
Regisseurin Franziska Buch - Sechs Fragen, sechs Antworten
Warum widmen Sie sich als erwachsener Mensch dem Thema Märchen?
Die Grimms Märchen gehören - ähnlich wie etwa die griechischen Heldensagen - zu großartigsten archetypischen Erzählungen der europäischen Kultur. Sie sind, wenn man so will, eine Art kollektives Wiegenlied menschlicher Psyche und Kreativität. Wohl kaum eine andere Literatur aus deutschen Landen hat in den letzten Jahrhunderten weltweit so viele Kinder und Erwachsene in ihren Bann gezogen, wie Grimms Märchen.
Außerdem sind Kinder das begeisterungsfähigste, ehrlichste und dankbarste Publikum, das man sich als Regisseurin denken kann. In unserer Branche gibt es so eine Art ungeschriebener Regel, die lautet: Einmal in seinem Leben muss man an einem Märchen mitwirken. Das hier war die Gelegenheit!
Warum gerade dieses Märchen?
"Der Froschkönig" beeinhaltet die vermutlich berühmteste Verwandlung der Literaturgeschichte. Ein Frosch wird zum Traumprinz. Welche Frau hat davon noch nicht geträumt?
Welches ist Ihr Lieblingsmärchen?
Als Kind war es "Dornröschen". Als ich Mutter wurde, war es "Rotkäppchen", weil die tägliche Gute-Nacht-Forderung meiner den bösen Isegrimm fürchtenden Tochter lautete: "Mami, bitte erzähl mir Rotkäppchen und der Wolf - aber ohne Wolf!" Heute ist es "Brüderchen und Schwesterchen".
Was ist die Moral vom Märchen "Der Froschkönig"?
Mädchen, füg dich der Fremdbestimmung durch den Vater nicht!
Haben Sie eine eigene Interpretation?
Ja, eine durchaus emanzipatorische. Die Prinzessin unserer Verfilmung soll von ihrem Vater aus Gründen der Staatsräson mit einem vermögenden Prinzen (zwangs-)verheiratet werden, den sie nicht liebt. Die goldene Kugel, die sie zu ihrem 18. Geburtstag erhält, ist ein Vermächtnis ihrer Mutter, die es gewagt hatte, aus einer sie beengenden Ehe zu fliehen und die dabei zu Tode kam.
Als die Prinzessin diese goldene Kugel - das Vermächtnis - im Schloßteich verliert, tritt der Frosch als vermeintlicher Retter auf den Plan. Doch als der König seine Tochter zwingen will, wider ihren Willen ihre Verpflichtungen und Versprechen gegenüber dem verhassten Frosch einzulösen, rebelliert das Mädchen erstmals gegen die Autörität des Vaters. Sie wirft den Frosch in einem Akt des Widerstands gegen die Wand.
Diese Rebellion gegen den Vater bewirkt gleich zwei Verwandlungen: Erstens die des hässlichen Frosches in einen wunderschönen Prinzen und zweitens die des angepassten Mädchens in eine selbstbestimmte erwachsene Frau. Jetzt nimmt sie ihr Leben in die Hand. Sie löst das Eheversprechen mit dem ungeliebten Verlobten und überlässt den Vater damit der Selbstverantwortung für das Wohl seines Königreichs. Wenn er sie als Tochter nicht verlieren will, muss er jetzt akzeptieren, dass sie ihren eigenen Weg geht, ihrem eigenen Kopf folgt und ihn zugunsten des Mannes ihres Herzens verlässt.
Dieser emanzipatorische Ansatz, ein sehr lebendiges Mädchen zu zeigen, das ohne Rücksicht auf moralischen Konventionen wagt, gegen staatliche und väterliche Autorität aufzubegehren um seinem eigenen Willen, seinem eigenen Lebensplan zu folgen, war mir bei der Interpretation dieses Märchens besonders wichtig.
Um so mehr, als es in der Kinderliteratur immer noch zu wenige starke, unkonventinelle weibliche Heldinnen gibt! Und genau die brauchen Mädchen und Jungs!
Welche Unterschiede gibt es zwischen der Vorlage und dem Film?
Unsere Verfilmung folgt dem Faden des Märchens, nimmt sich aber eine ganze Reihe erzählerischer und formaler Freiheiten. Soziales Umfeld und persönliche Lebensgeschichte der Heldin wurden stark verändert. Es wurden eine ganze Reihe von Figuren hinzuerfunden, die es im Märchen nicht gibt. Der Film ist zwar erkennbar historisch und dort im Barock verankert, in seiner Erzähstruktur, den Dialogen und der Bildsprache ist er jedoch modern und gegenwärtig.
Es war mir - wie der Produzentin und Co-Autorin Uschi Reich - besonders wichtig, dem Märchen einen modernen, frischen, zeitgemässen Look zu verpassen: ein Klassiker im modernen Gewand für moderne Kinder. "Der Froschkönig" wurde ja bereits mehrfach verfilmt und ich denke, eine Neuadaption dieses Klassikers macht nur dann Sinn, wenn man es wagt, eine eigene, zeitgemässe Interpretation dieser alten Geschichte zu kreiieren.






