2006: Protestschild vor dem Palast der Republik mit dem Schriftzug "Und wann kommt der König?"(Quelle: dpa)

Schloss-Debatte - Monarchisten gegen Modernisten?

Der Streit zwischen Schloss-Befürwortern und Gegnern war bisweilen verbissen. Worum ging es dabei eigentlich? Und was ist mit dem Palast der Republik passiert? Ein Rückblick auf die Debatten rund ums Berliner Stadtschloss.

Schon 1992 initiierte Wilhelm von Boddien, ein Kaufmann aus der Nähe von Hamburg, den "Förderverein Berliner Schloss". Ein Jahr später ließ er neben dem Palast der Republik, der in den 1970er Jahren von der DDR-Regierung an der Stelle des 1950 abgerissenen Schlosses errichtet worden war, eine Schloss-Attrappe aus goldgelb bemalter Plastikfolie und Metallgerüsten errichten. Damit setzte von Boddien die Debatte in Gang.

Worum ging es eigentlich in der Schloss-Debatte?

Eine der Konfliktlinien verlief zwischen Tradition und Moderne: Seine Gegner warfen Boddien vor, ein "Dunkelmann der Reaktion" zu sein, auf Protestplakaten gegen den Wiederaufbau hieß es: "Und wann kommt der König?" Peter Conradi verlangte als damaliger Präsident der Architektenkammer ein Gebäude, das "unserem Zeitgeist" entspricht. Zumal kaum Reste des Originals erhalten waren und somit von Denkmalpflege keine Rede sein konnte.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (dpa-Archivbild)
Auch Wolfgang Thierse (SPD) wünschte sich das Schloss zurück.
Aber es entbrannte auch ein Konflikt zwischen Ost und West. Denn eine Entscheidung für das Schloss bedeutete gleichzeitig die Entscheidung gegen den Palast der Republik. Die Gegner des Palastabrisses argumentierten: Der Palast muss bleiben, denn er ist auch Teil unserer Geschichte.

Die Mehrheit im Bundestag entschied 2002 dennoch pro Schloss. Preußenfan Boddien hatte emsige Lobbyarbeit geleistet. Die Fraktionen der Union und der FDP votierten nahezu einstimmig für das Schloss, in der SPD-Fraktion war knapp die Hälfte für die barocken Fassaden, darunter Wolfgang Thierse als ausgesprochener Schlossliebhaber. Bei den Grünen war ein Viertel für den Wiederaufbau, und selbst in der damaligen PDS-Fraktion waren zwei Abgeordnete aus Sachsen für den Wiederaufbau.
Zwischennutzung des Palastes der Republik 2004 (Bild: imago)
Zwischennutzung: Vorbereitungen für eine Veranstaltung im Palast der Rebublik.

Zwischennutzung: Kunst im Palast der Republik

2004 erhielten Künstler die Erlaubnis, den Rohbau "zwischen zu nutzen". Als "Volkspalast" lud der Rohbau zu Konzerten, Ausstellungen und Theaterstücken. Das Zusammenspiel von Kunst mit der imposanten Szenerie des entkernten Gebäudes mit seinen riesigen Stahlträgern und leeren Hallen beeindruckte die Besucher und gab noch einmal Hoffnung.

So starteten die Grünen und die Linken 2006 im Bundestag einen letzten Versuch: Sie wollten ein Abriss-Moratorium durchsetzen. Gregor Gysi (Linke) warnte davor, durch den Abriss "Sieger und Verlierer" zu kreieren, und er wartete mit einem Kompromissvorschlag auf: Der vom Asbest befreite Rohbau des Palastes sollte erhalten und Elemente des früheren Stadtschlosses integriert werden. Union, SPD und FDP lehnten jedoch ab und der Palast wurde endgültig abgerissen.

Danach kehrte oberflächlich Ruhe ein. Allein Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) nimmt ja bekanntlich kein Blatt vor den Mund und verkündete im Februar 2013: "Ich würde es nicht wieder aufbauen", so Schmidt in der "Zeit". "Ich frage mich ganz grundsätzlich: Was soll das eigentlich?“

Was ist mit dem Palast der Republik passiert?

Er war Teil der repräsentativen DDR-Architektur, um nach Innen und Außen Fortschrittlichkeit und Stärke zu symbolisieren. Baubeginn war im August 1973, und zwar auf einem Teil des Geländes, wo bis 1950 das Berliner Stadtschloss gestanden hatte. Drei Monate später legte der damalige SED-Chef Erich Honecker den Grundstein für den Renommier- Bau, 1976 war er fertig.
Palast der Republik Hauptfoyer 1982 (Quelle: imago)
Spektakuläre Beleuchtung: Im Volksmund hieß der Palast auch "Erichs Lampenladen".
Einmalig war die Funktionsvielfalt des Palastes: Er diente als Parlamentsgebäude mit Gemäldegalerie, Bowlingbahn, Jugendclub und Restaurantzentrum mit 13 gastronomischen Betrieben. Der große Mehrzwecksaal galt aufgrund seiner Variabilität bis zum Schluss als Wunderwerk der Technik. Auch die Wendegeschichte hat er miterlebt: Zum 40. Staatsgeburtstag der DDR war der Palast von Demonstranten umstellt; später wurde hier die Wiedervereinigung beschlossen.

