmt nicht, dass die Leute mich nicht kennen. Wenn ich ins Kino gehe, in ein Restaurant oder in einen Park, werde ich gerade von vielen jungen Leuten angesprochen. Durch unsere Dokumentationen, durch den Steuerfall haben Hunderttausende mich kennen gelernt. [Zehntausende Chinesen spendeten 2011 für Ai Weiwei Geld, damit er eine Abschlagszahlung leisten konnte, Anm. d. Red.]. Außerdem gibt es mindestens zweihunderttausend chinesische Studenten in den USA und viele in Europa. Viele kennen mich und sind stolz auf mich. Viele besuchen mich, wenn sie zurückkommen. Andere versuchen online in Kontakt zu treten.
Erhalten Sie Unterstützung durch chinesische Künstler?
Nur wenig. Künstler sind nicht gut darin, sich um andere zu kümmern. Sie kümmern sich nicht um anderer Leute Glück oder Schmerz, der mit ihnen nichts zu tun zu haben scheint. Ich meine vor allem Künstler in China. Von Künstlern im Ausland – ob Schauspieler, Sänger oder Straßenmusiker - bekomme ich viel Unterstützung.


