Berliner Stadtschloss aus Lego (Bild: dpa)

Glosse - Die Rettung: Das Schloss!

Der Grundstein für das Berliner Schloss ist gelegt. Und das ist auch gut so - egal, wie nah die Stadt am finanziellen Abgrund stehen mag. Denn wozu braucht Berlin schon Straßen ohne Schlaglöcher oder funktionierende Schultoiletten, wenn es mitten in der Stadt ein schönes teures Schloss bekommen kann? Eine Glosse von Maria Ossowski.

Welch ein Tag der Freude! Dem Bund sei Dank: Endlich geht es los! Dieses Schloss brauchen wir Berliner dringender als brandschutzsanierte Flughäfen, schlaglochbefreite Strassen, bezahlbare Wohnungen und funktionierende Schultoiletten. Dieses Schloss beendet all unsere Hauptstadtkrisen, denn es passt so gut zu uns.

Der gemeine homo berlinensis ist - wie wir ja wissen - durch und durch ein geschichtlich gewachsener Aristokrat. Und zu einem solchen passt ein Schloss. Die Sprache des Berliners ist aristokratisch vornehm: "Ej Stulle, ick hau da eens uffs Maul!" Seine Manieren sind vollendet: "Wat wolln se? Wissen wo der Kudamm is. Bin ick'n Auskunftsbüro?" Und der Berliner ist weltgewandt: "Wieso soll ick vareisen? Wenn wa de Alpen in Berlin hätten, wärn se höher."

Herrlich, sich diesen Menschenschlag im und rund ums nagelneu alte Schloss vorzustellen! All die Zugereisten, die sich für unser Schloss stark gemacht haben, sie haben die wahre Natur des Berliners erkannt: Unter der proletarischen Fassade schlummert der Herzensadel und deshalb stellen sie in unsere Mitte diese nicht ganz billige Attrappe.

Rettungsschirme sind ja gerade groß in Mode

Egal, dass dieses Schloss schon zu Lebzeiten des Originals nicht das Hübscheste war! Dass deutsche Großbauprojekte grad etwas schwächeln - wen stört’s?! Dass der finanzielle Abgrund, an dem wir alle stehen, täglich tiefer wird – sei's drum, das Schloss muss nach Berlin!

Was steht in der Zeitung? Von den 80 Millionen privaten Spenden für die Fassade sind erst zehn auf dem  Konto? Stimmt, aber wer hat heutzutage noch die Spendierhosen an? Irgendwer kommt am Ende schon dafür auf, Rettungsschirme sind grad groß in Mode.

2019 soll Berlins Mitte wieder preußisch protzen, endlich haben wir auch städtebaulich die bösen Kommunisten besiegt, die unser leicht angekohltes Kleinod damals einfach gesprengt haben. Wie? 2019 weiß niemand mehr, was Kommunisten waren? Und wer's weiß, dem ist's egal? Denn Berlin könnte 2019 zahlungsunfähig sein, Lehrer und städtische Angestellte könnten verarmen? Na, umso besser, dass der Bund uns dieses Gemäuer ins Zentrum stellt!

Heinrich Zille hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts hungrige Kinder gezeichnet, die wenigstens an der Bratwurscht riechen wollten. Der Wurstverkäufer scheucht sie weg. Er will seinen Duft für sich behalten. Na, so was kann uns mit dem Schloss nicht passieren. Das ist aus bestem Beton und wenn erstmal 500 Millionen verbaut sind, dann dürfen wir es gratis bestaunen.

Beitrag von Maria Ossowski, ARD-Kulturkorrespondentin

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