1990 schloss die erste frei gewählte Volkskammer der DDR den Palast wegen Asbestbelastung. Von 1998 bis 2003 wurden anschließend die Asbesteinbauten entfernt, ohne dass zu diesem Zeitpunkt die politisch umstrittene Frage von Weiternutzung oder Abriss entschieden gewesen wäre. Erst nach einem entsprechenden Beschluss des Deutschen Bundestags von 2003 wurde das Bauwerk von Anfang Februar 2006 bis Anfang Dezember 2008 schrittweise abgerissen.

Die Chronologie des Berliner Stadtschlosses

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  • 1443 

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    Beginn der Arbeiten an einer Burg, welche die Handelswege auf der Spreeinsel kontrollieren soll. Im darauffolgenden Jahrhundert wird die Burg wieder abgetragen und durch erste Schlossbauten ersetzt.

  • 1701 

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    König Friedrich I. lässt das Stadtschloss zu einer prunkvollen Königsresidenz ausbauen.

  • 1850 

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    Das Schloss wird ergänzt um einen Kuppelbau nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel.

  • 1918 

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    Karl Liebknecht ruft vom Balkon des Stadtschlosses die "sozialistische deutsche Republik" aus.

  • 1945 

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    Durch den Einschlag mehrerer Bomben brennt das Schloss drei Tage lang.
    Ein Großteil des Komplexes wird zerstört; übrig bleiben nur Außenmauern und tragende Wände.

  • 1950 

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    Sprengung des Schlosses durch die DDR-Führung, die in dem Gebäude ein Symbol für den preußischen Militarismus sah. An die Stelle des Schlosses tritt der Marx-Engels-Platz als Aufmarschfeld.

  • 1976 

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    Auf dem Gelände des Schlosses wird nach knapp dreijähriger Bauzeit der Palast der Republik feierlich eröffnet.

  • 1990 

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    Im August stimmt die erste frei gewählte Volkskammer für den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Im September entscheidet die Volkskammer, dass der Palast wegen Asbests geschlossen werden muss.

  • 1992 

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    Der Hamburger Kaufmann Wilhelm von Boddien gründet den Förderverein Berliner Schloss e. V.. Sein Ziel: Die historische Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses.

  • 1994 

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    Der Förderverein Berliner Stadtschloss e.V. errichtet eine Schloss-Simulation aus bemalter Plane.

  • 2000 

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    Bundesregierung und Bundesrat setzen eine "Kommission Historische Mitte Berlin" ein.
    Nach zwei Jahren schlägt das Gremium unter anderem den Wiederaufbau von zumindest drei der Schlossfassaden vor.

  • 2002 

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    Mit großer Mehrheit folgt der Bundestag der Empfehlung der Kommission und beschließt die Rekonstruktion der Schlossfassade rund um ein neu zu errichtendes "Humboldt-Forum".

  • 2002 

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    Im November 2003 bekräftigt das Parlament den Beschluss und legt fest, dass der Abriss des Palastes der Republik im Auftrag gegeben werden soll.

  • 2003-2005 

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    Vor dem Abriss wird der Palast der Republik kulturell genutzt: etwa für das Festival Volkspalast oder eine Ausstellung originalgetreuer Kopien der chinesischen Terrakotta-Armee.

  • 2006 

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    Am Palast der Republik beginnen die Abrissarbeiten. Vorausgegangen war eine jahrelange Diskussion über den Umgang mit dem baulichen Erbe der DDR.

  • 2008 

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    Am 2. Dezember werden die letzten Reste des Palastes der Republik zum Einsturz gebracht und abstransportiert. Außerdem ist der Architektenwettbewerb entschieden: Das Stadtschloss soll nach den Plänen des Italieners Franco Stella wieder aufgebaut werden.

  • 2009 

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    Die von der Bundesregierung gegründete Stiftung Berliner Schloss - Humboldt-Forum nimmt ihre Arbeit auf. Sie ist Bauherrin des Projekts. Architekt Franco Stella erhält nach einem langwierigen Streit einen neuen Vertrag.

  • 2010 

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    Der Bau des Informationszentrums zum Schlossprojekt ("Humboldt-Box") beginnt. Anfang Juni beschließt das Bundeskabinett wegen Sparzwängen, den Baubeginn für das Schloss von 2011 auf 2014 zu verschieben. Daraufhin friert auch das Land Berlin seine Mittel ein.

  • 2011 

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    Der Haushalstausschuss des Bundestags macht den Weg für das Projekt frei. Dabei setzten die Abgeordneten die Kostenobergrenze von zuerst 552 auf 590 Millionen fest. Am 30. Juni 2011 wird die Infobox zu Homboldtforum eröffnet, hier können sich Interessierte über das geplante Humboldt-Forum und über den Baufortschritt zu informieren.

  • 2012 

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    Für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses beginnen am 21. Juni 2012 die Arbeiten an der Baugrube.

  • 2013 

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    Am 12. Juni 2013 legt Bundespräsident Joachim Gauck offiziell den Grundstein für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses in Form des Humboldt-Forums. 2019 soll der Bau fertig sein.

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