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Einen Tag nach Bekanntwerden des mutmaßlichen sexuellen Missbrauchs einer 16-Jährigen an der Berliner Charité durch einen Krankenpfleger hat die Klinikleitung weitere Versäumnisse einräumen müssen. Sowohl Vorstandschef Karl Max Einhäupl als auch der Ärztliche Direktor Ulrich Frei waren bereits zwei Tage nach dem Vorfall informiert - allerdings ohne Details zu kennen, sagten beide am Donnerstag. Einhäupl hatte zuvor erklärt, erst sechs Tage später informiert worden zu sein.
"Ich habe die Information nicht richtig erfasst", sagte Einhäupl. "Das hätte ich besser verstehen müssen." Schuld an dieser oberflächlichen Bewertung sei eine mangelhafte "Berichtslinie" in diesem Fall im Unternehmen.
Ein externes Expertengremium soll nun Strukturen und Informationswege überprüfen. Dem Gremium gehören unter anderem die ehemalige Justizministerin Brigitte Zypries sowie Vertreter des Kinderschutzvereins "Innocence in Danger" an.
Gegen den Pfleger wurde schon mehrmals ermittelt
Der inzwischen suspendierte Pfleger soll am Mittwoch vor einer Woche eine 16-Jährige in der Rettungsstelle sexuell missbraucht haben. Die Charité-Führung räumte am Donnerstag ein, dass gegen den 58-Jährigen schon mehrmals wegen sexueller Übergriffe ermittelt wurde, zuletzt im vergangenen Jahr. Vorfälle aus den Jahren 2005 und 2009 würden jetzt geprüft.
Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen den inzwischen suspendierten Pfleger ein. Die Charité schaltete eine Telefon-Hotline für besorgte Eltern frei.
Krisentreffen mit der Wissenschaftssenatorin
Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) traf sich noch am Donnerstagabend mit Klinikchef Einhäupl. Ob dabei auch über personelle Konsequenzen an der Charité beraten wurde, konnte eine Sprecherin der Klinik nicht sagen.
Scheeres hatte solche Konsequenzen zuvor nicht ausgeschlossen. "Ich möchte genau wissen: Wer wusste wann was?", sagte die Senatorin am Rande der Sitzung des Abgeordnetenhauses.
Zudem müsse dringend geklärt werden, warum ein Pfleger, der schon mehrmals einschlägig aufgefallen sei, weiter mit Kindern arbeitete. Von der Klinikleitung erwarte sie eine vollständige Aufklärung.
Ärztekammer-Präsident nimmt Klinik in Schutz
Der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günter Jonitz, betonte im rbb, Krankenhäuser müssten dafür sorgen, dass Mitarbeiter keine Angst hätten, über Vorfälle oder Missstände zu berichten. Zugleich nahm Jonitz die Charité in Schutz. Sie bemühe sich nach Kräften um ein besseres Risikomanagement, sagte Jonitz. Aber es handele sich um die größte Universitätsklinik in Europa, was die Aufgabe erschwere.
Ermittlungen "nicht einfach"
Die Berliner Staatsanwaltschaft hat inzwischen Ermittlungen wegen sexuellen Missbrauchs eingeleitet. Der Fall sei aber nicht einfach, da der Übergriff schon vor mehr als einer Woche passiert sei, sagte der Sprecher der Anklagebehörde, Martin Steltner.
Beweismittel wie DNA-Spuren gebe es leider nicht mehr. Darum müsse man vor allem auf Zeugenaussagen zurückgreifen, etwa die der mutmaßlich Geschädigten. Der 58 Jahre alte Tatverdächtige sei bislang wegen ähnlicher Fälle nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten.
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/nachrichten/politik/2012_11/charite_missbrauchsvorwurf.html